Jeden Tag neu

Der Heilige Geist und das tägliche Leben
Christusfest auf der Festung Ehrenbreitstein, Pfingstmontag 2017.
Foto: epd/Lothar Stein
Christusfest auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz. Beim Sendungsgottesdienst zum Abschluss stiegen eintausend Luftballons mit Segenswünschen in den Himmel, Pfingstmontag 2017.

Pfingsten naht, das Fest des Heiligen Geistes. Aber wer oder was ist das: der Heilige Geist? Wie kann er, sie, es im persönlichen Leben Bedeutung gewinnen und es gar lenken? Die Praktische Theologin Miriam Schade von der Universität Jena denkt über den Zusammenhang zwischen dem Heiligen Geist der Bibel und Geisterfahrungen im heutigen Alltagsleben nach.

An einem sonnigen Herbstvormittag machte ich einen Spaziergang durch den nahegelegenen Kurpark. Während um mich herum die Vögel sangen und die bunten Herbstblätter im Sonnenlicht erstrahlten, begann ich, wie ich es oft auf solchen Spaziergängen tue, mit Gott zu reden.

Ich betete also, als mir plötzlich der Name einer Freundin einfiel und ich den inneren Drang verspürte, mich jetzt sofort bei ihr zu melden und sie zu ermutigen. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass sie inzwischen längst bei der Arbeit war. Noch einmal horchte ich in mich hinein, doch der Drang, sie zu ermutigen, war ungebrochen. Also zückte ich mein Handy, bat Gott um die richtigen Worte und sprach ihr eine Nachricht auf die Mailbox. Ein paar Stunden später meldete sich die Freundin bei mir zurück und bedankte sich für die kurze Sprachmitteilung. Sie war an diesem Tag mit einigen herausfordernden und für sie emotional sehr aufwühlenden Situationen konfrontiert worden und hatte sich von Gott einen Zuspruch für sie ganz persönlich erbeten. Als sie meine Sprachnachricht abhörte, fühlte sie sich in ihrer Not von Gott gesehen und verstanden.

Über den Heiligen Geist zu reden oder nachzudenken, stellt meiner Beobachtung nach in unserem protestantischen Raum für viele eine Herausforderung dar. Denn die Rede vom Heiligen Geist begegnet uns meist lediglich in liturgischen Zusammenhängen, etwa bei der trinitarischen Eröffnung des Gottesdienstes oder beim trinitarischen Segen. Im Credo bekennen wir unseren Glauben an den Heiligen Geist, in manchen Kirchenliedern, (beispielsweise „O komm du Geist der Wahrheit“) bitten wir um sein Kommen, und an Pfingsten gedenken wir seiner als der Kraft Gottes, die, vom Himmel herabkommend, unsere Kirche begründete. Darüber hinaus hören wir manchmal in Evangelium und Epistel von seinem Wirken, und gelegentlich wird auch über ihn gepredigt. Dennoch bleibt selbst in gottesdienstlichen Kontexten ein Problem, nämlich, dass der Heilige Geist nicht wirklich greifbar scheint.

Wie also kann man im Alltag mit dem Heiligen Geist leben, wenn er weder richtig zu denken noch zu greifen ist? Ich möchte im Folgenden einen, zugegebenermaßen unvollständigen, Einblick in das Wirken des Heiligen Geistes geben, indem ich anhand verschiedener biblischer Beispiele veranschauliche, wie der Geist Gottes, oft auch ganz ohne dass wir uns seiner Gegenwart bewusst sind, unseren Alltag durchdringen kann und will.

Der deutsche Begriff „Geist“ ist die Übersetzung des hebräischen rúach und des griechischen pneuma und bedeutet: Atem, Wind und Hauch. In Genesis 1,1 schwebt der rúach Gottes über dem Wasser. In Genesis 2,7 haucht Gott seinen rúach in den Menschen hinein und erweckt ihn damit zu einer lebendigen Seele. Der Mensch kann also nur leben, weil er den Atem Gottes, den Geist Gottes, in sich trägt. Als Jesus in Lukas 23,46 am Kreuz stirbt, übergibt er seinen Geist (pneuma) in die Hände Gottes: Er haucht den von Gott geschenkten Atem zu ihm hin aus und stirbt.

Diese Beispiele machen den Geist Gottes vielleicht nur bedingt greifbarer. Sie verdeutlichen jedoch eine ganz alltägliche Bedeutung: Das menschliche Leben existiert, weil der Schöpfer selbst seinen Atem, seinen Geist in den Menschen hineingelegt hat. Das Geschöpf lebt im Angesicht des Schöpfers nur durch dessen Geist. Dies ist die vielleicht grundlegendste, alltägliche Erfahrung mit dem Heiligen Geist.

Nun bleibt die Bibel in ihrer Darstellung des Wirkens des Heiligen Geistes jedoch nicht bei einer „creatio continua“ (weitergehende Schöpfung) stehen. Besonders im Neuen Testament finden sich eine ganze Reihe von Geschichten, Bildern und Erklärungen, die uns einen tieferen Einblick gewähren. So hört beispielweise Zacharias in Lukas 1,13–17 durch einen Engel von der zukünftigen Geburt seines Sohnes Johannes, der, so der Engel, schon im Mutterleib mit dem Heiligen Geist erfüllt sei und dadurch die Israeliten zum Herrn zurückführen werde. Und auch Jesus empfängt in seiner Taufe den Heiligen Geist, der in Gestalt einer Taube auf ihn herabschwebt (Matthäus 3,16) und ihn im Anschluss für vierzig Tage in die Wüste führt. Beide Ereignisse machen bereits Folgendes deutlich: Durch den Heiligen Geist werden sowohl Johannes als auch Jesus für ihren von Gott gegebenen Auftrag befähigt. Sie konnten ihre Berufungen nur leben, weil Gott selbst seinen Geist in sie hineinhauchte. Das bedeutet hinsichtlich eines Lebens mit dem Heiligen Geist im Alltag, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass das persönliche Leben, die Berufungen und Berufe, in denen wir stehen und agieren, nicht aus eigener Kraft geschafft und durchlebt werden müssen, sondern in der Kraft des Heiligen Geistes, der uns befähigen, der uns zurüsten, der uns stärken und kräftigen kann.

Dieses Bewusstsein zu entwickeln, ist uns deshalb möglich, weil der Heilige Geist eben nicht mehr nur auserwählten Personen zugedacht ist, wie das im Alten Testament noch zu beobachten ist, sondern von einem jeden Christen in der Taufe empfangen wird. Paulus beschreibt die Taufe in Römer 6,3–5 unter anderem als ein Mitsterben und Mitauferstehen mit Christus. Wir sind demnach mit Christus gestorben, mit ihm auferstanden und empfangen durch ihn den Heiligen Geist (Epheser 1,13f). Dieser wiederum garantiert einerseits unsere Zugehörigkeit zu Christus, andererseits geschieht hier etwas menschlich kaum Fassbares: Christus, und damit Gott selbst, bezieht durch seinen Heiligen Geist Wohnung in uns (Römer 8,10). Das Wissen um dieses Geschehen kann fundamentale Auswirkungen auf den Alltag haben, denn aus der Rückfrage: „Was bedeutet es für mein persönliches Leben, dass Christus durch seinen Geist in mir wohnt?“ können sich ethische, moralische, soziale, charakterliche oder auch das eigene Glaubensleben betreffende Konsequenzen und Veränderungen ergeben.

Wesentliche Zusage Gottes

Weil Christus durch seinen Geist in den Glaubenden wohnt, hat dies, wie es das eingangs erwähnte Beispiel zeigt, ebenso Auswirkungen auf das persönliche Gebetsleben, denn Gott will durch seinen Geist zu dem Beter sprechen. Dass unser Beten erhört wird, ist eine der wesentlichen Zusagen Gottes an uns: „Darum sage ich euch: Bittet, und es wird euch gegeben! Sucht, und ihr werdet finden. Klopft an, und es wird euch aufgetan. Denn jeder Bittende empfängt, und jeder Suchende findet.“ (Lukas 11,9f.) Diese Aussage Jesu ist freilich nicht als Zusage einer sicheren Wunscherfüllung misszuverstehen. Und doch macht es deutlich, dass Gott jedes Bitten und Suchen annimmt und hört (wenngleich er nicht immer sofort oder entsprechend unserem Wünschen antwortet).

Zu dieser Gebetspraxis des menschlichen Bittens und Suchens tritt nun eine weitere Dimension hinzu: Gott redet durch seinen Geist zu dem Glaubenden. Auch hier stellt die Bibel ganz verschiedene Bilder und Erfahrungen der verschiedensten Menschen zur Verfügung, von einer deutlich wahrnehmbaren akustischen Stimme über Visionen, Träume bis hin zu Gedanken, inneren Bildern und einer stillen inneren Überzeugung. In dem Anfangsbeispiel war es ein bloßer Gedanke (der Name der Freundin), der mit einem plötzlichen Wissen (sie braucht jetzt Ermutigung) verbunden war und der in die Bereitschaft mündete, diesem Impuls nachzugehen und einfach umzusetzen.

Doch ist hier etwas zu beachten: Das Hören auf Gottes Reden durch seinen Geist ist mehrheitlich weder spektakulär noch besonders anspruchsvoll. Dennoch braucht es, neben der Bereitschaft, Gott hören zu wollen, etwas Übung, denn in unserer lauten und hektischen Welt nehmen wir oft das leise Wispern Gottes in uns nicht sofort wahr. Die alten geistlichen Übungen von Kontemplation und Meditation können eine Hilfe sein, das Hören auf Gottes Reden zu trainieren. Weiterhin braucht es den Gehorsam, umzusetzen, was man wahrnimmt, auch wenn man sich anfangs unsicher ist. Dies wiederum setzt voraus, dass man das vermeintliche Reden Gottes hinsichtlich seines Absenders überprüft, denn häufig spielen eigene Wünsche und Vorstellungen oder Meinungen anderer in unserem Hören eine nicht unwichtige Rolle.

Die Jenaer Theologin Corinna Dahlgrün schlägt in ihrem Werk zur Christlichen Spiritualität deshalb fünf Unterscheidungskriterien vor, die Aufschluss darüber geben können, ob das, was gehört wurde, wirklich von Gott gesagt wurde.
1. Der Glaube und das Bekenntnis zu Christus sind die Basis des Redens Gottes, 2. Welcher Nutzen entsteht für die Gemeinschaft, 3. Welche Wirkung (Matthäus 12,13) ruft das, was gehört wurde, bei dem Empfänger hervor (Liebe, Freude, Ruhe, Frieden, Demut, Langmut und anderes), 4. Gottes Reden steht nicht im Widerspruch zu seinem biblischen Wort, 5. Wichtige Entscheidungen auf der Basis des Redens Gottes sollten erst nach Prüfung durch andere Glaubende getroffen und umgesetzt werden (das heißt andere Glaubende sind zu bitten, über das Anliegen mit zu beten und zu hören).

Diese Punkte lassen sich auch auf das Beispiel anwenden: Ich betete während meines Spaziergangs zu Christus (Punkt 1), das plötzliche Wissen um die Not der Freundin, verbunden mit der Aufforderung, sie zu ermutigen, verweisen die Freundin neu in die Gemeinschaft der Glaubenden und Betenden (Punkt 2). Die Wirkungen, welche die Ermutigung bei ihr hervorrufen würde, waren Liebe, Freude, Ruhe und Frieden (Punkt 3). Dies stimmt mit dem Wort Gottes überein (Punkt 4) und letztlich zeigte die Umsetzung und die Reaktion der Freundin, dass stimmte, was ich meinte, gehört zu haben (hier war eine Rücksprache mit anderen Christen nicht nötig, da es um keine wesentlichen Entscheidungen ging).

Vielleicht klingt dies für den einen oder anderen Leser etwas seltsam, und vielleicht erschreckt es auch, zu lesen, dass Gott tatsächlich persönlich mit einem Menschen sprechen kann und möchte. Aber die Erfahrung des göttlichen Angesprochen-Seins, so wird nicht selten berichtet, bereichert das eigene Glaubensleben und führt in ein intensiveres Miteinander mit Christus, oder, wie es in Matthäus 4,4 heißt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes ausgeht.“ Dies führt mich zu meinem letzten Aspekt eines Lebens mit dem Heiligen Geist im Alltag: Durch den Heiligen Geist sind wir auf einen Weg der Heiligung gestellt. In Galater 5,24f. heißt es: „Nun, wer zu Jesus Christus gehört, hat seine eigene Natur mit ihren Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Da wir also durch Gottes Geist ein neues Leben haben, wollen wir uns jetzt auf Schritt und Tritt von diesem Geist bestimmen lassen.“

Geheiligt und gereinigt

Wie ist das zu verstehen? Durch den Tod und die Auferstehung Christi empfängt der Mensch die Gnade der Rechtfertigung aus Glauben. All das, was dem Menschen schadet, was ihn aus der Beziehung zu Gott herausreißt oder ihn an der Beziehung zu Gott hindert (diese Verhaltensweisen, Haltungen, Einstellungen oder Festlegungen werden auch Sünde genannt), wird ihm aus Gnade, also ohne eigenes Zutun, vergeben. Der sündige Mensch wird damit von Gott geheiligt und gereinigt.

Für Martin Luther ist dies jedoch nur der Anfang eines Prozesses, den man auch als Heiligungsprozess verstehen kann, mit anderen Worten: Aus Gnade sind wir gerecht gemacht, jetzt sollen wir auch darin leben. Entsprechend der empfangenen Rechtfertigung zu leben gelingt dem Menschen jedoch nur – zumindest, wenn es nicht gesetzlich, fordernd und moralisierend sein soll – in und durch die Kraft des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist wirkt im Menschen, wenn dieser es zulässt, Veränderungsprozesse, deren Früchte die in Galater 5,22 beschriebenen sind: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung.

All das in jeder Situation des Lebens und jeder Person gegenüber zu praktizieren ist für die meisten Christen schlicht eine Überforderung. Dennoch sind wir dazu aufgerufen, so zu leben. Um dieser Aufforderung nachkommen zu können, braucht es das Wirken und die Kraft des Heiligen Geistes. Auch hier steht das Gebet am Anfang: die Bitte um ein tägliches Geleitet- und Bestimmt-Sein durch den Heiligen Geist. Eine tägliche praxis pietatis, also eine persönlich gelebte Spiritualität, sensibilisiert nicht nur für das Reden Gottes, sondern auch für Veränderungs-, Erneuerungs- und Heiligungsprozesse des Heiligen Geistes im eigenen Leben.

Mir ist bewusst, dass es noch eine ganze Menge mehr zu sagen gäbe, darüber, was der Heilige Geist tut und wie er den Alltag eines Christen durchdringen kann und will. Manches Wirken nehmen wir bewusst nur selten wahr (Gottes Atem, der uns am Leben erhält), manches kann uns stärken und für unser Leben ausrüsten, wenn wir es mehr ins Bewusstsein nehmen (Kraft und Zurüstung für Beruf und Berufung), anderes wiederum hat das Potenzial, unser Leben zu verändern und zu erneuern (Christus lebt in uns/Heiligungsprozesse) und lässt uns zum Segen werden. Das alles beginnt mit einer Entscheidung, sich auf den Heiligen Geist und sein Wirken einzulassen und ihn um sein Wirken im eigenen Leben zu bitten.

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