Frommer Christ und Antisemit zugleich

Der Tübinger Theologe und „Judenforscher” Gerhard Kittel
Gerhard Kittel (1888 – 1948) mit seiner Frau
Foto: Tobias-Bild Universitätsbibliothek Tübingen
Gerhard Kittel (1888 – 1948) mit seiner Frau – eines der wenigen erhaltenen Fotos des Theologen, der das
Judentum gut kannte und dennoch abgrundtief hasste.

Der renommierte Tübinger Neutestamentler Gerhard Kittel (1888 – 1948) war ein glühender Judenfeind. Sein Lebenswerk war das Theologische Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT) – Generationen von Theologiestudentinnen und -studenten haben mit diesem Standardwerk gearbeitet. Über einen Theologen, der auch nach dem Krieg nie Reue zeigte, schreibt der Historiker Manfred Gailus.

Christen, so ist heute oft zu hören und zu lesen, könnten nicht zugleich Antisemiten sein. Diese These ist falsch. Der renommierte Tübinger Neutestamentler Gerhard Kittel (1888 – 1948) war gewiss ein frommer Christ. Als neutes-tamentlicher Theologe bekannte er sich leidenschaftlich antijüdisch und nannte das Neue Testament wiederholt das „antijüdischste Buch der ganzen Welt”. Als völkisch denkender Zeitgenosse der Hitlerzeit äußerte er sich gleichzeitig explizit antisemitisch. Sein frommes Christsein möchte ich ihm, der biografisch aus dem schwäbischen Pietismus stammte, nicht absprechen. Doch sein veritabler Antisemitismus lässt sich ebenso wenig in Zweifel ziehen.

In seiner 1942 verfassten Denkschrift über die „Stellung der Judaistik im Rahmen der Gesamtwissenschaft” urteilte Kittel: Das Judentum sei eine Krankheit am deutschen Volkskörper, deren Schwere es nicht erlaube, sich einer „romantischen Harmonisierung und Idealisierung” hinzugeben. Sobald die Judenforschung aufhöre, „ihren Gegenstand als Ab-Art, als Un-Art, als Krankheit und als Pervertierung zu sehen”, vergehe sie sich an ihrer Bestimmung, Dienerin an der Erkenntnis der Natur, des Echten und Gesunden zu sein. Gerade wegen seiner Singularität und „wesenhaften Pervertierung echten Völkerdaseins” sei eine eigenständige wissenschaftliche Judaistik notwendig. Nur auf der Grundlage einer zielsicheren Judaistik werde es möglich sein, die wesenhafte Erscheinung des Judentums zu bestimmen und die „jüdische Gefahr” zu bannen.

Kittel schrieb diese Zeilen im vierten Kriegsjahr 1942, als der Holocaust in vollem Gange war und die jährliche Zahl jüdischer Opfer ihren Zenit erreichte. Man möchte Kittels soeben zitierte Positionen ungern auf das Konto eines christlichen Antijudaismus buchen.

Mit 33 Jahren Professor

Geboren 1888 in Breslau als Sohn des aus Württemberg stammenden renommierten Alttestamentlers Rudolf Kittel, trat Gerhard Kittel früh in die Fußstapfen seines Vaters: Theologiestudium, Promotion, Habilitation – das alles ging sehr rasch vonstatten, mit 33 Jahren war er Professor für Neues Testament in Greifswald, wenig später (1926) Inhaber des Schlatter-Lehrstuhls in Tübingen. Wie so viele Protestanten hatte auch Kittel 1933, im Jahr des Machtantritts Hitlers, sein genuin protestantisches Erlebnis: Eintritt in die NSDAP, Mitwirken bei den antisemitischen Deutschen Christen, dazu rege Publizistik im völkischen Zeitgeist.

Kittels Büchlein „Die Judenfrage” (Juni 1933) kann als eine der einflussreichsten protestantischen Stellungnahmen der Epoche gelten. Auch der Christ, so meinte er, müsse seinen Platz in der aktuellen Front des antisemitischen Kampfes haben. Wenngleich er einen Rassebegriff nur sparsam und eher implizit verwendete, so beklagte er in dieser Schrift wie in vielen künftigen Publikationen eine unheilvolle „Blut- und Rassenmischung” in Deutschland und erkannte darin ein „Gift”, das die „Zersetzung” des deutschen Volkes seit der Judenemanzipation des 18. Jahrhunderts bewirkt habe und nur durch eine harte völkische Politik wieder korrigiert werden könne. Durch die Taufe, so betonte der Theologe, werde ein übertrittswilliger Jude nicht Deutscher, sondern bleibe ein „Judenchrist”.

Kittel votierte schon 1933 für ein Verbot christlich-jüdischer Mischehen und nahm damit die Nürnberger Rassengesetze (September 1935) geistig vorweg. Von einem expliziten Rassenantisemitismus führender NS-Ideologen grenzte er sich vorsichtig ab und trat für einen nach seiner Ansicht ‚besseren’, einen wissenschaftlich fundierteren und stärker christlich inspirierten Antisemitismus ein.

Kittels Werk war vielschichtig. Es gab den genuin theologischen Forscher mit wissenschaftlichen Beiträgen zum Frühchristentum und antiken Judentum, die international Anerkennung fanden. Es gab den ordinierten Theologen, der seinen Christenglauben von der Kirchenkanzel verkündete. Es gab den völkisch-politischen „Judenforscher”, der sich in Kollaboration mit Hitlerpartei und NS-Staat begab.

Eigentliches Zentrum seines Lebenswerks war jedoch das Theologische Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT), dessen erste vier Bände unter seiner Herausgeberschaft von 1933 bis 1942 erschienen. Generationen von Theologiestudenten (und bald nach dem Krieg auch -studentinnen) haben mit diesem Standardwerk gearbeitet. Aus naheliegenden Gründen steht die Frage im Raum, inwieweit sich Kittels dezidierter Antijudaismus und sein völkischer Antisemitismus in den Beiträgen des ThWNT niedergeschlagen haben. Die jüngste Analyse des Paderborner Theologen Martin Leutzsch weist nach, dass dezidierter Antisemitismus in den wissenschaftlichen Beiträgen nur marginal vorkommt. Durchgängig sei das Wörterbuch jedoch von einem strukturellen modernen christlichen Antijudaismus durchdrungen, um ein christliches „Überlegenheitsnarrativ” gegenüber dem Judentum zu entfalten.

Kollaboration mit dem NS-Regime

Kittels politisch-ideologische Kollaboration mit dem NS-Regime kam vor allem durch Mitarbeit in der „Forschungsabteilung Judenfrage” des führenden NS-Historikers Walter Frank zum Ausdruck. Als renommierter Theologe und Experte des antiken Judentums nahm er an allen vier Jahrestagungen dieser Einrichtung (1936 – 1939) teil und publizierte durchgängig in deren antisemitischer Schriftenreihe. Auf einer Begleitveranstaltung zur Münchener Ausstellung „Der ewige Jude” referierte Kittel im Dezember 1937 über „Die rassische Entwicklung des Judentums”. Als „Ehrengast des Führers” nahm er am Nürnberger Reichsparteitag 1938 teil.

Im Dezember 1941 verfasste Kittel ein Gutachten über den in Berlin inhaftierten Pariser Attentäter Herschel Grynszpan und stellte dessen Pariser Gewalttat vom November 1938 als die Tat eines vom internationalen Weltjudentum gesteuerten „Talmudjuden“ dar. In einem Artikel über das „talmudische Denken und das Judentum” (publiziert Oktober 1941) schrieb Kittel: „Talmudisch gedacht ist der Jude allein der eigentliche Mensch, der diesen Namen verdient. Der Nichtjude verhält sich zum Juden wie die Spreu zum Weizen, wie der Staub zur Perle, wie die Fehlgeburt zum lebenden Kind, wie das Tier zum Menschen. Selbst der Hund verdient noch den Vorzug vor dem Nichtjuden.”

Vorbereiter des Holocaust

Erst Anfang 1943, so Kittel nach dem Krieg, habe er durch seinen auf Kriegsurlaub in Tübingen weilenden Sohn Eberhard von den systematischen Judentötungen im Osten erfahren. Tätigen Anteil am Holocaust nahm Kittel gewiss nicht. Und auf die Schreckensnachrichten aus dem Osten dürfte er entsetzt reagiert haben. Zu den geistigen Vorbereitern des Holocaust wird man den Tübinger Theologen indessen zählen müssen.

Am 3. Mai 1945 nahm die in Tübingen eingerückte französische Besatzungsmacht acht Professoren der Eberhard-Karls-Universität in Haft, darunter auch Gerhard Kittel. Halbjährige Gefängniszeit, Lagerhaft für belastete NS-Täter in Balingen und Zwangsaufenthalt in Beuron mit Arbeitserlaubnis für die Klosterbibliothek – erst im Februar 1948 konnte Kittel nach Tübingen zurückkehren. Auf seine Tübinger Professur verzichtete er, verlangte jedoch ein angemessenes Ruhegehalt und wünschte, die Herausgabe des ThWNT fortsetzen zu dürfen. Am 11. Juli 1948 verstarb der Theologe nach schwerer Krankheit im Alter von 59 Jahren. Kittel starb nicht an innerer Gebrochenheit oder seelischer Zerknirschung.

Das gegen ihn eingeleitete Spruchkammerverfahren kam zu seinen Lebzeiten nicht mehr zum Abschluss. Nach Lage der Dinge und im Vergleich mit anderen „Fällen” wäre er wohl freigesprochen worden. In seiner Rechtfertigungsschrift „Meine Verteidigung” (1946) finden sich lediglich geringe Spuren einer subjektiven Schuldeinsicht. Er bekannte Mitschuld an der allgemeinen Katastrophe der Deutschen. Individuell fühlte er sich indessen als gläubiger Christ mit sich selbst im Reinen. Er habe, so schrieb er 1946, nicht einem einzigen Juden auch nur ein Haar gekrümmt. Vielmehr habe er der NS-Weltanschauung und ihrem „Vulgär-antisemitismus” als mutiger christlicher Bekenner widersprochen und in diesem kritischen Sinn in der Partei gewirkt. Mit diesem Widerstand habe er viel riskiert, wiederholt sei ihm mit Konzentrationslager gedroht worden.

Kein Haar gekrümmt

Über den „Fall Kittel” ist zu Nachkriegszeiten viel geschwiegen worden. Der württembergische Landesbischof Theophil Wurm, zugleich erster Ratsvorsitzender der EKD, verteidigte den Theologen in einem „Gutachten” 1947 gegen Anschuldigungen und urteilte, es habe zum kirchlich-theologischen Lehrauftrag Professor Kittels gehört, die „göttlichen Ursachen der Verwerfung des Volkes Israel” aufzuzeigen.

Noch in den 1970er-Jahren tat sich der Tübinger Kirchenhistoriker Klaus Scholder schwer mit dem beschwiegenen Thema. In seinem großen 900-Seiten-Werk über „Die Kirchen und das Dritte Reich” (1977) erwähnt er Kittel lediglich einmal marginal in den Anmerkungen. Es waren Scholders damalige Assistentin Leonore Siegele-Wenschkewitz und der US-amerikanische Historiker Robert P. Ericksen, die sich zeitgleich seit den späten 1970er-Jahren des tabuisierten Themas annahmen. Siegele-Wenschkewitz wagte sich dabei offenbar zu früh zu weit vor mit ihrer couragierten Aufarbeitung – und büßte damit eine Hochschulkarriere als Kirchenhistorikerin an den deutschen Theologischen Fakultäten ein.

 

Literatur

Manfred Gailus/Clemens Vollnhals (Hg.), Christlicher Antisemitismus im 20. Jahrhundert. Der Tübinger Theologe und „Judenforscher“ Gerhard Kittel. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020.

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