Humane Wende

Landeskirchen und Schwule

Zwischen 1969, als der Bundestag sexuelle Beziehungen zwischen volljährigen Männern entkriminalisierte, und der Einführung der „Ehe für alle“ 2017, hat sich in Deutschland bei der Beurteilung von Homosexualität eine Revolution ereignet. Wie die Landeskirchen und ihre Zusammenschlüsse, EKD und Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) darauf reagierten, schildert der Leipziger Kirchenhistoriker Klaus Fitschen. Er zeigt, dass „die evangelische Kirche lange an der Vorstellung“ festhielt, „dem gesellschaftlichen Wandel müsse wenigstens verlangsamend entgegengetreten werden“. Dass sich der deutsche Protestantismus trotzdem öffnete, ist seiner föderalen Struktur zu verdanken. Einzelne Landeskirchen gingen voran, andere und die EKD und VELKD folgten. Vorreiterin war die rheinische Landeskirche, vor allem selbstbewusste Pfarrer, Presbyterien und Kreissynoden, die Gottesdienste mit der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare einfach feierten. Dabei kam ihnen der Aufbau der Landeskirche von unten nach oben zugute. Und vielleicht warf auch die Regionalgeschichte einen langen Schatten. Im linksrheinischen Gebiet, das Napoleon annektiert hatte, wurden sexuelle Beziehungen zwischen Männern erst strafbar, als das preußische Strafrecht eingeführt wurde. Fitschen erwähnt, dass „die Rheinischen Stände“ fragten, „ob man Homosexualität nicht dem Gewissensurteil des Einzelnen überantworten und strafrechtlich ignorieren solle“. In der hannoverschen Landeskirche wurde 1981 Pastor Klaus Brinker entlassen, weil er an der Partnerschaft mit einem Mann festhielt. Die Auseinandersetzung um seinen Rauswurf wertet Fitschen „als Katalysator für eine erhebliche Fortentwicklung“ der Diskussion über den Umgang mit schwulen Kirchenmitgliedern und Amtsträgern. Eine ähnliche Rolle spielte der offen schwule Magdeburger Vikar Eduard Stapel, dem die Kirchenleitung 1984 die Ordination verweigerte. Von ihren Gemeinden waren Brinker und Stapel unterstützt worden. Während Fitschen die Entwicklung des landeskirchlichen Protestantismus ausführlich beschreibt, bleibt die Darstellung der Position von Karl Barth lückenhaft. Zu Recht erinnert Fitschen daran, dass dieser in seiner Kirchlichen Dogmatik Homosexualität als „Krankheit“ und „Dekadenz“ verurteilte, die „eintreten“, wo der Mensch „die Geltung des göttlichen Gebots … nicht wahrhaben will“. Aber es fehlen zwei Informationen, die für eine faire Beurteilung Barths und seiner Theologie wichtig sind: Barth hat seine Auffassung zumindest modifiziert. Eberhard Busch, der persönliche Assistent des angeschlagenen 82-Jährigen, schrieb dem Hamburger Schriftsteller Rolf Italiaander am 21. Juni 1968: „Prof. Barth ist mit seinen damaligen beiläufigen Äußerungen heute – angesichts der seit ihrer Niederschrift eingetretenen Wandlungen und neuen Erkenntnisse – nicht mehr ganz zufrieden und würde sie heute sicher etwas anders abfassen.“ Fitschen erwähnt zwar, dass die weitgehende Abschaffung des Paragraphen 175 Bundesjustizminister Gustav Heinemann (SPD) zu verdanken war und dass der Theologe Helmut Gollwitzer die Entlassung Pastor Brinkers kritisierte. Aber der Leser erfährt nicht, dass Heinemann und Gollwitzer von Barth und seiner Theologie geprägt waren. Trotzdem lohnt die Lektüre dieses Buches. Es schildert verständlich einen wichtigen Lernprozess evangelischer Kirchen, den andere noch vor sich haben. Deutlich wird, wie der Zeitgeist Kirchenleuten eine neue Sicht auf Mitmenschen geschenkt hat. Ein wenig auch Evangelikalen. Heute betonen sie immerhin, dass man Homosexuelle „nicht diskriminieren“ darf. Ihre Glaubensväter schwiegen, als Schwule von den Nazis ins KZ verschleppt und in der Adenauerzeit ins Gefängnis gesteckt wurden.

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