Zum Verhängnis

Rowland S. Howard: Pop Crimes

Wer nach einem Soundtrack zum nihilistischen biblischen Buch Kohelet (Prediger) sucht, landet unbedingt bei Rowland S. Howard, jenem mit Fünfzig verstorbenen Australier, dessen voller, betörend warmer Gesang und eigensinnig sinistre Gitarrenlicks das Unausweichliche stets mit Desillusionierung und Haltung zugleich gefasst haben. Gut zehn Jahre nach Howards Tod und seinem kurz davor erschienenen Soloalbum Pop Crimes, also seinem Vermächtnis, ist das nun zum Glück erneut erhältlich. Titelideen purzeln nur so: Flamme sicherlich, Ecce homo oder Held der Vergänglichkeit etwa. Der Verhängnis-Eintrag in Hermann Pauls Deutschem Wörterbuch spricht für den jetzt gewählten: „bei Luther häufig Fügung (Gottes) – ohne religiöse Komponente ist verhängen dann aus bloß negativem Zulassen zu positivem Veranlassen und Bestimmen geworden“. Kurzum, es benennt, wie es ist: Wir sind endlich, sterblich.

Howard hat das von Beginn seiner Karriere an fasziniert. So wirbelte er auch mitten im australischen Postpunk-Aufbruch an der Seite von Nick Cave, der ihn bis heute verehrt, in den Bands Boys Next Door und Birthday Party. Dann tauchte der hagere energiegeladene Mann mit dem markanten Gesicht und starkem Hang zu Heroin immer mal ab, bewundert, musikalisch einflussreich, aber notorisch erfolglos, obwohl die Alben Teenage Snuff Film und eben Pop Crimes jeweils sofort begeisterten. Seine Soundfarbe war Intensität im Gefolge von Velvet Underground, so düster wie Joy Division und durchaus ein Vorgriff auf Nirvana, dabei unvergleichlich auf den Schmerz im Blues konzentriert. Voluminöser Bariton und verführerisch finstere Gitarrenfiguren spitzen das auf das Schwärzeste zu, geben aber dennoch sattes Gefühl von Aufgehobensein und Zuhause, was auch die Magie ausmacht. Wer Seele hat, spürt das. Und Jesus, so lautet die Behauptung, hätte dicht an der Bühne gestanden, selbst auf die Gefahr hin, von dem Gitarrenhals oder Blut getroffen zu werden, das, so die Fama, der dann an Leberkrebs Verstorbene bei seinem letzten Konzert schon spuckte.

Jedenfalls ist Pop Crimes mit seinen acht Songs und Weggefährte Mick Harvey an den Drums und irisierender Orgel ein erhebendes Fanal der Illusionslosigkeit. Herausgehoben seien hier nur das Talk Talk-Cover Life’s What You Make It, bei dem „Make it, make it“ zu flirrendem „Naked, naked“ verschwimmt; außerdem das todesklare (I Know) A Girl Called Jonny, Howards Version des Townes Van Zandt-Songs Wayward Man (Missratener Mann) und besonders das Titelstück.

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, lese die Golgatha-trächtigen Lyrics im Netz nach und schaue dort Live-Aufnahmen davon an: Alles eitel, Haschen nach Wind! Doch Rowland S. Howard bringt ergreifend schonungslos rüber, wie schön es ist, dass wir überhaupt dazu kommen. Pop Crimes, wie gesagt.

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