Gottesbild im Wandel

Klartext
Foto: Privat

Wider Erwarten

5. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli

Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. (Lukas 5,10)

Von der Ortsgemeinde bis zum Weltkirchenrat tun Kirchenleute viel, um Mitmenschen für die Botschaft Jesu und die Kirche zu gewinnen. Und sie machen dabei Erfahrungen wie Petrus und seine Fischerkollegen, von denen das Lukasevangelium im fünften Kapitel erzählt. Diese „haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen“. Kein Wunder, dass sie skeptisch auf Jesu Aufforderung reagieren, erneut die Netze auszuwerfen. Aber sie folgen Jesus, und siehe da: Die Netze wurden so voll, dass sie „begannen zu reißen“.

Der Erfolg, mit dem die Fischer, die ihren Beruf beherrschen, nicht gerechnet haben, haut sie um. Ein „Schrecken“ erfasst Petrus und die anderen. Und so geht es auch heute Menschen, wenn ihnen etwas widerfährt, das sie nicht für möglich gehalten haben, und diese Erfahrung so überwältigend ist, dass der Begriff „Zufall“ sie nur unzureichend wiedergibt.

Das Lukasevangelium, das die Geschichte vom „Fischzug des Petrus“ erzählt, wurde gegen Ende des ersten Jahrhunderts verfasst. Bis dahin hatten die Christen zwar schon etliche Zeitgenossen „gefangen“. Aber es sollte noch lange dauern, bis die Netze so voll wurden, dass sie „begannen zu reißen“.

Inzwischen leeren sich die Netze wieder. Zumindest in unseren Breiten. Aber trotzdem dürfen die Menschenfischer hoffen, dass sie (wieder) Fische fangen, wenn sie hinaus auf den See fahren. Mit anderen Worten: Kirchenleute sollen versuchen, ihre Mitmenschen durch Wort und Tat von der Botschaft Jesu zu überzeugen und davon, wie wichtig für ihre Verbreitung die Kirche ist. Ob und in welchem Umfang dies gelingt, ist letztlich unverfügbar, hängt an Gott und nicht allein an dem, was fehlbare Menschen vermögen.

Wort Gottes?

6. Sonntag nach Trinitatis, 19. Juli

So sollst Du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit … hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um. (5. Mose 7,9–10).

Wer im Internet Predigten über 5. Mose 7, 6–12 liest, muss feststellen, dass viele Ausleger die Verse 9 bis 10 übergehen. Aber das ist kontraproduktiv. Denn wenn diese Verse verlesen werden, die ja zum Predigttext für diesen Sonntag gehören, werden selbst diejenigen aufschrecken, die sonst bei den Schriftlesungen dösen. Und dann werden Fragen wach zum Stellenwert des Alten Testamentes und ob und inwiefern die Bibel Gottes Wort ist. Denn zu ungewohnt und ungeheuerlich ist das Gottesbild, das in jenen Versen gezeichnet wird. Und dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn manche vor dem Gottesdienstbesuch auch den Beginn des siebten Kapitels gelesen haben: dass Gott „ausrottet viele Völker“ in dem Land, das das Volk Israel „einnehmen“ wird.

Die Aussagen in 5. Mose 7 lassen sich historisch und psychologisch erklären. Schließlich mussten die Israeliten befürchten, von den mächtigen Nachbarvölkern vernichtet zu werden. Und sie konnten auch nicht ausschließen, dass Leute aus den eigenen Reihen mit den Feinden kollaborieren und dabei die Identität ihres Volkes aufgeben würden.

Wer nun seine Vorurteile gegenüber dem Alten Testament bestätigt sieht und das Neue Testament gegen jenes ausspielt, sei daran erinnert: Das Gebot der Nächstenliebe, das als genuin christlich gilt, steht ebenfalls in einem Mosebuch, dem Dritten, Kapitel 19, Vers 18. Und Elemente eines Gebotes der Feindesliebe finden sich in 2. Mose 23, 4–5.

Die Predigt sollte auch zeigen, wie sich unter Juden und Christen die Wahrnehmung Gottes im Laufe der Zeit wandelt. Wie Aufklärer das Wohlwollen als Kern des Wesens Gottes interpretierten, zeigt der Beitrag auf Seite 50 dieser Ausgabe.

Kunst des Smalltalks

7. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. (Hebräer 13,2)

In Gemeinden der anglikanischen „Kirche von England“ ist (wie in vielen amerikanischen Kirchengemeinden) die Sitte verbreitet, dass es nach dem Gottesdienst Tee und Kekse gibt oder mitunter auch etwas Habhaftes und Hochprozentiges. Dazu wird nicht nur bei den Abkündigungen eingeladen. Kirchengemeinderäte und einfache Gemeindeglieder gehen gezielt auf Fremde zu und verwickeln sie in ein Gespräch. Damit tun sich Engländerinnen und Engländer leichter als Deutsche. Denn sie haben schon früh die Kunst des Smalltalks gelernt. Und der vollzieht sich wie ein Ritual: Man stellt sich dem Unbekannten vor, fragt, woher er kommt, ob er zum ersten Mal am Ort oder im Land ist und wie es ihm gefällt. Und vielleicht erwähnt man, dass man auch schon in Deutschland war.

So fühlt sich der Angesprochene wahrgenommen und willkommen und – auch nicht bedrängt. Denn man lädt ihn nicht gleich zu einem Gemeindekreis ein oder trägt ihm gar ein Ehrenamt an.

Meiner Beobachtung nach sitzen dagegen in Deutschland beim Kirchenkaffee oft die zusammen, die sich schon kennen. Und Smalltalk fällt Deutschen oft schwer oder ist ihnen zu oberflächlich. Ich würde mir wünschen, sie würden an diesem Punkt von Briten und Amerikanern lernen.

Denn beim Kirchenkaffee wird die Gemeinschaft, die im Gottesdienst angedeutet wird, greifbar. Und das ist eine Chance, die Kirchengemeinden gerade in Großstädten nutzen sollten, wo Menschen, die gerade hergezogen sind, sich fremd fühlen.

Und wer gastfreundlich ist, gibt nicht nur, sondern wird oft auch beschenkt. Man lernt Leute kennen und kann von ihnen lernen. Mal entwickelt sich daraus eine Beziehung. Oder man geht weiterhin seines Weges und – trägt mit sich eine schöne, bleibende Erinnerung.

Dass der Hebräerbrief zur Gastfreundschaft aufruft, ist nicht nur eine der vielen Ermahnungen, die sich in den Briefen des Neuen Testamentes finden. Gastfreundschaft gehört vielmehr zum Wesen Gottes.

So ruft der Psalmist zu Gott: „Ich bin ein Gast bei dir“ (Psalm 39,13). Und in Psalm 23 erweist sich Gott als ein Gastgeber, der einen Tisch bereitet und voll einschenkt.

Strafe Gottes?

8. Sonntag nach Trinitatis, 2. August

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? (Johannes 9,1–2)

In der Frankfurter Allgemeinen kritisierte kürzlich ein evangelischer Altbischof, dass seine amtierenden Kolleginnen und Kollegen immer nur „versichern“, Corona sei „keine Strafe Gottes“. Dabei verkomme „die Rede von Gottes Liebe“ doch zu einer „Gefühlsduselei“, wenn man nicht auch „vom Zorn Gottes“ spreche. Martin Luther habe angesichts der Pest „ganz selbstverständlich und ohne Scheu von einer Strafe Gottes gesprochen“. Und der Altbischof fügte die Frage an: „Ist das inzwischen als theologisch überholt zu tadeln?“

Die Antwort kann nur lauten: Ja! Denn Luther war ein Kind seiner Zeit (wenn nicht gar des ausgehenden Mittelalters). Aber die Vorstellung, dass Gott durch Seuchen straft, ist nicht nur überholt, sondern auch unsinnig.

Das ist kein „Tadel“, sondern angesichts dessen, was wir – im Unterschied zu Luther – über Viren wissen, eine nüchterne und theologisch angemessene Feststellung: Würde Gott durch Epidemien strafen, würde er sich vom Fortschritt der Medizin abhängig machen. Wäre die eine Seuche durch Impfstoffe und Medikamente gebannt, müsste Gott eine andere als Strafe benutzen und wäre diese ausgerottet eine weitere – und so weiter und so fort.

Jesus weist die Frage nach der Schuld des Blindgeborenen und seiner Eltern ab. Vielmehr sorgt er dafür, dass dem Behinderten ein Licht aufgeht und sich eine neue Perspektive eröffnet. Und daran sollten sich Christen orientieren. Gerade in der Coronakrise sollten sie mit Wort und Tat den Gott verkündigen, der die Liebe ist.

Krieg und Frieden

9. Sonntag nach Trinitatis, 9. August

Und der Herr … sprach zu mir: Siehe ich lege meine Worte in deinen Mund. (Jeremia 1,9)

Ob sich das, was jemand sagt und fordert, als prophetisch erweist, hängt immer von der Situation ab. Einmal erweist sich das eine, ein anderes Mal genau das Gegenteil als richtig.

Vor hundert Jahren starb der Stuttgarter Pfarrer und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Friedensgesellschaft Otto Umfrid (1857–1920). Während seine meisten Pfarrkollegen Nationalisten und Militaristen waren, war er „Pazifist“. Mit diesem Begriff wurden vor dem Ersten Weltkrieg diejenigen bezeichnet, die Konflikte zwischen Staaten durch Schiedsgerichte beilegen wollten. Dass der Pfarrer kein weltabgewandter Träumer war, zeigt, was er ein Jahr vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges schrieb: „Heute ist Europa … ein von Kanonen durchdröhntes Waffenlager, künftig könnte es ein von Leichen besätes Schlachtfeld, eine Brand- und Trümmerstätte der Kultur werden.“

25 Jahre später wollte Hitler die deutschsprachigen Gebiete Böhmens und Mährens annektieren. Am 19. September 1938 schrieb der Basler Theologe Karl Barth seinem Prager Kollegen Josef Hromadka, Briten und Franzosen könnten vergessen, dass mit der Freiheit der Tschechen auch die „von Europa und vielleicht nicht nur von Europa“ fallen könnte. Die Tschechen sollten sich militärisch verteidigen. Es sei „um des Glaubens willen geboten“, betonte Barth, „die Furcht vor der Gewalt und die Liebe zum Frieden entschlossen an die zweite und die Furcht vor dem Unrecht, die Liebe zur Freiheit ebenso entschlossen an die erste Stelle zu rücken“.

Zehn Tage später gaben Großbritannien und Frankreich nach und ließen die Tschechen im Stich. In britischen Kirchen wurde Gott dafür gedankt, dass er die Gebete um den Frieden erhört habe. Doch ein knappes Jahr danach zettelte Hitler den Zweiten Weltkrieg an.

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