Pandemie als Schicksalsgemeinschaft

Neue Pflegestudie der Diakonie: Pandemie verstärkt den Personalmangel
Pflegerin mit Mundschutz spricht mit Patientin
Foto: Hans-Jürgen Krackher

Arbeitsverdichtung und Personalmangel: Die Corona-Pandemie lässt die systemischen Schwierigkeiten in der Pflege dramatisch zu Tage treten. Eine neue Studie berichtet über Erfahrungen von Diakonie-Mitarbeitenden in der Altenhilfe und -pflege.

Es begann mit der Meldung eines Mitarbeiters, der von seinem positiven Covid 19-Test berichtete. Tests von allen 94 Bewohnern und allen Mitarbeitern des Altenheims Abendfrieden in Niesky (Oberlausitz) folgten. Über die Hälfte der Bewohner und der Mitarbeiter waren positiv, so dass von heute auf morgen die Hälfte aller Mitarbeiter ausfielen. Und das in einem Dreischichtsystem, im Früh- und Spätdienst mit sechs Leuten für 94 Bewohner, im Nachtdienst zwei.

Es gab nur noch die Dienstplanung auf den nächsten Tag. Das bedeutete: Verzicht auf Urlaube, alle in der häuslichen Absonderung, nur noch pendeln von der Arbeit in die Wohnung und zurück. Die Bewohner verblieben vollständig isoliert in ihren Zimmern und bekamen nur noch eine minimale Grundversorgung.

Viele Menschen lagen im Sterben. Keine Zeit für eine adäquate Sterbebegleitung, für Gespräche oder Handhalten. Die Schutzkleidung, die später kam, bedeutete neben dem Schutz auch eine enorme Last: Visier, FFP2-Masken, Haube und ein dicker, schwerer Mantel, ein Anzug aus derbem Gummi, Füßlinge. Acht Stunden am Tag hielten das die Mitarbeitenden bei körperlich schwerer Arbeit aus. Völlig vermummt gegenüber den Bewohnern machte das oft Angst.

Und die Mitarbeiter litten, denn es verstarben in kürzester Zeit fast dreißig Bewohner. Dreimal am Tag musste der Bestatter angerufen werden. Dazu kamen ständig neue Bestimmungen vom Gesundheitsamt, widersprüchliche oder solche, die sich von Stunde zu Stunde änderten. Schuld, Besorgnis, Distanz, aber auch Ausgrenzung erfuhren die Mitarbeiter bei all dem körperlichen und psychischen Stress.

Motivierendes Miteinander

So geht, in Kurzfassung, der Report von Angela Noack, darüber, wie es sich anfühlte, im Frühjahr in einem Corona-Hotspot zu arbeiten. Sie führt als Pflegedienstleiterin der Diakonissenanstalt Emmaus in Niesky (Oberlausitz) das Altenheim Abendfrieden. Wie kann sie mit ihrem Team das alles verarbeiten? Was hat sie motiviert, in dieser schwierigen Situation über Wochen körperlichen Stress und emotionalen Druck auszuhalten?

„Das Wir-Gefühl und das Miteinander haben uns motiviert“, sagt Angela Noack.

Zu diesem Schluss kommt auch eine neue Studie der Diakonie Deutschland und der Evangelischen Arbeitsstelle midi. Sie liefert die Erfahrungen von Diakonie-Mitarbeitenden im Bereich der Altenhilfe/-pflege während der Covid-19-Pandemie von März bis heute. Dazu wurden 1552 Menschen aus stationären, teilstationären und ambulanten Diensten in einer repräsentativen Studie im Oktober online befragt.

Zentrales Ergebnis: Die Personalknappheit in der Altenhilfe und -pflege hat sich durch die Pandemie noch verstärkt, der Arbeitsalltag verdichtet. Das gaben 70 Prozent der Befragten an. „Erschwerend kommt hinzu, dass Mitarbeiter erkrankten oder in Quarantäne mussten“, sagt Studienleiter Daniel Hörsch, Sozialwissenschaftlicher Referent bei midi, bei der Vorstellung der Befragung. Die entstehende Personalknappheit konnte nur durch ein hohes Maß an Flexibilität in der Einrichtung gewährleistet werden, also durch Umverteilung und Mehrarbeit.

Und: Ihr Zusammenhalt hat die Mitarbeitenden im Frühjahr maßgeblich durch die Pandemie getragen, wie auch der engere Kontakt zu den Bewohnern. Das lässt laut Hörsch den Schluss zu: „Pflege ist in den Zeiten der Pandemie eine gemeinsam gemeisterte und erlebte Schicksalsgemeinschaft.“ Gespräche in der Familie, im Freundeskreis und unter Kollegen geben den Mitarbeitenden Halt und Orientierung. Der Hälfte der Befragten sind zudem Oasenzeiten wichtig; ein Viertel findet in Gebet und spirituellen Alltagsroutinen HaltDie Studie bringt aber auch zutage, dass die Mitarbeitenden vor allem eine Sorge umtreibt: sie könnten Bewohner, Klienten oder auch die eigenen Familien mit dem Corona-Virus anstecken.

Bessere Bezahlung

Im sogenannten Lockdown im Frühjahr litten die Beschäftigten unter der mangelnden Ausstattung mit Schutzanzügen und der FFP 2/3-Masken.  Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass diese gar nicht oder nicht ausreichend vorhanden waren.  Noch im Oktober berichtete die Mehrheit der Mitarbeitenden an, dass nicht ausreichend Tests vorhanden seien.

Welche Reformen wünschen sich die Pflegekräfte? Statt dem Applaus der Bevölkerung wünscht sich die Mehrheit gute strukturelle Rahmenbedingungen und eine bessere Bezahlung.

Kurzum: Die Studie bestätigt, was Fachleute längst wissen. „Die Personallage ist die eigentliche Achillesferse in der Altenpflege“, sagt Diakoniepräsident Ulrich Lilie bei der Vorstellung der Erhebung.  Er zitiert ein Gutachten des Bremer Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang, wonach der Pflegefachkräftebedarf bei 100 000 Stellen liegt, dazu fehlen noch Pflegehilfskräfte.

Doch wie lässt sich der Notstand bei Pflegekräften lösen? Aus Lilies Sicht gibt es keinen Königsweg, sondern vielmehr eine Vielzahl von Maßnahmen. Wie zum Beispiel die Anwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland, mehr Leute aus Teilzeit in Vollzeit übernehmen und eine verbesserte Ausbildung, die mehr Durchlässigkeit bringt. Alles in allem müssten nach den Worten nun Taten folgen, eine bessere Bezahlung und eine stärkere Würdigung der Altenhilfe.  Die Studie habe gezeigt, dass mehr als die Hälfte der Mitarbeitenden unter „einem Gefühlsstau aus Wut und Hilflosigkeit“ litten angesichts der enormen Belastungen im Beruf. Die Pflegekräfte, denen man noch die Anstrengungen der ersten Corona-Welle ansieht, kämpften nun gegen die zweite Welle an.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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