Passiert noch was?

Ansichten und Theorien über das Ende der Zeit in der Ewigkeit
Boot - endlos
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Was ist Ewigkeit? Während das biblische Verständnis dieses Begriffes eher schlicht ist, haben Theologen und Philosophen teils recht komplexe Modelle entworfen, um sich der Ewigkeit gedanklich anzunähern. Markus Mühling, Professor für Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, stellt einige von ihnen vor.

Auch wenn unsere Zeit nach Psalm 31 in Gottes Händen steht und nach Kohelet 3,11 die Ewigkeit in unser Herz gelegt ist, so sind biblische Verständnisse von Zeit und Ewigkeit auf den ersten Blick eher schlicht: Der alttestamentliche Ausdruck „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ bedeutet eher eine lange Zeit in unendlicher Fortdauer oder eine unmessbare Zeit. Im Neuen Testament ist, vor allem bei Lukas, Jesus zwar als die Mitte der Zeit verstanden, aber auch hier ist die Ewigkeit meist eher als unendliche Dauer vorgestellt.

Es verwundert daher nicht, dass Christen die biblischen Vorstellungen dann stets im Zusammenhang mit Vorstellungen der Umwelt behandelt haben oder kreativ neue Bestimmungen von Zeit und Raum fanden. Die meisten Auffassungen der Ewigkeit erkennen, dass Ewigkeit durchaus unanschaulich ist – und so setzen sie bei der Zeit an, versuchen diese zu ergründen und zu beschreiben. Die Ewigkeit erhält man, wenn man bestimmte Operationen an diesem Zeitverständnis vornimmt. Man kann vier verschiedene Modelle unterscheiden:

Verneinung der Zeit

Der Kirchenvater Augustinus von Hippo (354 – 430) verstand die Zeit als eine Ausdehnung der geschaffenen und gefallenen Seele. In der Außenwelt existiert sie nicht. Denn die Vergangenheit ist vergangen, nicht da. Die Zukunft ist noch nicht, also gibt es sie auch nicht. Die Gegenwart ist aber nur der Übergang von Zukünftigem in Vergangenes – und damit von etwas, das es nicht gibt, in etwas, das es auch nicht gibt. Also gibt es sie auch nicht. Wir alle empfinden im Inneren aber die Gegenwart. Und hier, in der Seele, gibt es Zeit als Ausdehnung der Gegenwart: Die Gegenwart der Vergangenheit ist die Erinnerung, die Gegenwart der Zukunft ist die Erwartung und die Gegenwart der Gegenwart ist die Wahrnehmung. Für Augustin sind Ewigkeit und Gott gleichbedeutend. Ewigkeit und Gott sind hier unveränderlich gedacht, als die Verneinung der Zeit, als das Gegenteil der Ausdehnung: Ewigkeit ist Zeitlosigkeit. Augustinus berichtet von einer Scherzfrage: Was hat Gott gemacht, bevor er die Zeit geschaffen hat? Die Hölle, für die bösen Buben, die solche Fragen stellen. Die Frage nach einem „vor“ der Schöpfung ist sinnlos, weil ein „vor“ schon immer Zeit bedeutet. Die Schöpfung ist nicht in der Zeit entstanden und endet auch nicht in der Zeit, sondern die Zeit ist selbst ein Geschöpf. Sie kommt erst mit der Schöpfung und vergeht mit ihr. Die Hoffnung für die Seele des Menschen – denn nur um die Seele geht es Augustin – ist: Die Ausdehnung kann rückgängig gemacht werden, und sie kann so an der Zeitlosigkeit der Ewigkeit teilhaben. Aber: In dieser Ewigkeit passiert nichts. Denn Geschehen setzt scheinbar Zeit voraus. Die Mystiker der folgenden Jahrhunderte haben das geschätzt: Heinrich Seuse (gestorben 1366) hofft, dass seine Seele in der Ewigkeit aufgehen wird, wie ein Tropfen Wein in einem unendlichen Ozean.

Vollständige Gleichzeitigkeit

Der Philosoph und Theologe Boethius (gestorben 525) verstand die Ewigkeit als vollständigen Besitz der Zeit. Die Zeit gleicht einer Wanderung durch ein gewundenes Tal bergan: Wir wissen nicht, was nach der vorauslaufenden Biegung kommen wird – wir kennen also die Zukunft nicht. Wir sehen auch nicht, was hinter den Kurven des vergangenen Weges liegt. Wir vergessen die Vergangenheit. Die Ewigkeit gleicht einem Beobachter auf dem höchsten Berg: Er sieht den ganzen Weg gleichzeitig. Unsere Ewigkeitshoffnung ist, oben anzukommen und an dieser Aussicht auf das Ganze der Zeit teilzunehmen. Allerdings: Etwas Neues passiert hier nicht. Während das zeitliche Leben einem Film gleicht, den man sich anschaut, gleicht die Ewigkeit der Betrachtung der ausgerollten Filmrolle. Vielleicht können Sequenzen herausgeschnitten werden, neue kommen nicht hinzu. Deutlich ist auch, dass die Offenheit der Zukunft eine Illusion ist. Denn in der Ewigkeit ist alles schon geschehen.

Teilweise Gleichzeitigkeit

Seit Duns Scotus (gestorben 1306), dem schottischen Theologen und Philosophen, wird dieses Bild modifiziert. Der Beobachter in der Ewigkeit befindet sich nicht auf einem Berg, sondern er begleitet die Wandernden in der Zeit von einer erhöhten Perspektive, etwa von einem Flugzeug aus. Er kann die Vergangenheit und die Gegenwart gleichzeitig sehen, nicht aber die Zukunft: Hier sind nur mögliche Wege und Abzweigungen sichtbar, aber vollständig: Während die Wandernden nicht wissen, wie die Wege nach den Abzweigungen weitergehen, sieht das der Beobachter in der Ewigkeit. Und er kann auch Einfluss darauf nehmen, welche zukünftigen Wege die Wandernden nehmen sollten. Das Ende ist hier noch offen, und kann von den zeitlichen Geschöpfen und Gott gestaltet werden. Wenn es aber erreicht ist, ist der Effekt derselbe: Das vollständige Betrachten der Zeit, ohne dass Neues geschieht.

Unendliche Zeit

Der britische Religionsphilosoph Richard Swinburne (geboren 1934) vertritt ein Modell der Ewigkeit als unendliche Zeit. Er unterscheidet zwischen der „Topologie“ der Zeit, also zwischen dem „Vorher“ und „Nachher“ von Ereignissen und von Geschehen, sowie zwischen der „Metrik“ der Zeit, dem konstanten Fluss der Zeit und deren Messbarkeit mit Uhren. Die Schöpfung und das Ende der Zeit beziehen sich nur auf Messbarkeit, nicht auf das Geschehen. Auch vor der Schöpfung in Gottes Ewigkeit ist etwas passiert, aber nicht in messbarer Zeit. Auch nach der Schöpfung in Gottes Ewigkeit wird etwas passieren, aber nicht messbar. In der Ewigkeit geschieht etwas, auch Neues. Aber alle Ereignisse folgen dann, wenn sie folgen. Ein Geschehensablauf ohne messbare Zeit bedeutet, dass es keine Langeweile und keinen Zeitdruck mehr gibt. Bildlich gesprochen: Prüfungen kommen erst und genau dann, wenn man ideal vorbereitet ist. Für das Problem des Vergessens der Vergangenheit vertritt Swinburne das Modell der teilweisen Gleichzeitigkeit.

Das Problem an all diesen Modellen ist, dass es sich um eine „natürliche Theologie der Zeit“ handelt: Man setzt das, was man über die Zeit erkannt zu haben meint, voraus, und modifiziert es mittels menschlicher Vernunft: durch Verneinung, durch Integration oder durch (teilweise) Identifikation. Das nimmt weder die biblischen Zeugnisse – etwa die großartigen Hoffnungsbilder – ernst, noch den Grundsatz der Offenbarung: Gott, der ewig ist, kann nur erkannt werden, wenn er sich selbst zu erkennen gibt. Alle anderen Versuche, Gott oder die Ewigkeit zu erkennen, die von uns ausgehen, mögen eindrucksvoll sein. Sie sind aber nichts als menschliche Konstruktionen, die willkürlich sind, und so berechtigter Religionskritik zum Opfer fallen.

Offenbarung ist nichts Außergewöhnliches oder Vergangenes. Sie ist ein Alltagsgeschehen. Christen nehmen ihre Geschichte und die Geschichte der Welt in der Geschichte des Evangeliums wahr. Es gibt so eine Verschränkung: der Geschichte der eigenen Lebenswelt mit der des Evangeliums. In dieser Verschränkung geschieht Offenbarung, für jeden Christen.

Das Evangelium hat eine dreifache Struktur. Es erzählt erstens von der Geschichte Gottes als Schöpfer der Welt mit seinem Volk Israel. Es erzählt zweitens von der Geschichte Gottes in Jesus Christus, der sich auf den Gott Israels als seinen Vater bezieht und dessen Herrschaft anbrechen lässt. Es erzählt drittens von dem Handeln Gottes (des Geistes) in der Geschichte der Vertrauenden, die den Anspruch Jesu verstehen und vertrauend anerkennen. In dieser dreifach aufeinander bezogenen Geschichte zeigt sich Gott und gibt sich zu erkennen – als dreifaltige Liebesgeschichte. Denn eine Offenbarung oder Selbstbekanntgabe ist nur eine solche, wenn der, der sich zu erkennen gibt, auch so ist, wie er handelt. Gott lebt also als eine dreifaltige Liebesgeschichte zwischen Vater, Sohn und Geist. Was hat das mit Ewigkeit zu tun? Ganz einfach: Wenn Gott ewig ist und Gott eine dreifaltige Liebesgeschichte ist, dann ist auch die Ewigkeit eine Liebesgeschichte – sie ist diese dreifaltige Liebesgeschichte – und zwar auch ohne Zeit.

Das klingt nur dann ungewohnt, wenn man meint, Geschichten und Geschehnisse fänden in der Zeit statt. Tatsächlich ist es aber umgekehrt: Geschehnisse und Geschichten bilden die Zeit. Auch in unserer Zeit der Welt wird diese erst durch Geschichten und Ereignisse gebildet. Wenn Christen nun aber ihre Geschichte der Lebenswelt im Lichte der Geschichte des Evangeliums erkennen, dann bedeutet das: Sie erkennen die Geschichte der Welt umfangen von der Geschichte Gottes. Die Welt lebt in der Dreieinigkeit, wie es der evangelische Theologe Jürgen Moltmann einmal ausgedrückt hat (zz 06/2017). Und damit erkennen sie die Zeit der Welt als Teil der Ewigkeit Gottes. Gottes Ewigkeit kennt einen Ereignisablauf. Man mag sie auch als die „Zeit“ Gottes verstehen – wenn diese gewisslich auch nicht messbar ist. Diese Zeit oder Geschichte ist größer als die Geschichte der Welt. Aber als Liebesgeschichte hat sie Platz in sich für die Zeit der Welt. Daher steht unsere Zeit in Gottes Händen und daher lebt Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Nicht weil die Zeit eine geschichtliche Struktur hat, hat die Ewigkeit auch eine solche. Sondern weil die Ewigkeit eine Geschichte ist, kann Gott auch eine zeitliche Welt in Entsprechung zu seiner Ewigkeit schaffen. Von diesem Ewigkeitsverständnis her lassen sich nun auch christliche Hoffnungsbilder verstehen.

Das Paradies erinnert an den Urzustand des Gartens, einer Verbindung von Kultur und Natur, und zeigt, dass nicht nur Naturgüter, sondern auch vom Menschen hervorgebrachte Kulturgüter einen Platz in der Ewigkeit Gottes haben. Das kommt auch im Bild vom himmlischen Jerusalem (Apk 21,10–27) als perfektem Sozialgeschehen zum Ausdruck, in dem es keinen Tempel gibt, weil Gottes Geschichte unmittelbar leuchtet. Der Aspekt der Aufnahme der Natur auch unabhängig von ihrer Bedeutung für den Menschen kommt im Bild des Tierfriedens (Jes 11,6–8) zum Ausdruck. Auch das Bild des „neuen Himmels und der neuen Erde“ (Apk 21,1) veranschaulicht den Geschehenscharakter der Ewigkeit – wenn auch unter neuen Bedingungen. Man lebt wie unter einer Weinlaube, die in der Hitze Schatten spendet und Kommunikation gewährt (Mi 4,4; Sach 3,10) und deren Weinstock Christus ist (Joh 15), so dass die Ewigkeit ein ewiges Zusammenleben mit Christus ist (1.Thess 4,17), von Angesicht zu Angesicht (1.Kor 13,12). Sie ist auch eine Vergöttlichung (Apg 17, 28f, Röm 8,14; 2.Petr 1,4) – nicht in dem Sinne, dass wir Schöpfer würden, sondern dass unsere umittelbare Umwelt das dreieinige Leben Gottes selbst sein wird (Luther). Die Ewigkeit ist dann aber kein „Afterlife“, sondern mit dem Ende der Zeit beginnt der Anfang einer neuen Geschichte. Unsere Geschichte hier ist „nur der Umschlag und das Titelblatt.“ Dann aber beginnt erst das „erste Kapitel der großen Geschichte, […] die ewig weitergeht und in der jedes Kapitel besser ist als das vorangegangene.“ (C. S. Lewis).

 

Literatur

Markus Mühling: Post-Systematische Theologie I. Brill Verlag, Leiden, Paderborn 2020, 728 Seiten, Euro 149,–.

Ders.: Grundinformation Eschatologie. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2007, 352 Seiten, Euro 13,99.

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