Unterhaltsame Abgründe

Sehr empfohlen: Die Pfarrer-Serie „Die Wege des Herrn“
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

Natürlich, wer Einblicke in den Alltag eines Pfarrers oder einer Pfarrerin erwartet, sollte die dänische TV-Serie „Die Wege des Herrn“ nicht unbedingt ansehen – denn Alltag ist das eher nicht, was die vielfach ausgezeichnete Familiensaga um eine fiktive Pfarrer-Dynastie im heutigen Kopenhagen zeigt. In zwei Staffeln mit insgesamt zwanzig Folgen wimmelt es nur so von Sex, Verrat, Gewalt und Drogen, um nur einige der Abgründe zu nennen, die geschildert werden.

Insofern wäre es einfach, diese Serie mit einem „Das ist doch alles unrealistisch!“ abzutun. Wären da nicht das phasenweise brillante Drehbuch und die bis in die Nebenrollen durchweg hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspieler. So gelingt es, noch die überraschendste Wendung in dieser großen Erzählung als einigermaßen plausibel erscheinen zu lassen. Auch wenn es kaum eine Todsünde gibt, die in dem Klerikerclan nicht begangen wird, wirkt alles dramaturgisch schlüssig oder doch zumindest möglich.

Erzählt wird die Geschichte der Pfarrerfamilie Krogh. Da gibt es den so charismatischen wie dominanten Johannes Krogh, das Familienoberhaupt, Pfarrer in siebter Generation oder so, ein ehrgeiziger, aber auch sehr frommer Mann. Er wird so stark von Lars Mikkelsen gespielt, dass man die Augen gar nicht von ihm wenden will. Seine Frau Elisabeth (Ann Eleonora Jørgensen) steht ihm lange sehr treu zur Seite, bügelt mit ihrer Klugheit, Sensibilität und Herzlichkeit immer wieder das aus, was ihr Macho-Mann mal wieder verbockt hat. Schließlich sind da die beiden erwachsenen Söhne August (Morten Hee Andersen) und Christian (Simon Sears) mit ihren Partnerinnen. Der eine hält die Familientradition hoch und wird Pfarrer, der andere ist das schwarze Schaf der Familie – aber mehr darf hier nicht verraten werden.

Das Fesselnde an „Die Wege des Herrn“ ist einerseits die Sogwirkung einer gut gemachten Familiensaga, bei der man wissen will, wie es denn nun weitergeht mit den Protagonisten, die man immer besser versteht, die mal gut, mal böse sind und an deren Schicksal man Anteil nimmt. Andererseits wächst in dieser Serie Spannung durch die clevere Balance von modernem Alltag und Konflikt – und etwas, was vielleicht göttliche Fügung, gar Wunder sein mag: Waren, das als kleiner Spoiler, die Waffen der dänischen Soldaten im Irak wirklich treffsicherer, weil sie vorher gesegnet wurden, was die Krieger nach einem lebensgefährlichen Kampfeinsatz felsenfest glauben? Wurde der tote kleine Vogel da wirklich wundersam wieder lebendig – oder war er gar nicht tot?

Dass „Die Wege des Herrn“ nicht alles erklärt, manches im Unklaren lässt, ja Wunder auch im 21. Jahrhundert mitten im weitgehend entkirchlichten Kopenhagen und an anderen Orten für möglich hält, ohne ins Pathos oder in den Kitsch abzurutschen, das macht die Stärke dieser Serie aus. In der zweiten Staffel gibt es zwar einige Szenen mit der Pfarrersfrau Elisabeth, bei der diese metaphysische Offenheit ins Peinliche abgleitet – aber gottseidank bekommt die Erzählung auch hier noch die Kurve, so dass man gnädig denkt: Naja, welches Menschenwerk ist schon perfekt?!

Der Drehbuchschreiber der weltweit viel gelobten Polit-Serie „Borgen“, Adam Price, war führend bei „Die Wege des Herrn“ aktiv. Dieser Magier der bewegten Bilder zeigt auch hier, was aktuelle, kluge Fernsehunterhaltung sein kann. Die Serie stellt mit leichter Hand die letzten Fragen, schildert Glanz und Elend des Pfarrberufs in einer hoch säkularen Welt und macht ganz unverkrampft sogar Lust auf Theologie und Glauben. „Die Wege des Herrn“ ist ein kleines TV-Wunder. Man sollte es nicht verpassen.

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