Zweimal verfehlt

Kirche und Klima: Die Gliedkirchen der EKD erreichen ihre Ziele nicht

Augen auf und nach Brüssel schauen!  Denn da treffen sich heute und morgen die Staats- und Regierungschefs der EU und reden über gewichtige Themen: Brexit, Corona, aber eben auch über den Klimaschutz. Auf der Tagesordnung steht der Vorschlag, das EU-Klimaziel zu verschärfen und bis 2030 nicht nur 40 Prozent weniger Treibhausgabe auszustoßen als 1990, sondern 55 Prozent. Immer noch zu wenig, sagen die Kritiker, darunter auch die beiden großen Kirchen in Deutschland.  Sechzig Prozent sollten es stattdessen sein und das brutto, also ohne irgendwelche Gegenrechnungen von Wäldern und anderen CO2-Speichern, wie es die EU-Kommission will. Das hat ja auch schon die Synode der EKD auf ihrer letzten Tagung im November gefordert und gegen diesen Beschluss ist natürlich gar nichts zu sagen. Zumal ja auch gut protestantisch die eigenen Klimasünden thematisiert und für die Landeskirchen und die EKD entsprechende Ziele ausgegeben wurden: eine Emissionsminderung um 60 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 2005 und Klimaneutralität im gesamten evangelisch-kirchlichen Bereich bis spätesten 2050.

Was aber nicht in dem Beschluss erwähnt und auf der Synode auch nicht wirklich diskutiert wurde: Die Gliedkirchen der EKD haben bereits zweimal ihre selbstgesteckten Ziele verfehlt. Von 2005 bis 2015 sollten die CO2-Emissonen um 25 Prozent sinken, erreicht wurden nur 20 Prozent. Und auch das für dieses Jahr anvisierte Reduktionsziel von 40 Prozent wurde weit verfehlt. Nach den Berechnungen der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft, die den Klimabericht für die EKD erstellt und ihn auf der Synode vorstellte, wurden gerade einmal 29 Prozent erreicht.  Das stärkt nicht gerade die eigene Position in der Debatte um Klimaschutzziele.

Dünne Datenlage

Nun muss man bei diesen Zahlen einiges berücksichtigen. Es geht um eine Gesamtbetrachtung aller Landeskirchen und der EKD, was bedeutet, das einzelne Landeskirchen sehr wohl zumindest das erste Ziel für 2015 erreicht hatten, nämlich Baden, die Nordkirche und Württemberg. In Bremen hingegen stiegen die Emissionen sogar um zwei Prozent, was wohl dem Ausbau von Kitaplätzen geschuldet ist.

Zudem ist grundsätzlich die Datenlage für diesen Zeitraum dünn, nur für acht Landeskirchen liegen belastbare Daten vor. Und für den Zeitraum bis 2020 kam lediglich eine Landeskirche, Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO), hinzu. Allerdings hat dem Klimabericht zufolge keine davon das Ziel erreicht, mit einer kleinen Unsicherheit in Baden, wo 2018 ein Sonderprogramm im Gebäudesanierungsbereich aufgelegt wurde, um die prognostizierte Lücke zu schließen. Ob das noch gereicht hat, war bei Erstellung des Klimaberichts nicht sicher. Aber die Wissenschaftler der FEST halten es für „wahrscheinlich, dass das 40 Prozent-Ziels nicht erreicht werden wird beziehungsweise worden ist.“

Es gibt also statistische Unsicherheiten, doch der Trend ist klar – und der zeigt eine deutliche Lücke zwischen Ambitionen und Erreichtem. „Es ist noch Luft nach oben“, sagt Oliver Foltin, Stellvertretender Leiter der FEST. Dabei sieht er sehr wohl, dass das Thema in den Landeskirchen angekommen ist und wichtig genommen werde. „Fast überall wird im Klimaschutz systematisch etwas gemacht“, sagt er im Gespräch mit „zeitzeichen“. Aber es gebe eben auch immer wieder auftauchende Probleme, die den Klimaschutz hemmen. So etwa im Gebäudebereich, der den weitausgrößten Posten in der CO2-Bilanz der Landeskirchen ausmacht. „Energetische Sanierung kostet Geld“, sagt Foltin und verweist auf die Förderprogramme des Bundes, die zwar bei der Finanzierung helfen. Aber der aufzubringende Eigenanteil sei für ärmere Gemeinden und Landeskirchen manchmal schon ein Problem. Und das besonders, wenn in manchen Regionen strukturelle Veränderungen anstehen und noch nicht immer klar ist, welches Gebäude auch in Zukunft noch kirchlich genutzt wird.

Graues Loch

Das gilt auch und besonders für die Kirchen im Osten Deutschlands und ist wohl einer der Gründe, warum auf der Karte mit den Landeskirchen im Klimabericht ein graues Loch im sogenannten Mitteldeutschland gähnt. Von den fünf Landeskirchen, die kein gemeinsam mit der FEST entwickeltes Klimaschutzkonzept haben, liegen drei im Osten Deutschlands: Anhalt, Sachsen und die Evangelische Kirche von Mitteldeutschland (EKM). Hinzu kommen die kleineren Landeskirchen Braunschweig und Schaumburg Lippe im Westen. Dabei gibt es auch in diesen Kirchen durchaus Initiativen für den Klimaschutz, etwa in der EKM. Dort produziert die Landeskirche selber Windstrom und hat sich zum Ziel gesetzt, den eigenen Strombedarf damit zu decken. Unter anderem für Elektro-Autos, die Pfarrern und Pfarrerinnen in ländlichen Regionen in Tests bereits zu Verfügung gestellt wurden. Und in Sachsen gibt es eine „Beschaffungsrichtlinie“ für den klimaschonenden Einkauf von Arbeitsmaterialien, oder auch die Initiative „Anders wachsen“, die teilweise von der Landeskirche gefördert wird.  Im Rahmen eines „Klimaschutzteilkonzepts“ wurden vor knapp zehn Jahren 64 überwiegend kirchgemeindliche Gebäude auf ihre Energieverbräuche untersucht und Sparvorschläge gemacht. Ob diese aber umgesetzt werden und wie sich der entwickelt hat, wurde dann nicht mehr erfasst. Oliver Foltin von der FEST beklagt daher möglicherweise zurecht: „Die Landeskirchen ohne Konzept wissen nicht, wo sie stehen.“

Gerade in den Ostkirchen gibt es aber Vorbehalte gegen eine zu große Verpflichtung gegenüber den FEST-Konzepten, selbst wenn diese mit hoher finanzieller Förderung einhergehen. Einerseits aus strukturellen Gründen, weil eben das Personal und das Geld für Stellen in diesem Bereich knapp sind.

Anderseits, so hört man es aus den Gesprächen mit Vertretern der Kirchen heraus, geht es wohl nach wie vor um Mentalitätsfragen. Viele Protestanten und Protestantinnen in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt sind skeptisch gegenüber den als „zentralistisch“ und „unflexibel“ empfundenen Klimaschutzkonzepten auf EKD-Ebene, die man als weit weg von den Lebenswirklichkeiten einer Gemeinde im Osten Deutschlands wahrnimmt. Und wer sich finanziell fördern lässt, muss sich rechtfertigen für das was für den Klimaschutz getan wird – oder eben auch nicht. Auch das wird von so mancher Gemeindeleitung als Beschränkung ihrer Entscheidungsfreiheit gewertet.

Hilfreiche Trends

Was muss also geschehen, damit 2030 nicht erneut das Klimaziel verfehlt wird?  Der Klimabericht der FEST sieht als mögliche Maßnahmen landeskirchliche Klimaschutzgesetze, wie sie etwa die Nordkirche und die EKBO verabschiedet haben. Aus den befristeten Stellen aus den Förderprogrammen sollten feste Stellen für das Klimamanagement werden und Geld für weitere Maßnahmen in Fonds bereitgestellt werden.

Und dann sind da noch die großen Trends, die bei dem Thema helfen. Einerseits ist das Thema nicht zuletzt durch „Fridays for Future“ tatsächlich in Politik und Gesellschaft auf der Tagesordnung und anders als die Finanz- und Wirtschaftskrise vor gut zehn Jahren wird auch bei Konjunkturprogrammen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie der Klimaschutz mitgedacht. Und zum anderen ist der eigentlich negative Ausblick auf die schrumpfende Zahl von Kirchenmitgliedern, die Zukunft immer weniger Gebäude und andere Infrastruktur brauchen, ein nicht unerheblicher Faktor in der Klimabilanz. Doch allein darauf zu setzen, wird wohl nicht reichen.

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