Die Stunde der Närrinnen

Stehen wir am Beginn einer neuen Zeitrechnung?
Foto: privat

 „Ich setze auf das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Generationen haben sich kaputtgelacht über Kaiser Wilhelm, der das gesagt haben soll. So ein Narr! Aber vielleicht war er gar nicht so dumm. Ich meine nicht den Teil mit dem Pferd, sondern den anderen. Wenn ich von der Zukunft aus auf das Heute blicke, sage ich vielleicht: „Waren das Narren damals! Fuhren mit stinkenden lauten Kisten durch die Gegend – das braucht kein Mensch!“

In dieser Zeit erweist sich so manches, das in Stein gemeißelt schien, als doch nicht alternativlos. Arbeiten nur im Büro? Homeoffice geht doch auch! Konferenzen nur analog? Über Telefon und Videoschaltung geht es doch auch! Bedeutungen verschieben sich. Aus verachteten sogenannten typischen Frauenjobs werden „systemrelevante Berufe“, die Menschen öffnen abends ihre Fenster, um diesen Berufsgruppen zu applaudieren. Selbsternannte Profet*innen prognostizieren nach Corona ein Ende des Neoliberalismus, den Aufschwung regionaler Produkte, ein Gleichgewicht zwischen lokalem und globalem Handeln, ein holistisches Gesundheitsverständnis und eine neue Care-Kultur, eine Kultur der Fürsorglichkeit, eine Aufwertung der Pflegearbeit und ausreichend Zeit für Selbstsorge und Sorge für das Gemeinwohl.

Dahinter steht der Wunsch, diese Pandemie möge neben all dem Schrecklichen – den Toten, den Opfern häuslicher Gewalt, den Verarmten – etwas Gutes bereithalten, irgendeinen Sinn erfüllen. Wie es im ecuadorianischen Teil meiner Familie heißt: „por algo será“ – dafür wird es einen Grund geben. Dass die Überlebenden als bessere Menschen aus dem Unglück hervorgehen, dass von nun an die Welt eine andere sein möge, dass wir gelernt haben, was wirklich wichtig ist im Leben. Stehen wir also am Beginn einer neuen Zeitrechnung? Wird das Jahr 2021 als das Jahr 1 n.C. – nach Corona – in die Annalen der Geschichte eingehen?

Die Pessimistin in mir runzelt die Stirn und fragt: Weiß heute noch irgendjemand, was in Becquerel gemessen wird? Als es damals hieß, man solle sich auf gar keinen Fall draußen auf den Boden setzen, als Eltern angewiesen wurden, die Kinder von Spielplätzen fern zu halten und sie H-Milch horteten, die vor dem 26.4.1986 abgefüllt worden war. Tschernobyl. Was ist geblieben? Wir haben die Erinnerung daran verscheucht wie einen bösen Traum, haben die Atomkraft nicht abgeschafft, nur manchmal, wenn wir in Bayern Pilze sammeln, kommt was hoch von Cäsium-137 und 30 Jahren Halbwertszeit.

Der Super-Gau war mithin eine vorübergehende Erscheinung. Die Erfahrung sagt: Der Mensch lernt einfach nicht dazu. Die Intuition sagt: Die Zukunft ist offen. Was vorübergehend ist, wissen wir noch nicht. Die Erfahrung sagt: Nach Corona haben wir eine Wirtschaftskrise, da ist sich jeder selbst der Nächste. Die Intuition sagt: Die Privatisierung des Krankenhauswesens ist eine vorübergehende Erscheinung. Nur – wer soll das glauben? Die Erfahrung ist die Stimme der Vernunft und hat immer Oberwasser. Die Intuition ist die Närrin, die dazwischen piepst.

Jetzt ist die Stunde der Närrinnen, und die Kirche ist eine von ihnen. Gerechtigkeit wird strömen, Mächtige werden vom Thron gestürzt und Tränen abgewischt. Für die Armen ist der Tisch gedeckt, während die Reichen leer ausgehen, und Krieg wird nicht mehr sein. Was für eine Botschaft. Was für eine Hoffnung. An dieser Stelle nörgeln wieder manche, weil ja die Kirchen geschlossen sind und keine Gottesdienste stattfinden. Stimmt. Die Kirchen sind leer. Das Grab auch.

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