Menschlichkeit bewahren

Die Corona-Krise ist eine Gedulds- und Gemütsprobe
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Die Farbe Grün weckt viele Assoziationen. Grün ist die Farbe der Natur, Grün gilt psychologisch als beruhigende und heilungsfördernde Farbe. Zwar gibt es in unserem Sprachgebrauch auch gelegentlich negative Konnotationen. Jemand wird „grün im Gesicht“, wenn ihr unwohl ist, oder wird „grün vor Neid“. Doch ganz überwiegend ist Grün eine gute und verheißungsvolle Farbe. Politisch und gesellschaftlich ist Grün zum Label einer nachhaltigen Umweltpolitik und einer umweltbewussten Lebenseinstellung geworden. Grün ist zwar eine Mischfarbe, aber im Sprachschatz verbindet sich kaum mit einer anderen Farbe ein so klar positives und Handlung stimulierendes Profil.

Das spiegelt nicht zuletzt auch der Dreiklang der Ampelfarben. Grün gibt den Weg frei. Und wie oft kann man im Straßenverkehr das Umschalten der Ampel von Rot auf Gelb und endlich Grün kaum erwarten. Die Wartezeit an der grünen Ampel ist wie ein Seismograph der aktuellen Befindlichkeit und Zeitwahrnehmung. An manchen Tagen kann man das Grün gelassen erwarten. An anderen wird das Warten zur Qual, wenn jede Sekunde zählt – auf dem Weg zum Arbeitsplatz, zur Schule oder zu einer anderen Ausbildungsstätte.

In den vergangenen Monaten hat die Corona-Krise die Alltagsmuster in der Zeitwahrnehmung verschoben. Viele empfanden die erzwungene Entschleunigung in den ersten Wochen als befreiend. Die hektischen Phasen im Alltag haben sich reduziert. Auch wenn jetzt die Lockerungen für viele greifen, wird das Mobilitätsspektrum vor der Krise noch lange nicht wieder erreicht werden. Homeoffice ist zwar keineswegs für alle erstrebenswert, vor allem nicht in der Kombination mit Homeschooling. Aber die Reduzierung der Wege entzerrt doch die alltäglichen Konflikte und schlägt sich im Zeitempfinden nieder. Zugleich überlagert die Suche nach einem Zeithorizont der Krise die Kurzzeitwahrnehmung.

Wann können wir zur Normalität zurückkehren? Wann wird sich der Arbeitsmarkt erholen, vor allem für die Berufe, die am meisten von der Krise betroffen sind? Wird es nach den Sommerferien eine Rückkehr zum geregelten Schulalltag geben? Wann wird wieder Präsenzlehre an den Universitäten und anderen Ausbildungseinrichtungen möglich sein? Wann wird es wieder Gottesdienste ohne Abstandsregelungen geben? Kommt eine zweite Welle? Und wird es im nächsten Jahr einen Impfstoff geben, wie dies in den ersten Wochen der Pandemie als vergleichsweise sicherer Punkt in den Zeithorizont der Krise eingezeichnet wurde?

Nach meinem Eindruck wächst im Umgang mit der Krise inzwischen das Bewusstsein, dass sich ihre zeitliche Entwicklung weit weniger steuern lässt als etwa bei der Finanzkrise. Physisch Abstand halten ist bis auf Weiteres das bescheidene Mittel, das uns zur Eindämmung des Virus zur Verfügung steht. Was die Krise insgesamt an-betrifft, so zwingt sie dazu, Abstand zu nehmen von der zeitlichen Naherwartung und technische und ökonomische Machbarkeitsvisionen vorsichtiger zu betrachten. Aber darüber ist das Machbare nicht zu vergessen. Denn in Sachen Mitmenschlichkeit und Solidarität gibt es keine Abstandsregeln und keine falsche Bescheidenheit.

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Friederike Nüssel

Friederike Nüssel ist Professorin für Systematische Theologie in Heidelberg und Herausgeberin von zeitzeichen.


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