Letzte Ruhestätte gesucht

Warum sich Kirchenmitglieder bei der Suche nach einem Atommülllager engagieren
Noch lagert der hochradioaktive Atommüll in diesen Castoren im Lager Gorleben. Doch das ist nur eine Zwischenlösung.
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Noch lagert der hochradioaktive Atommüll in diesen Castoren im Lager Gorleben. Doch das ist nur eine Zwischenlösung.

Auch wenn Deutschland nach und nach aus der Atomenergie aussteigt, bleibt die Suche nach einem sicheren Platz für den radioaktiven Müll eine noch ungelöste Aufgabe. Daran beteiligen sich auch engagierte Kirchenmitglieder. Der Journalist Nick Reimer hat mit einigen von ihnen gesprochen und beschreibt die Hintergründe.

Es geht um eine Million Jahre. So lange strahlt Atommüll, beispielsweise der Rückstand von abgebrannten Brennelementen aus den Atomkraftwerken. Irgendwo muss dieser lebensbedrohliche Zivilisationsabfall hin und sicher verwahrt werden, bis er sich selbst soweit zerteilt hat, dass er ungefährlich ist: in einer Million Jahre. Zum Vergleich: Die ältesten Funde menschlichen Lebens, Spuren des Homo Sapiens, sind 300 000 Jahre alt. Nirgendwo auf der Welt gibt es eine Idee, wie Atommüll sicher für die Zeit von einer Million Jahre eingelagert werden kann. Wird es tektonische Verschiebungen geben? Wird der Meeresspiegel im Jahr 2571 nach Christus tatsächlich um zwanzig Meter gestiegen sein, wie manch Klimawissenschaftler warnt? Wird die Kontinentaldrift in zehntausend Jahren Europa weiter Richtung Moskau verschoben haben, dann im Jahr 12020? Im Grunde gibt es noch nicht einmal eine menschliche Vorstellung davon, was eine Million Jahre bedeuten.

Klar ist immerhin, dass der Atommüll national gelagert werden soll: Die Gesellschaft, die ihn produziert hat, soll sich auch im Folgenden darum kümmern. In Deutschland produzieren derzeit noch sechs Atomkraftwerke immer neuen Strahlenschrott. Spätestens am 31. Dezember 2022 wird damit Schluss sein: Die Bundesrepublik steigt aus der Atomkraft aus, weshalb die Menge des deutschen Atommülls von der Wissenschaft konkret berechnet werden kann. Bis heute wurden in Deutschland über einhundert Atomanlagen in Betrieb genommen. Ihr Atommüll lagert in sogenannten Castoren, Spezialbehälter für hochradio-aktive Materialien. Abgestellt sind sie in oberirdischen Zwischenlagern an den Standorten der Atomkraftwerke, doch diese werden nach dem Atomausstieg nun Schritt für Schritt abgerissen. Deshalb wird jetzt in Deutschland ein Endlager gesucht. Es geht um den Inhalt von voraussichtlich 1 900 solcher Castoren: Wie der aufbewahrt werden kann, ist noch unklar. „Kaum eine andere Debatte in Deutschland hat einen so tiefen Dissens in die Gesellschaft gebracht wie die Atomkraft“, urteilt Ralf Meister, der Landesbischof der hannoverschen Landeskirche. Ralf Meister war Mitglied der Endlagerkommission, einem Bund-Länder-Gremium, das von 2014 bis 2016 einen Vorschlag erarbeitete, wie der Endlager-Standort gefunden wird. In einem ersten Schritt sollte untersucht werden, welche Gesteinsformationen sich in Deutschland überhaupt eignen, um die gefährlichen Radionuklide sicher einzuschließen. Schritt zwei sieht die Öffentlichkeitsbeteiligung vor, bevor mit konkreten Erkundungsbergwerken in bestimmten Regionen die Tiefenformationen auf ihre Eignung hin untersucht werden sollen.

Ein Bischof befasst sich mit radioaktiven Halbwertszeiten? Mit gesteinsspezifischen Auswahlkriterien? Für Dagmar Dehmer, Sprecherin der 2016 extra gegründeten „Bundesgesellschaft für Endlagerung“ (BGE), ist das völlig logisch: „Die Kirche ist zuständig für die Ewigkeit, und eine Million Jahre – das ist die Ewigkeit“. Deshalb sei Ralf Meister auch nicht der einzige Christ, der sich mit der Zukunft des Atommülls befasst, „Monika Müller von der Evangelischen Akademie Loccum arbeitet zum Beispiel im ‚Nationalen Begleitgremium‘ bei der Endlagersuche mit.“ Dieses Gremium soll Vertrauen in der Gesellschaft für die Standortsuche schaffen. Auch Markus Dröge vom Rat der EKD ist dort eingebunden, ehemals Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). „Als Bischof habe ich mich dafür eingesetzt, dass sich Kirche in den gesellschaftlichen Diskurs einbringt“, begründet er sein Engagement. Markus Dröge spricht von „gesellschaftlicher Diakonie“: Die Debatte um die Atomkraft sei äußerst emotional, äußerst heikel und äußerst konfliktträchtig gewesen: „Wichtig ist, dass das neue Suchverfahren nicht noch einmal eine solche Verwerfung der Gesellschaft zur Folge hat.“ Deshalb sei wichtig, dass das Suchverfahren transparent, partizipativ, wissenschaftsbasiert und selbstlernend sei: „Obwohl letztlich der Bundestag entscheidet, darf die Auswahl eines Standortes diesmal keine politische Entscheidung sein!“  

Kirchlicher Protest

Dagmar Dehmer erinnert zudem noch an den langen kirchlichen Protest gegen die Atomkraft. An Eckhard Kruse zum Beispiel, Pfarrer in der niedersächsischen Gemeinde Gartow, der gegen das geplante Endlager in Gorleben mobilisierte. An die „Christlichen Demokraten gegen Atomkraft“. Oder an den Beschluss der EKD-Synode vom November 1987: Atomkraft ist „mit dem biblischen Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, nicht vereinbar“. „Natürlich geht es bei der Suche eines Endlagers um viele technische Fragen“, sagt Monika Müller von der Evangelischen Akademie Loccum. „Es geht aber auch um den sozialen Frieden.“ Dass die Frage nach einem Endlager so lange liegen geblieben ist, habe eine „gesellschaftsgefährdende Situation erzeugt, eine Überforderung der Gesellschaft“, erläutert Müller. Jeder Frittenbudenbetreiber muss zuerst nachweisen, wie er das alte Fett aus der Fritteuse zu entsorgen gedenkt, bevor er eine Betriebserlaubnis bekommt. „Die Atomkonzerne wurden schamlos aus der Verantwortung befreit, weshalb jetzt die Gesellschaft einspringen muss“, sagt Müller. Und: „Wir Christen sind Teil der Gesellschaft.“

Das Ergebnis zum Schritt eins zur Endlagersuche liegt seit Ende September vor, die „Bundesgesellschaft für Endlagerung“ veröffentlichte jenen Bericht, der Deutschlands Untergrund beschreibt. Mit zwei überraschenden Ergebnissen. Gorleben, der Salzstock, der von der Atomindustrie seit Jahrzehnten als Endlager favorisiert wurde – 1,6 Milliarden Euro wurden bereits in die Erkundung des Untergrunds investiert – ist ungeeignet. Andererseits eignen sich 54 Prozent des Untergrunds in Deutschland für ein Endlager: Tongestein in Norddeutschland (mindestens 2,6 Millionen Jahre alt), Steinsalz in Mitteldeutschland (durch Verdunstung von Meerwasser über Jahrmillionen entstanden), oder Kris-tallingestein in Südostdeutschland (bis zu 450 Millionen Jahre alt). Damit steht fest: Glücklich kann sich schätzen, wer im Saarland, Vorpommern, in der Eifel oder im Alpenvorland wohnt, denn dort ist der Untergrund ungeeignet für ein Atommülllager. Genauso wie in der Uckermark, im Thüringer Wald, in weiten Teilen Hessens, Rheinland-Pfalz’ und Nordrhein-Westfalens, auch diese Gebiete sind nicht mehr Teil des Suchverfahrens. Wer in anderen Teilen Deutschlands wohnt, sollte sich dringend die von der „Bundesgesellschaft für Endlagerung“ veröffentlichte Karte ansehen. Möglich, dass er künftig über dem Atom-endlager Deutschlands wohnt.

Monika Müller ist nicht sehr glücklich mit den möglichen 54 Prozent. „Dreißig Prozent wären besser gewesen“, sagt die Wissenschaftlerin von der Evangelischen Akademie Loccum. „54 Prozent klingt sehr nach ‚mich wird es schon nicht treffen‘“. Bei dreißig Prozent wäre die Gefahr schon sehr viel greifbarer. Müller: „Es geht jetzt darum, dass sich die Betroffenen einbringen!“

Es ist Sonntag, der 18. Oktober, kurz vor zehn Uhr. Im Kasseler Stadtpalais steht Frank Claus an einem Stehtisch, der Moderator wirkt an diesem zweiten Tag der „Auftaktveranstaltung Teilgebiete“ gelöst, obwohl die Bedingungen alles andere als ideal sind. Coronabedingt sind die Emporen leer, im Parkett sorgen einige Dutzend Kameraleute, Techniker, Mediatoren mit Mundschutz und Sicherheitsabstand für die Übertragung der „Auftaktveranstaltung“ ins Netz. Obwohl jetzt praktisch die Hälfte der deutschen Bevölkerung von einem Endlager bedroht ist, verfolgen nur ungefähr fünfhundert Menschen die „Auftaktveranstaltung“. Frank Claus läutet den nächsten Schritt zur Suche des Endlagers ein. „Wie der abläuft? Das müssen die Menschen selbst entscheiden.“ Um das zu erklären, schaltet der Moderator per Video zu Ralf Meister, „Sonntagmorgen und im Urlaub“, wie Claus betont. Auf dem Bildschirm ploppt der hannoversche Landesbischof auf, der bestätigt, dass es „tatsächlich kurz vor Gottesdienst“ ist: Ralf Meister sitzt mit Kopfhörern und Mikrofon vor einem Bücherregal, im linken Teil gibt es einen kleinen Altar mit Kreuz und Bibel, er soll erklären, warum der nächste Schritt unter den Stichworten „Selbstorganisation“ und „Fachkonferenz“ läuft. Der Bischof spricht „von einem tiefen Vertrauensverlust“, den die Politik bei der Suche nach einem Endlager zu verantworten hat – unter anderem durch den Versuch, „Gorleben als Endlager durchzusetzen“. Die Frage also sei, wie sich Vertrauen neu aufbauen kann: Meister nutzt Begriffe wie „Partizipation“, „Mitsprache“, „Mitorganisation“ oder „Mitgestaltung“. Die Bürger selbst sollen jetzt drei „Fachkonferenzen Teilgebiete“ organisieren, auf denen Kriterien für die Endlagersuche entwickelt werden.

Markus Dröge bewertet später die Auftaktveranstaltung als „ambivalent“. „Ein Teil war wirklich brillant“, nämlich die fachliche Darstellung des Zwischenberichts. „Im anderen Teil hat sich gezeigt, wie schwierig direkte Demokratie online funktioniert.“ Alternativen seien im Plenum zu wenig abgewogen und diskutiert worden, der Arbeitsauftrag an die gewählte Vorbereitungsgruppe nicht klar formuliert. Dröge: „Insofern zeigt sich schon jetzt, wie schwer der Weg zu einem Endlager ist.“

Vernünftiges Vorgehen

Aber ist das alles nicht etwas widersprüchlich? Zuerst setzt die Politik ihrem Wahlvolk die Atomkraftwerke in die Landschaft, und dann soll das Volk, nach jahrzehntelangem Kampf gegen die AKW, entscheiden, wo der Müll eine Million Jahre lang gelagert wird? „In Gorleben jedenfalls wusste es das Volk besser als die Politik“, sagt Monika Müller. Aus ihrer Sicht ist dieses Beteiligungsverfahren das vernünftigste Vorgehen. „Wir haben das Problem, und wir müssen es lösen. Wenn es zum Schluss meinen Garten träfe, wäre ich schmerzlich einverstanden“, sagt die Wissenschaftlerin der Evangelischen Akademie. Mit einer kleinen Einschränkung: „Ich kann nur dann einverstanden sein, wenn ich den Suchprozess als wissenschaftlich und fair erlebt habe.“ Und um dieses Gefühl bekommen zu können, muss man sich am Prozess beteiligen.

Werfen wir also noch einmal einen Blick in die Karte. 54 Prozent der deutschen Landesfläche sind geeignet, in Berlin beispielsweise der Untergrund unter den Stadtteilen Neukölln, Schöneberg, Steglitz oder Köpenick. Wohl niemand käme auf die Idee, dort ein Erkundungsbergwerk aufzuschließen, um Atommüll eine Million Jahre lagern zu wollen. Andererseits ist es keine sechzig Jahre her, dass Willy Brandt den ersten westdeutschen Atomreaktor nach Berlin holen wollte. Zum Glück setzte sich damals Franz-Josef Strauß durch; der Reaktor Gundremmingen A havarierte nämlich am 13. Januar 1977, radioaktiver Dampf trat aus, der größte Atomunfall in der deutschen Geschichte. Bis heute sind die Umstände nicht restlos aufgeklärt, und trotzdem arbeitet in unmittelbarer Nähe immer noch ein Atomkraftwerk, Block C soll noch bis 31. Dezember 2021 Atommüll produzieren.

Im Februar soll nun die erste „Fachkonferenz Teilgebiete“ stattfinden, zwei weitere bis Herbst 2021 folgen. Danach sollen Kriterien feststehen, die die Suche auf etwa drei Prozent der Fläche Deutschlands begrenzen. Dort sollen dann Erkundungsbergwerke aufgeschlossen werden, um die Eignung der Deckengebirge zu untersuchen. Entscheiden werden letztlich aber nicht die Bürger selbst, sondern der Bundestag. 2031 soll dort die Standort-auswahl getroffen werden, ab 2050 könnte dann mit der unterirdischen Lagerung des Strahlenschrotts begonnen werden, im gesellschaftlichen Konsens.

„Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Die evangelische Kirche ist in dem Gesamtprozess noch nicht sehr präsent“, sagt Monika Müller. In der Hannoverschen Landeskirche, zu der auch die Akademie Loccum gehört, sei das Thema sicherlich geläufiger, weil der Gorleben-Konflikt hier auch jahrzehntelang ins Gemeindeleben hinein spielte. „Wir müssen den Menschen deutlicher vermitteln, worum es geht“, sagt Müller. Die katholische Kirche zum Beispiel hat nicht einmal einen Vertreter in die Gremien zum Suchprozess entsandt. Und dann sagt Monika Müller einen Satz, der die ganze Tragweite des Vorhabens verdeutlicht: „Einen gesellschaftlichen Konsens kann es aber nur geben, wenn sich die Mehrheit der Deutschen an der Suche beteiligt.“

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Foto: Matthias Rietschel

Nick Reimer

Nick Reimer ist Journalist und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema Umwelt- und Klimaschutz. Er lebt in Berlin.


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