Der Jahrzehnte zwei

Notizen zu: zeitzeichen.net/sites/default/files/2020-09/Poster.pdf
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Foto: Christiane Dunkel-Koberg

Zwanzig Jahre sind auf dem schnelllebigen Medienmarkt eine ganz schön lange Zeit, aber eigentlich ist zeitzeichen schon viel älter. Wussten Sie nicht?  Na dann: Einige Bemerkungen in  eigener Sache, oder: Was Sie vielleicht schon immer mal über zeitzeichen wissen wollten …

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Oder doch? Na, Sie werden es schon erkennen, was da auf der rechten Seite abgebildet ist, oder? Richtig, es sind die 240 Titelseiten von zeitzeichen, die seit dem Oktober des Jahres 2000 erschienen sind. Eine stolze Zahl, und gerade befinden Sie sich in dem Heft mit der 241. Titelseite, aber die kam nicht mehr aufs Bild, weil sie sonst einsam und allein in der 17. Reihe gestanden hätte.

Um sich den einzelnen Titelseiten besser widmen zu können, ja vielleicht sogar die jeweiligen Schwerpunktthemen und anderen Artikel „in echt“ zu entziffern, sei Ihnen jetzt aber weniger eine Lupe empfohlen, sondern der Klick auf den Link am Ende des Textes. Dort finden Sie unser Poster als PDF, das man (ab etwa 300 Prozent Vergrößerung) am heimischen Computerbildschirm studieren kann. Natürlich können Sie es sich dort auch runterladen und ausdrucken lassen, am besten mindestens auf DIN A1, dann werden Sie nicht nur alles lesen können, sondern hätten potenziell zuhause eine Wand verschönert …

Ein großer Dank dafür gilt Christiane Dunkel-Koberg, jener Grafikerin aus Hamburg, die einst im Jahr 2000 das Layout für die zeitzeichen entwarf und bei uns bis heute für die Gestaltung der Titelseite zuständig ist! Das mit dem „Poster“ rechts war ihre Idee und führt auf sinnfällige Weise vor Augen, wie die Zeit vergeht. Der Autor dieser Zeilen hat erst seit gut sechs Jahren die Freude, bei zeitzeichen sein zu dürfen, „seine“ 75 Titelblätter beginnen exakt in – zählen Sie mit! – Zeile fünf von unten, umfassen also weniger als ein Drittel des Gesamtbestandes.

Aber Schluss mit der Spielerei, nun zu den Fakten: Bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2014 war mein geschätzter Vorgänger Dr. Helmut Kremers hier am Werke. Anders als er, der Gründungs-Chefredakteur, kenne ich die Entstehung der zeitzeichen nur vom Hörensagen. Aber so viel kann ich mit seiner tatkräftigen Unterstützung sagen: zeitzeichen ist ein Fusionsprojekt – keinesfalls aus dem Nichts entstanden, sondern aus einem Quartett von Vorgängerpublikationen.

Die älteste ist die Reformierte Kirchenzeitung, gegründet 1850. Sie entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, als das reformierte Christentum – also jene Fraktion, die eher Calvin und Zwingli als Ahnherrn ansieht denn Martin Luther –, langsam neues Selbstbewusstsein sammelte. Neues Selbstbewusstsein, nachdem die Unionsbestrebungen zwischen den protestantischen Konfessionen in der ersten Hälfte des Jahrhunderts – befördert vielerorts durch den mehr oder minder sanften Druck des preußischen Königs – das Anliegen durchgesetzt hatten, den vielgestaltigen deutschen Protestantismus zu vereinheitlichen. Das hat er meist nicht so gern, der deutsche Protestantismus, und darüber seufzen manche Enthusiasten der EKD bis heute – zuletzt in elf Leitsätzen, die dem Hörensagen nach inzwischen auf zwölf angewachsen sein sollen. Wechselspiel von Ewigkeit? Wahrscheinlich.

Aber weiter im Text: Die zweitälteste Vorläuferpublikation sind Die Zeichen der Zeit. 1946, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, erhielten sie als Monatsschrift die Lizenzierung von der SMAD, der Sowjetischen Militäradministratur in Deutschland, die oberste Besatzungsbehörde in Berlin (Ost). Dort erschienen die ZdZ zunächst in der damals noch dort, heute in Leipzig, ansässigen Evangelischen Verlagsanstalt. ZdZ war „die“ Zeitschrift für die Mitarbeiterschaft der evangelischen Kirche in der DDR. Im Zuge der Wiedervereinigung geriet sie in Turbulenzen, ging fast zugrunde, rettete sich, wurde dann einige Jahre von Leipzig aus weitergeführt, bis 1998 das Geld endgültig zu knapp wurde und sich die Publikation mit einer anderen, ähnlichen, aus dem Westen vereinigte.

Gut- bis mildlutherisch

Womit wir beim dritten Ahnen der zeitzeichen sind: den Lutherischen Monatsheften. Sie wurden 1963 gegründet, wobei sie mit den Lutherischen Nachrichten schon ein Vorläuferorgan hatten. Die sogenannten Lumos wurden herausgegeben von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, kurz: VELKD, jenem gliedkirchlichen Zusammenschluss aller dezidiert lutherischen Landeskirchen in Deutschland (pardon, fast aller: Württemberg und Oldenburg, beide gut- bis mildlutherisch, wollten 1948 bei der Gründung der VELKD nicht mitwirken und halten bis heute auch freundlich nahbare Distanz zu den Konfessionsbünden, ohne durch übergroße Botmäßigkeit zur EKD aufzufallen).

Aufgabe, Anliegen und Programm der Lutherischen Monatshefte war es, „kirchliches Zeitgeschehen, theologische Information, ökumenische Korrespondenz und Kirche im Dialog mit Kultur, Wissenschaft und Politik“ zu sein. Diesen Auftrag mit der einen oder anderen Änderung im Detail hätten bestimmt auch jederzeit die Verantwortlichen der beiden schon erwähnten zeitzeichen-Vorläufer unterschrieben.

Und sicher gilt das auch, aber nicht nur für den vierten gewichtigen Ahnen: Er heißt Evangelische Kommentare und wurde 1968 gegründet. Das Gründungsjahr war Programm, denn die EK verstand sich entschieden als ein evangelisches Blatt, das sich politisch einbringt und über den Kreis der Kirche in die Gesellschaft hineinwirken wollte. Getragen wurde es anders als die anderen nicht von einem kirchlichen Zusammenschluss, hier der Reformierte Bund, dort die VELKD, sondern Träger war der „Verein Evangelische Kommentare“, hinter dem die EKD-Gliedkirchen standen, die nicht Mitglied der VELKD waren, darüber hinaus noch andere kleinere Träger.

Vier profilierte Publikationen, die irgendwie ähnlich waren, mit vielleicht unterschiedlichen Akzenten, auch unterschiedlichen innerprotestantisch-konfessionellen Akzenten. Die waren vor Jahrzehnten durchaus noch prägender und trennender, als man heute zu denken vermag. Ja, allen Nachgeborenen sei zugerufen: Erst seit der Leuenberger Konkordie 1973 „durften“ Reformierte, Unierte und Lutheraner, die Angehörigen der verschiedenen evangelischen Konfessionsfamilien im Raum der EKD, offiziell gemeinsam Abendmahl feiern. Was für Zeiten!

Unabhängig aber von der Leuenberger Konkordie gab es ab den 1970er-Jahren aus praktischen und natürlich finanziellen Gründen Überlegungen, dieses edle Kleeblatt evangelischer Monatspublikationen zusammenzulegen. In lichten Momenten und besonders, je knapper die Finanzen wurden, dachte man: Vernünftig wäre es schon. In den 1990er-Jahren gewannen diese Überlegungen an Fahrt. 1997 erschien „Mandat und Markt“, das bisher letzte publizistische Gesamtkonzept im Raum der EKD. Darin stand neben gelehrten und immer noch (!) lesenswerten Analysen über die Mediensituation Ende des Jahrtausends folgende Bemerkung bezüglich unserer Vorgängerpublikationen: „Es muß in Frage gestellt werden, ob aus der Perspektive der Leserinnen und Leser diese unterschiedliche konfessionelle Profilierung sinnvoll ist (oder sich ausschließlich über Herausgeberinteressen begründet).“ Und es folgte die klare Empfehlung: „Das Nebeneinander vergleichbarer Monatspublikationen ist wirtschaftlich und publizistisch nicht zu vertreten.“ Als „Publizistisches Ziel“ wurde 1997 formuliert: „Im Sinne einer aktiven Beteiligung am gesellschaftlichen, kirchlichen und theologischen Dialog braucht die evangelische Kirche eine qualitativ anspruchsvolle Publikation für protestantische Meinungsführer, die entsprechende Perspektiven und Positionen vermittelt.“

Bleihaltige Luft

Dieser Meinung schlossen sich dann auch die Verantwortlichen der Vier an und in – das sei nicht verschwiegen – sehr schwierigen und langwierigen Verhandlungen wurde im Jahr 2000 zeitzeichen aus der Taufe gehoben. Die Details kann und sollte ein Nachgeborener hier nicht mehr erheben, aber es beeindruckt ihn immer sehr, wenn die beiden Redaktionsmitglieder, die von Anfang der zeitzeichen an dabei gewesen sind, „vom Krieg“ erzählen, das heißt von Gremiensitzungen in Verwaltungsrat und Gesellschafterversammlung der zeitzeichen, in denen Anfang des Jahrtausends gewisse Partikularinteressen, die sich aus der früheren Geschichte der jeweiligen Zeitschriften speisten, eine durchaus bleihaltige Luft erzeugen konnten …

Tempi passati kann man heute mit Fug und Recht sagen. Jetzt wird zeitzeichen von allen deutschen Landeskirchen getragen, und zwar vertreten durch die konfessionellen Bünde, also die VELKD, den Reformierten Bund und seit 2017 auch von der Union der Evangelischen Kirche in der EKD, der UEK. Deshalb konnte Ende 2016 der Verein Evangelische Kommentare als Trägergremium aufgelöst werden. Eine schlicht vernünftige, praktische und überzeugende Lösung! An dieser Stelle, ein Name muss hier einfach sein, besonderer Dank an Johann Daniel Noltenius, den Leiter der Kirchenkanzlei der Bremischen Kirche, der diese praktische und institutionell überzeugende Begradigung angestoßen und vorangetrieben hat.

So, genug aus dem Maschinenraum und der Zukunft zugewandt. Die zeit-
zeichen
verändern sich: Seit gut einem Jahr gibt es neben dem monatlichen Heft, dem weiterhin die ungeteilte Mühe und Liebe der Redaktion gilt, auch sehr verstärkte Aktivitäten im Netz. Das Format z(w)eitzeichen versammelt Beiträge, mit denen wir als Redaktion auch aktuell, ja zuweilen tagesaktuell reagieren können. Das tut gut, auch wenn es wirklich mehr Arbeit ist. Aber es macht Freude, und es bekommt auch erfreulich viel Resonanz: In den ersten Wochen des Lockdowns aufgrund der unseligen Corona-Pandemie hatten wir streckenweise mehrere Beiträge pro Tag, die Diskussionen auslösten und belebten, ebenso wie zuletzt um die „Elf Leitsätze“ der EKD, die dem Vernehmen nach jetzt ja zu „Zwölf Leitsätzen“ gewachsen sind – da bleiben wir dran! Sollten Sie das noch nicht wahrgenommen haben, dann schauen Sie doch mal rein auf www.zeitzeichen.net. Sie finden das z(w)eitzeichen immer direkt unter dem Schwerpunktthema unter „Aktuelles“. Gute Lektüre auch da!

Am Ende dieser Jubiläumsnotiz steht ein doppelter Dank: an alle, die uns aus dem Raum der Kirche so großzügig unterstützen, und natürlich an Sie, unsere Leserinnen und Leser, unsere Abonnentinnen und Abonnenten. Bleiben Sie uns gewogen – auch in den nächsten zwanzig Jahren und gerne darüber hinaus!

Liebe Leserin, lieber Leser,

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