Beste Grüße sind nicht gut genug

MFG vom OKR und die Elf Leitsätze der EKD

Das erste Mal fiel mir das Phänomen bei einer Mail eines Oberkirchenrats aus irgendeiner der kirchlichen Behörden hierzulande auf. Vor etlichen Jahren war es dank des ebenso großherzigen wie kurzfristigen Einsatzes einer Stiftung gelungen, wertvolle Objekte für eine kirchliche Sammlung zu retten (sie sollten versteigert werden, weil der Besitzer aus nachvollziehbaren Gründen Geld brauchte). Anstatt sich über die Rettung zu freuen und der Stiftung zu danken, die das möglich gemacht hatte, schrieb der zuständige Oberkirchenrat eine kurze elektronische Nachricht. Darin stellte er lediglich die Frage, ob überhaupt geklärt sei, wer die zusätzlichen Kosten für die Beleuchtung der Stücke in der Vitrine übernehmen werde. Darauf folgten die Großbuchstaben „MFG“ und darunter die automatisch unter jeder Mail befindliche Adresszeile mit den Angaben OKR Hans Meiermüller, Namen der Behörde und der betreffenden Unterabteilung, Adresse, Telefon-sowie FAX-Nummer und Mail-Adresse. Mit anderen Worten: Meiermüller hatte das elektronische Schreiben gar nicht mit seinem Namen unterschrieben, sondern einfach die Namenszeile seiner automatisch produzierten Signatur als Unterschriftenzeile genommen. Das Kürzel „MFG“ hatte ich wie die extrem sparsame Form, Dopplung des eigenen Namens am Ende von Mails zu vermeiden, noch nie zuvor gesehen und brauchte einen Augenblick für die Auflösung. In meiner Naivität hielt ich diesen kurzangebundenen, wenig wertschätzenden Umgang mit Menschen, die sich vermutlich über ein wenig Dankbarkeit und Wertschätzung freuen, beides aber verdient hatten, für ein Individualproblem von Herrn Meiermüller.

Heute, viele Jahre danach, fallen mir leider viele Menschen im Raum der Kirche ein, die ihre Mails mit „MFG“ signieren und offenbar große Scheu haben, dass ihr Namen zweimal zu lesen ist am unteren Ende. Ich verstehe ja, dass man eine WhatsApp-Nachricht mit einem verkürzten Gruß schließt. Nur bekomme ich eigentlich nie WhatsApp-Nachrichten mit der Kürzel „MFG“. Da steht dann häufig „LG“, „liebe Grüße“. Ein in Italien tätiger deutscher Kunsthistoriker schreibt beispielsweise wunderbare wortreiche italienische Schlussgrüße und schließt dann mit den Anfangsbuchstaben von Vor- und Nachnamen. Eine Freundin in Schweden schließt „herzlich wie stets“ und kürzt ihren Vornamen auch ab. Ich gestehe, dass ich solche Grüße wie die letztgenannten am Ende gern lese. Sie sind individuell, drücken Zuneigung aus und führen dazu, dass ich mich im Augenblick mit denen, die mich so grüßen, verbunden fühle. Es geht also gar nicht um die Frage, ob man abkürzen oder Buchstaben sparen darf. Es geht um den Grad an Zuneigung, den ein Schlussgruß ausdrückt und um das Ausmaß von Wertschätzung, das in einem Text transportiert wird. Und „MFG“ transportiert weder Zuneigung noch Wertschätzung.

Verwirrende Irrläufer

Wenn mich nicht alles täuscht, hat sich das Problem in der letzten Zeit noch etwas verschärft. Und das liegt unter anderem daran, dass die einstmals klare Hierarchie der Schlussgrüße durcheinander gekommen ist. Als ich studierte, reservierte man „liebe Grüße“ für die engeren Freundinnen und Freunde, „liebste Grüße“ sogar nur für eine oder einen oder ganz wenige (daher freue ich mich immer noch sehr über diesen Gruß, auch in der Form „LG“). „Mit freundlichen Grüßen“ unterzeichnete man Briefe an den Ausbildungsreferenten, „herzliche Grüße“ waren für ein mehr als geschäftsmäßiges Verhältnis reserviert. Ein Verhältnis mit Potential. Inzwischen gibt es in diesem einstmals klaren hierarchischen System Irrläufer. Irrläufer sind Grüße, bei denen ich nicht so richtig weiß, wo genau sie zwischen Nähe und Distanz stehen. „Beste Grüße“: Steht das jetzt näher bei „liebe Grüße“ oder sogar noch unter „mit freundlichen Grüßen“? Ich kenne Menschen, die es eher für solche reservieren, zu denen sie ein distanziertes Verhältnis haben. Es gibt aber offenbar auch die anderen. Manche schließlich verwenden es als Gruß irgendwo zwischen „freundliche“ und „herzliche Grüße“. Wenn Kommunikation und die dazu benutzten Formeln aber nicht eindeutig sind, entstehen Probleme. Auch davon könnte ich manches Beispiel erzählen aus den letzten Monaten und Jahren.

Wenn die exakte Zuordnung von Kommunikationsformen schwierig wird, wird es aber auch schwieriger, Wertschätzung oder Zuneigung eindeutig und für alle wahrnehmbar auszudrücken. Dann ist umso mehr Sensibilität gefragt. Gleichzeitig ist aber beispielsweise in kirchlichen Zusammenhängen meiner Wahrnehmung nach das Bedürfnis nach Ausdrucksformen von Wertschätzung und Zuneigung eher gestiegen. Der Münchener Theologe Reiner Anselm hat jüngst geschrieben: „Die Kirche verliert seit Jahren an Raum. Für viele Pfarrerinnen und Pfarrer nagt das immer mehr am Selbstwertgefühl. Sie arbeiten viel, sie engagieren sich – und sind zunehmend ratlos“. Wenn das stimmen sollte, wäre nicht nur zu verstehen, warum das Bedürfnis nach Worten wie Gesten der Wertschätzung mindestens bei diesem kirchlichen Berufstand gestiegen ist; es wäre auch unmittelbar sinnvoll, Menschen, die sich in unsicheren Zeiten stark engagieren, wertschätzend zu begegnen und Zuneigung auszudrücken.

Anselm schrieb die zitierten Worte im Rahmen einer Kritik an den elf Leitsätzen, die das Z-Team unter der Überschrift „Kirche auf gutem Grund – Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ jüngst vorgelegt hat. In diesem Papier fällt bekanntlich das das Stichwort „Kirche vor Ort“ lediglich im Abschnitt über Digitalisierung: „Kirche vor Ort nutzt virtuelle Räume, um die Gemeinschaft des Leibes Christi auf vielfältige Weise zu stärken“. Und im folgenden Abschnitt heißt es unmissverständlich: „Die ‚Kirche im Dorf‘ und die Gemeinde im städtischen ‚Quartier‘ werden sich wandeln. Parochiale Strukturen werden ihre dominierende Stellung als kirchliches Organisationsprinzip verlieren“. Verständlich, dass Pfarrerinnen und Pfarrer, die alle Kräfte in die Belebung parochialer Strukturen investieren, sich über solche Sätze nicht freuen und mangelnde Wertschätzung beklagen. Ich kenne einige solche Menschen und bewundere die Energie und Phantasie, mit der sie in der Pandemie parochiale Strukturen zugleich transformiert und sobald als möglich in klassischer Form revitalisiert haben. Wo parochiale Strukturen seither vollständig zusammengebrochen sind, lag es oft auch an übertriebener Furcht oder – man muss das so deutlich sagen – sonstwie zu erklärender Lähmung aller Antriebskräfte bei Pfarrpersonen. Daraus Prognosen zur Zukunft des parochialen Systems abzuleiten, halte ich für verfrüht. Vielleicht sollte man eher über das Personalmanagement nachdenken.

Ich persönlich glaube nicht, dass ein Zukunftspapier einer Arbeitsgruppe das richtige Instrument ist, Menschen in der Kirche, denen Wertschätzung und Zuneigung fehlt, das zu schenken, was sie vermissen. Die Frage, ob Pfarrpersonen im parochialen System Wertschätzung und Zuneigung vermittelt wird, sollte von der Frage, welche Zukunft eben dieses parochiale System hat, getrennt werden. Aber in die Zukunftspapiere der evangelischen Kirche gehören eben nicht nur mehr oder weniger strittige Erwägungen zur Zukunft des parochialen Systems. Es gehört in die Zukunftspapiere auch eine Antwort auf die Frage, wie wir Menschen in kirchlichen Verwaltungen und Leitungsämtern, in übergemeindlichen und in gemeindlichen Zusammenhängen, besser darin schulen können, Wertschätzung und Zuneigung zu vermitteln. Daran hapert es nicht nur bei OKR Meiermüller. Ich wiederhole noch einmal: Angesichts der Pluralisierung von Kommunikationsformen ist es nicht einfacher geworden, klar und eindeutig Wertschätzung und Zuneigung zu vermitteln. Und das Bedürfnis ist vielleicht auch tatsächlich gestiegen. Außerdem ist nicht jedes kommunikative Handeln der rechte Ort dafür, es zu vermitteln. Schlechte Arbeit sollte man nicht noch mit Worten oder Gesten der Wertschätzung für diese Arbeit belohnen. Aber Engagement und gute Arbeit schon. Wenn deutlich ist, dass an dieser Stelle ein Problem in der Kirche besteht, das für die Zukunft in vielfacher Hinsicht relevant ist, sollte man zuerst darüber gründlich nachdenken und dann entschlossen handeln.

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