Still werden statt stillhalten

Vorschau auf ein Weihnachtsfest im Zeichen der Corona-Pandemie
So viel Nähe wird es 2020 nicht geben können. Weihnachtsfeier für einsame Menschen in Augsburg, Heiligabend 2019.
Foto: epd
So viel Nähe wird es 2020 nicht geben können. Weihnachtsfeier für einsame Menschen in Augsburg, Heiligabend 2019.

Weihnachten wird in diesem Jahr anders, vielleicht sogar ganz anders. Die großen Kirchen versuchen, sich bestmöglich darauf einzustellen, schreibt der Theologe, Journalist und Buchautor Matthias Morgenroth und wirbt in seiner Vorschau auf das Fest für die Mobilisierung von drei „Anti-Angst-Ressourcen“.

Bloß nicht wie im Frühjahr. Ostern fiel ja bekanntlich sang- und klanglos aus. Da braucht man nichts schönzureden. Völlig überrumpelt vom Lockdown, war für die Kirchen und die dazugehörigen Gemeinden die Opferung um des Infektionsschutzes Willen selbstverständlich. Ostern 2020 fiel aus – und das Merkwürdige war: Es ging auch ohne. Bisschen verstörend war das schon.

Gottesdienste insgesamt waren bekanntlich im Frühjahr verboten – doch als die Kirchen ihre Türen wieder öffneten, wurden sie auch nicht überrannt. Geht also auch ohne, sogar für die, die sonst noch kamen … noch ein wenig verstörender. Und das in einer Zeit der allgemeinen Verunsicherung, einer Zeit der Angst, Krankheit, Einsamkeit …! Vielleicht, so die bange Frage, hatten die Politiker doch recht, als sie die „systemrelevanten“ Betriebe aufrechterhalten wollten – und die Kirchen zunächst einfach übersahen, obwohl doch auch politisch Verantwortliche wissen müssten, dass der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt. Bloß nicht wie im Frühjahr.

Jetzt, Ende des Corona-Jahres, landauf, landab der Ruf: Weihnachten, da sind sich irgendwie alle einig, darf „so etwas“ nicht wieder passieren. Kirchen bleiben offen. Politiker wiederholen gebetsmühlenartig, wir wollen doch mit unseren Familien Weihnachten feiern können, also verhalten wir uns so aseptisch wie möglich. Und viele Kirchengemeinden rechnen schon seit September durch, wie und in welchem Takt sie an Heiligabend viele kleine Gottesdienstgruppen durch ihre Kirche schleusen könnten. Andere schauen, wie sie verantwortungsvoll Heiligabend im Freien feiern können, und bibbern schon jetzt angesichts der einfach nicht kontrollierbaren Wetterfrage. Weihnachten, das ist einfach allen klar, darf nicht ausfallen. Mit Weihnachten ist es eben anders als mit Ostern und auch anders als mit den Sonntagsgottesdiensten. Das ist schon seit Jahrzehnten zu beobachten gewesen. Auch wer in der zweiten oder dritten Generation „kirchendistanziert“ lebt, wird im Advent ein bisschen besinnlich. Holt die Bach-CD raus. Geht mit den Kindern ins Adventscafé. Oder an Heiligabend in den Gottesdienst.

Zugegeben, auch an den Weihnachtstagen begibt sich nur eine Minderheit der Kirchenmitglieder in die Gottesdienste, aber doch eine sehr viel größere Minderheit als die, die sonst am Gemeindeleben teilnimmt. Die Advent- und Weihnachtszeit ist in den vergangenen Jahrzehnten so etwas wie der Jahressonntag geworden. Die kollektive Auszeit im Jahresrhythmus, wie es sonst nur noch der Sommerurlaub bietet, wenn er denn stattfinden darf. Auch wenn die Kirchen das Weihnachtstreiben gelegentlich mit gerümpfter Nase verfolgen, weil so viel Kitsch, Glühwein, Kauflust, Engel, Halbwissen mit dabei sind und so wenig Kreuz und Auferstehung – und zumindest auf den ersten Blick so wenig Ernsthaftigkeit und Spirituelles: Januar bis November sind die Alltagsmonate, dann kommt die Festzeit inklusive der kollektiven Auszeit „zwischen den Jahren“ und Silvester mit Vor- und Rückschau. Und spätestens ab Ende November macht sich fast jeder auf, schmückt die eigenen vier Wände, geht musizieren, stellt sich in die Kälte und findet das besinnlich. Hält inne, liest Adventskalendersprüche, versucht, alte Familientraditionen weiterzugeben, spielt mit den Kindern und Kindeskindern das große Spiel, dass die Welt doch viel geheimnisvoller und verzauberter ist, als wir es im Alltag zulassen. Voller Grenzgänger zwischen Himmel und Erde, dem Nikolaus, Knecht Ruprecht, Pelzmärtel, dem Christkind, Weihnachtsmann, den Engeln und den biblischen Figuren aus der Weihnachtsgeschichte.

Die Städte in West- und sogar in Ostdeutschland machen mit, die Büros und Betriebe feiern mit – irgendwie ist jeder dabei. Wenn auch in unterschiedlichen Graden der Intensität und Reflexion. Na und? Weihnachten ist immer noch ein gesamtgesellschaftliches Fest, und es ist so, wie wir es gewohnt sind zu feiern, erst in der modernen, industrialisierten Welt geworden. Es gehört dabei – typisch moderne Religiosität – nicht nur den Kirchen. Es geht einfach so zu Herzen. Im Zwischendurch. Selbstbespiegelung der bürgerlichen Moderne, nennen es manche. Und richtig, an den Feiertagen wird symbolisch verehrt, was uns heute existenziell wichtig ist. Die Familie, die Freunde, Geschenke, Musik und Kultur, aber eben auch die Friedenssehnsucht und die zarte Erinnerung daran, dass es noch mehr geben könnte auf dieser Welt. Und dass das nicht machbar ist. Nicht kontrollierbar und nicht verfügbar. Aber diesseits des Himmels erfahrbar. Die Welt wird für ein paar Tage wieder voller Bedeutung. So wie sie damals war, mit Kinderaugen. Auch wenn man das Lukas-Evangelium nicht mehr zitieren kann.

Die spannende Frage lautet gegenwärtig: Was wird das Coronavirus, das es mit kollektivem Innehalten geschafft hat, in allen möglichen Bereichen die Decke von systemischen Widersprüchen und Missständen zu ziehen – in der Fleischindustrie, im Turbo-Kapitalismus, beim Digitalisierungswahn oder dem Fortschrittsglauben der Medizin –, was wird dieses Virus in dieser vor uns stehenden „heiligen Zeit“ über unsere religiöse Praxis verraten? Dass viel mehr als gedacht tatsächlich verzichtbar ist? Dass Trost und Stärke angesichts der Sterblichkeit und Verletzlichkeit des Lebens längst woanders gesucht werden müssen, nicht mehr sonntags oder am großen Jahressonntag, aus welchen Gründen auch immer? Noch verstörendere Fragen.

Weihnachten sei das große „Fürchtet-euch-nicht“-Fest, dieses Jahr ganz besonders, betonen die Kirchen in ökumenischer Eintracht und haben sogar Materialien versandt, Vorlagen für Plakate, Pfarrbriefe, Internetauftritte, in flächigem Gold. „Gott mit euch“, steht darauf, nicht mehr „Gott mit uns“ wie einst auf den Koppelschlössern, aber irgendwie wird doch klar, es ist Notstand, klare Worte sind gefragt, Elementargepäck, dazu ein Liedzettel mit „Stille Nacht“. Notrationsrhetorik. In einer Zeit der Verordnungen und Unabwägbarkeiten. Und dazu eben die Botschaft des Engels: „Fürchtet euch nicht!“ Wer Angst hat und durch sie hindurchkommen will, muss versuchen, auf drei Ebenen Ressourcen zu aktivieren. Erklärt die psychologische Angstforschung. Erstens, die Ressource, die Selbstwirksamkeit genannt wird, die eigene Kraft, das Selbstvertrauen. Zweitens, die Gemeinschaft der Lieben, nach dem Motto „gemeinsam sind wir stark“. Und drittens könnte man versuchen, Zugang zu finden zu dem, was vielleicht Urvertrauen genannt werden kann. Zugang zu einem grundlegenden Vertrauen, dass „alles gut ist“.

Ein Blick auf diese drei Bereiche unseres Lebens zeigt, dass es um diese Ressourcen nicht zum Besten bestellt ist. Möglicherweise könnte das etwas sein, das das Coronavirus auch aufdeckt.

Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit: Vieles davon wurde in den vergangenen Jahren schleichend in die digitale Welt verlagert. Wie einsam und amputiert fühlen wir uns, wenn wir das Smartphone vergessen haben. Apps helfen uns nicht nur durch den Alltag, sie sagen uns auch, wann es Zeit ist, Pause zu machen oder wie viele Schritte für uns gut wären – und welche die Highlights unseres Tages waren. Kurz hin- und hergeworfene Nachrichten ersetzen das Gespräch, ohne dass wir das echte Gespräch vermissen würden oder die Kraft, die in einer leiblichen Begegnung liegt. Schon sind wir bei Punkt zwei der Angst-Gegenmittel, der Gemeinschaft. Auch hier hat das Digitale unser leibliches Beisammensein radikal reduziert. Die meisten Kommunikationsmedien sollen uns die Leute sowieso eher vom Leibe halten, echte Gespräche verhindern, man winkt sich kurz digital zu – das war’s dann, geht doch auch. Social Distancing war während der Lockdownphasen nur so lange möglich, weil viele es sowieso schon gewohnt waren, auf digitaler sozialer Distanz in Nicht-Kontakt zu sein. Wieder also keine gute Ausstattung, was die Strategien angeht, aus der Angst herauszukommen. Und Punkt drei – Gottvertrauen? Da sieht es ja bekanntlich ziemlich schlecht aus, bedingt durch verschiedene, tausendfach beschriebene Erosionsprozesse in der globalisierten multireligiösen Welt. Es ist sicher kein Zufall, dass in der Pandemiezeit auch seitens der Kirchen kaum andere Argumente in die Diskussion gebracht wurden, als dass „Nächstenliebe“ heute eben „Solidarität“ und „Sozialdistanz“ hieße. Was ist mit all den Ohnmachtserfahrungen, der Frage, ob wir nicht doch mehr Sterben zulassen müssen, um auch mehr Leben zuzulassen? Der Frage, ob wir einfach im Rausch der Moderne und im Sog der digitalen Scheinwelt vergessen haben, dass wir mit unserem lebendigen Körper eine lebendige, echte Welt bewohnen und damit schlicht und einfach Sterbliche sind? Und trotzdem vertrauen dürfen? Vielleicht vertrauen müssen?

Musik und Gesang

Wenn dieses Jahr Weihnachten werden wird und wenn dieses Weihnachten auch in dieser merkwürdigen Schwebezeit ein „Fürchtet-euch-nicht“-Fest werden soll, dann könnte es sich lohnen, sich diese drei Anti-Angst-Ressourcen sehr gezielt vorzunehmen. Die wunden Corona-Punkte, die uns existenziell betreffen. Das hieße dann vielleicht: Möglichst viel nicht-digital, „in echt“ erleben wollen – Kerzenschein lässt sich nun mal schwer digitalisieren. Glockengeläut auch nicht. Die echte Krippe, egal ob sie auf der Straße oder im Kirchenraum steht, ist etwas Anderes als eine Fotoserie unter „Die schönste Krippe“ auf Instagram. Und ja, das sollten wir dazu sagen, dasselbe gilt für uns und unser Leben auch. Das könnte dann auch heißen, die heilige Zeit, die 2020 wegen der Kontakt- und Kaufbeschränkungen garantiert mehr als sonst zur Verfügung stehen wird, als Echt-Zeit an einem realen Ort wahrnehmen zu können. Oder es könnte heißen, mit wenigen Auserwählten sehr gezielte adventliche Gespräche zu führen oder sehr gezielte weihnachtliche Spaziergänge zu unternehmen, und sich dabei auch noch zu freuen, dass man sich hat.

Und, Punkt drei, im Bereich der kollektiven Versicherung, der Suche nach Vertrauen, täten Kirchengemeinden sicher gut daran, so viel wie möglich in großer Selbstverständlichkeit einfach zu tun – so wie eben alle Jahre wieder. Musik und Gesang – dann eben draußen auf der Straße, erlebbar für alle, vielleicht jeden Tag als Adventskalender. Dort, wo jetzt freie Flächen sind, weil die Christkindlmärkte verboten wurden. Offene Treffpunkte draußen vor der Tür, so wie es eben geht. Offene Angebote für Familien, wie es eben sein darf.

Dass „irgendwie alles gut ist“ oder „alles gut wird“, das ist ja kein sachlich nachvollziehbarer, ausdiskutierbarer Stoff. Das kann kein Glaubensbekenntnis und kein Katechismus vermitteln, keine Pfarrerin und kein Reli-Lehrer. Es ist nun mal kein Wissen im Sinne von Lernstoff. Es erschließt sich, wenn es sich erschließt, im Tun. Nicht zuletzt deswegen wurden in den vergangenen Jahren die Rufe nach Wegen zur eigenen, spirituellen Erfahrung laut. Nach Wegen, die jede und jeder gehen kann, um eine wie immer geartete Verbundenheit mit der Kraft des Lebens auch leiblich erfahren zu können. Meditationsübungen, die wir im Westen lange wenig gewohnt waren, können dazu Pfade sein, wie viele mittlerweile wissen. Aber auch Rituale können ein Geländer sein, um sich selbst als ein Mensch zu fühlen, der verbunden ist mit denen, die vor uns waren, mit deren Hoffnungen, Wünschen und Heilserfahrungen.

Rituale können nicht nur im Trauerfall, wenn es die Sprache verschlägt, Wegweiser sein. Sondern auch am weihnachtlichen Jahressonntag, in der Auszeit, in der wir sowieso schon zurücktreten und den Sinn schärfen dafür, was tragen könnte und was nicht. Die Stille der „staaden Zeit“, wie die Adventszeit in Bayern heißt, die Stille der „stillen Nacht“, in die könnten wir dieses Jahr vielleicht sogar leichter gehen. Und wenn es aus Notwehr ist. Weil uns Corona gebietet, stillzuhalten. Vieles im Leben, vieles Exis-tentielles geschieht nun mal aus Notwehr, um der Not zu wehren, um die Not zu wenden. Wenn aus stillhalten still werden werden könnte – viel mehr theologische Beigaben braucht das Kind in der Krippe nicht. Man darf sehr gespannt sein, was das Coronavirus dieses Jahr im Weihnachtswunderland für Spuren hinterlässt.

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Matthias Morgenroth

Dr. Matthias Morgenroth, ist promovierter evangelischer Theologe und Autor von Kinder- und Sachbüchern. Er arbeitet als Redakteur der Fachredaktion „Religion und Orientierung“ beim Bayerischen Rundfunk in München.


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