Schwein haben

Sam Lee: Old Wow

Wenn Zehntklässler bei Worten wie Eber passen, hat das nicht nur mit sozialem oder kulturellem Hintergrund zu tun, auch die sprachliche Verarmung insgesamt spielt eine Rolle und der Verlust von Natur, wie sie riecht, klingt, schmeckt, von ihrer Gestalt und Farbigkeit. Man versuche es mit Ganter, Ginster, Eberesche, es wird kaum besser. Verloren geht indes nicht bloß die Sinnlichkeit, sondern auch Zugang zum Selbst und dazu, dass es sich überhaupt bilden kann. Denn an und in Sprache hängt unsere Welt. Da ist Old Wow, das dritte Album des englischen Folksängers Sam Lee, zwar nicht als Abhilfe gedacht, kann aber dazu beitragen. Der Umweltaktivist, der bei dem schottischen Traveller Stanley Robertson lernte und als Sammler und Interpret von Traditionals vor allem der Roma und irischen Travellers hoch angesehen ist, widmet es seiner Tochter und „der wundervollen Welt, auf der zu leben sie sich entschieden“ habe.

Warm, intim, leidenschaftlich, im Geist auch kämpferisch ist die Haltung aller zehn Songs, deren Storys je ganz konventionell Beziehungskonstellationen zwischen Liebe, Begehren, Abschied und Vermissen durchdeklinieren, auf einer zweiten Ebene aber durchweg auf die so geliebte wie gefährdete Natur und Welt übertragbar sind und auch sein sollen. Eingespielt sind sie in der für Lee üblichen Besetzung mit Piano (James Keay), Bass (Misha Mullov-Addado) und Percussion (Josh Green). Streicher, darunter Geiger Caoimhin Ó Raghallaigh von der Supergroup The Gloaming, Bläser und weitere Instrumentalisten und Vokalisten wie Elizabeth Fraser von den Cocteau Twins kommen jeweils dazu. Und erstmals hat er die Gitarre dabei, gespielt von Bernard Butler (Ex-Suede), der auch produziert hat. Lee erklärt: „Aber nur, weil sie so schön und gefühlvoll gespielt wird und man nicht unbedingt weiß, dass es überhaupt eine Gitarre ist“ – etwa in dem herausragenden Worthy Wood, dessen Zärtlichkeit zwischen Lullaby und Verlustschmerz changiert. Zunächst verhalten und gehaucht, dann entfesselt mit jazzigem Bass und betörender Percussion von der Rahmentrommel.

Funkelnde Arrangements präsentieren die Songfunde als Preziosen, die passend zur Klimawandelkrise im Jetzt aufschlagen. Filigrane, nahezu kunstliedhafte Inszenierungen, die Lees Croonen ins Cinemascopehafte kippt, sind ebenso darunter wie sachte, getragene Balladen. Und das Extinction Rebellion gewidmete Spiritual „Lay This Body Down“ mit seinen satten Bläsern in Revuetreppen-Manier ist ein echter Hammer, zugleich melancholisch, smart, martialisch.

So werden verdichtete Geschichten, wie sie für das Storytelling von Traditionals typisch sind, wiedererweckt – zeitlos, aktuell und als pralle Lust am Leben. Lee hat keine Furcht vor Pathos und viel Feinsinn, der auch den Groove der Wörter erspürt. Das ist Nature Writing für die Ohren, ganz ohne neopagane Verspanntheit, wie sie sonst mitunter das Folk-Milieu infiziert. Saugut.

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