Corona und Schicksal

Warum Religion gerade jetzt alles andere als überflüssig ist
Kirchentür mit Segenssprüchen zum Mitnehmen
Foto: epd
Zettel mit "guten Worten" an der verschlossenen Tür der evangelischen St.-Cosmae-Kirche in Stade bei Hamburg (Foto vom 03.04.2020).

Die Welt befindet sich in einer tiefen Krise. Das gewohnte Leben ist pandemiebedingt zum Erliegen gekommen. Hat das Teilsystem Religion noch irgendeine Aufgabe oder ist es überflüssig? Die Hallenser Systematischen Theologen Jörg Dierken und Constantin Plaul begründen, warum Religion gerade jetzt nötig ist.

In diesen Corona-Tagen scheint die Logik des medizinischen Systems alle anderen Systeme der Gesellschaft zu beherrschen, aber sie sind nicht einfach ausgeschaltet. Insbesondere die Politik und die Massenmedien spielen in der momentanen Lage eine herausragende Rolle. Ohne sie könnten die Annahmen und Einsichten der Virologie nicht die Gesellschaft als Ganzes bestimmen. Für andere Systeme wie Recht oder Wissenschaft gilt dies mit gewissem Verzug.  Juristen beginnen mit Debatten um die Verfassungsmäßigkeit der Maßnahmen, Wissenschaftler streiten um Aufmerksamkeit. Auch Wirtschaft und Bildung drängen mit der Lockerung in den Vordergrund. Im Blick auf das Teilsystem der Religion scheint das jedoch weniger zu gelten. 

Massenmedial begegnet Religion gegenwärtig fast bloß in Bildern von Kulthandlungen ohne sichtbare Präsenz von Gläubigen beziehungsweise seit diesem Wochenende mit surreal wirkenden Bildern von Gottesdiensten mit Abstand und Masken. Gleichzeitig zehrt die Religion dabei von der modernen Kommunikationstechnik, auch Religion erfährt einen Digitalisierungsschub im Eiltempo. Dennoch scheint sie darin eher systemirrelevant – wenn nicht gar kontraproduktiv wie in Berichten von religiösen Versammlungen als Hotspots der Verbreitung des Virus.

So mag der Eindruck entstehen, Religion könne zu Bewältigung der Krise kaum etwas beitragen. Insbesondere sinnvolle religiöse Deutungen des Geschehens werden zuweilen gar nicht mehr für möglich gehalten. So hat etwa der Bonner Soziologe Rudolf Stichweh kürzlich in der FAZ davon gesprochen, „dass dem Anschein nach nirgendwo religiöse Deutungsvarianten des durch das Virus ausgelösten Krisengeschehens verfügbar sind und eine relevante Rolle spielen“.

Schillernder Begriff

Hat die Religion tatsächlich nichts zur Deutung der gegenwärtigen Vorgänge beizutragen? Eigentlich berührt sich dieses Krisengeschehen mit genuin religiösen Erfahrungen, sind doch Krankheit und Tod klassische religiöse Themen, ebenso Ungewissheit und das Erleben von Kontingenz. Und so überrascht es nicht, dass in den Medien wiederholt von der "Schicksalhaftigkeit" der Corona-Krise die Rede ist.

Der Begriff des Schicksals ist schillernd und nicht alle werden darunter dasselbe verstehen. Aber zumindest bringt die Rede vom Schicksal eine Erfahrung zum Ausdruck, die nicht im Alltäglichen aufgeht und in der es um ein umfassenderes Sinnverstehen der Wirklichkeit geht. Dieses hat in der Krise allerdings eine markante Erschütterung erfahren.

So liegt sein Sinn zunächst im Negativ, dass gerade kein Sinn in der Schicksalhaftigkeit gefunden wird. Dennoch kann man der schicksalhaften Situation nicht einfach entrinnen, weshalb ihr ein Handlungssinn entgegengesetzt wird, und sei es nur in der immer unsicher bleibenden Hoffnung auf Erfolg. Das zeigt sich in der übergroßen Bereitwilligkeit, die verfügten Maßnahmen zu akzeptieren und die Regeln zu befolgen. Drastischer noch wird dies, wenn wie seit einigen Wochen das öffentliche Leben stillgestellt wird, mit allen gravierenden Folgen für Wirtschaft, Politik und Kultur, die Existenzen bedrohen. Keine Frage: Es werden Opfer gebracht. Diese Spannungen im Sinnverstehen des Sinnlosen wollen artikuliert werden. Und das fällt in den Zuständigkeitsbereich der Religion. Sie schlägt angesichts der Dialektik des Sinns gegenüber dem Schicksal einen Umweg ein, der nicht zuletzt im Gottesgedanken seinen Ausdruck findet.

Eine klassische Reflexion negativen Geschicks durch die (christliche) Religion besteht im Gedanken eines erzieherischen Handelns Gottes. Diesbezüglich ist allerdings sofort eine Einschränkung zu machen. Denn eine traditionelle Gestalt dieses Erziehungsgedankens besteht in der Vorstellung eines strafenden Gottes, der die Menschen gleichsam in schwarzer Pädagogik für ihre Sünden heimsucht. Evangelikale Kreise, insbesondere in den USA, zeigen in diesem Zusammenhang auf sexuelle Revolution und Abtreibung. Auch hierzulande gibt es Stimmen, die die Pandemie als Folge von Klimawandel, Überbevölkerung oder den Umgang mit Tieren darstellen, nicht nur auf asiatischen Märkten. Diese Auffassung des katastrophalen Geschicks als Strafe für Missetaten im Interesse von Buße und Umkehr ist spätestens seit der Zeit der Aufklärung massiv in die Kritik geraten und hat ihre Plausibilität weitgehend verloren. Gerade angesichts der Naturkatastrophe zieht sie nicht und wird auch von theologischer Seite zurückgewiesen. Sie mag eine Rationalisierung der Frage nach dem Warum gewesen sein, aber dieser Versuch des Verstehens lässt Gott zum Zyniker werden und ist mit der Vorstellung eines liebenden Gottes unvereinbar.

Tiefe Begrenztheit

Zumindest etwas „lehrt“ uns die Erfahrung der Gegenwart aber doch, nämlich die Einsicht in die tiefe Begrenztheit und Zerbrechlichkeit unseres menschlichen Daseins. Hinzu kommen die Ungewissheit über die Zukunft und den Erfolg unseres Handelns, die unser Leben hintergründig immer begleiten.

Allerdings finden wir uns in der Corona-Krise ja zugleich als aktiv Handelnde wieder, die im Rahmen unserer Möglichkeiten daran arbeiten, der Bedrohung und dem Grauen etwas entgegen zu setzen. Die Rede von Corona als unserem Schicksal bedeutet so gesehen nicht etwa nur das Beugen des Menschen unter den Willen Gottes, sondern auch die Aufforderung zum Gebrauch unserer Freiheit. Hierher gehören all die eindrücklichen und überraschenden Beispiele solidarischen Handelns der Menschen mit-, an- und untereinander in diesen Tagen. In christlicher Perspektive würde man von Nächstenliebe sprechen.

Die Aneignung der gegenwärtigen Verhältnisse als Schicksal führt unser Sinnerfahrung also in eine spannungsvolle Dialektik hinein: Als Menschen finden wir uns in existenziell bedrohliche Verhältnisse hingestellt, die uns unsere Grenzen bewusstmachen; zugleich sind wir zum praktischen Umgang mit eben diesen Verhältnissen herausgefordert. Der Sinn des Lebens gerät gewissermaßen in einen internen Streit. In religiöser Sprache ausgedrückt: Es gibt eine dunkle Seite Gottes hinter dem Schicksal, und zugleich will er, dass die Krise überwunden wird.

Damit kommt ein Zwiespalt in den Gottesgedanken hinein. Das kann dazu führen, dass sich am Ende die dunkle Seite zum quasi göttlichen Gegenspieler, dem Teufel, verselbständigt und einen Kampf mit Gott führt. Das würde allerdings auf einen unendlichen Kampf im Götterhimmel hinauslaufen. Bliebe es bei diesem Gegensatz, so hätte der Teufel schon gewonnen. Anders gesagt: Die Sinndeutung unserer Wirklichkeit bliebe im Widerspruch hängen.

Das "Dennoch" des Lebens

Der Zwiespalt im Gottesgedanken kann aber auch dahingehend zugespitzt werden, dass er in Gott ausgetragen wird. „Nemo contra Deum nisi Deus ipse“, „Niemand ist gegen Gott als Gott selbst“, heißt es bei Johann Wolfgang von Goethe (Dichtung und Wahrheit IV). Für den Austrag des Streits in Gott steht die Symbolik von Karfreitag und Ostern. Gott und Tod treffen aufeinander und lassen sich nicht simpel voneinander abscheiden.

Trotzdem oder gerade deswegen gibt es ein „Dennoch“ des Lebens. Daran glauben wir, wenn wir nach vorne schauen – ohne im Wissen um unsere Ungewissheit überheblich zu werden. In die Erfahrung von Schicksal und Krise übersetzt: Die Wirklichkeit bleibt auch im Widerstreit dieselbe, und unsere Bemühungen um Eindämmung von Schicksals- und Krisenfolgen sind darin geerdet. Sie ergehen in der Verheißung, nicht der Sinnlosigkeit des Schicksals zu unterliegen.  

Das ist eine Deutung, die wir zumindest implizit beanspruchen, wenn wir Maßnahmen ergreifen, deren Erfolg unsicher ist und deren Kosten hoch bleiben. Insofern kann die religiöse Deutung helfen, die Zwiespältigkeit des Lebens zu artikulieren und sie produktiv zu verarbeiten. Zugleich stärkt sie darin, mit Unsicherheit und Ungewissheit umzugehen und die Ambivalenz zu ertragen, dass Schadensminimierung nicht ohne Begleitschäden möglich ist. Damit unterstützt sie den Sinn im Handeln, aber sie lässt auch nicht vergessen, dass unsere Inkaufnahme von Begleitschäden bei der Schadensminimierung permanent nachjustiert werden muss. Denn niemand kann die Gesamtrechnung überblicken, und dennoch gilt es eine Situation der Abwägung von Leben gegen Leben – wie bei der Triage – durch ein Handeln mit jener Abwägung von Schadenshinnahme bei der Schadensminimierung zu vermeiden. Genau das wird in den aktuellen Debatten um die Verantwortbarkeit von Lockerungen der Maßnahmen und des damit verbundenen Risikos versucht.

Die massiven Krisenerfahrungen des Lebens, wie sie sich im Zuge der Corona-Pandemie aufdrängen, geben Anlass zu umfassenden Sinnfragen. Ihre Bearbeitung ersetzt natürlich nicht das praktische Handeln, aber sie lässt es mit all seinen Risiken und Chancen versteh- und deutbar werden. Für solche Sinndeutungen hat die Religion starke Symbole und Narrative, Bilder und Geschichten – bis hin zum Widerstreit im Allerhöchsten und dessen Austrag. Es gilt, sie im kulturellen Gedächtnis präsent zu halten, weil sie die Krisenerfahrungen zu artikulieren erlauben. Das ist die systemische Aufgabe der Religion, auch und gerade in Krisenzeiten. Sie mag vielleicht nicht „systemrelevant“ im technisch-praktischen Sinne sein, für die geistige Bewältigung der Krise aber unabdingbar.

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Constantin Plaul

Constantin Plaul ist promovierter Theologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Systematische Theologie und Ethik  an der Universität Halle/Saale.


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