Die Krise kann kein Maßstab sein (II)

Wer ist der andere? Wer hier nicht „alle“ sagt, der drückt sich…
Protestbanner fordert bessere Bezahlung für Pflegekräfte
Foto: epd
Protestbanner über der B1 in Dortmund.

Wir brauchen mehr Sprachethik, meint Florian Höhne. Im zweiten Teil seiner Überlegungen zur Ethik in Corona-Zeiten erklärt er, warum wir einen Begriff wie „Herdenimmunität“ vermeiden und das Virus nicht personifizieren sollten. Und er widerspricht der von Günter Thomas entwickelten Corona-Theologie an einem entscheidenden Punkt.

In Krisenzeiten machen Menschen die Erfahrung, dass Wörter und Sätze eine tiefe, tiefere, vielleicht ungeahnte und scheinbar offensichtliche Bedeutung gewinnen. Im Kontext von Krisen imponiert sich, scheinbar unmittelbar, ein tieferer Sinn der Zeichen. In den krisenhaften Bedrängungssituationen der DDR haben Christinnen und Christen erlebt, wie Bibelworte ohne große Erklärung sinnvoll, einleuchtend und klar erschienen. Im Krankenhaus werden manchen, die als Konfirmanden nur widerwillig die Worte des 23. Psalms auswendig gelernt haben, dieselben Worte zu anrührendem Trost: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ In der gegenwärtigen Corona-Krise werden tiefere, tröstlichere, unerwartete Bedeutungen in Versen entdeckt, etwa in der Jahreslosung: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“ (Markus 9,24) oder in Paul Gerhardts Lied: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.“

Sprache hat immer eine große Macht. In Krisenzeiten wird dies besonders deutlich. Sprache hat einerseits das Potential aufzubauen, Horizonte zu eröffnen, zusammenzubringen. Und andererseits ist sie gefährlich. In einer ganz anderen Krisenzeit hat Victor Klemperer über die Macht der Sprache geschrieben, die Sprache, die – wie Klemperer mit einem Schiller-Zitat sagt –: „für dich dichtet und denkt“. Besonders in der Krise, muss das Denken mit dieser Macht rechnen, die sich immer schon dem Denken selbst bemächtigt hat. Krisendenken muss sensibel sein für die ambivalente Kraft von Worten. Sie braucht Sprachethik – nicht im Sinne moralischer Verbote von Begriffen oder sanktionierter Sprachregelungen, wohl aber im Sinne eines Nachdenkens über die Kraft von Worten zum Guten und Bösen und den verantwortlichen Gebrauch dieser Worte.

In der gegenwärtigen Krise zeigen sich zwei ungute Sprechweisen: die Personifizierung des Virus und der Biologismus im Reden über soziale Zusammenhänge. Erstens: Corona ist ein Virus, das gesundheits- und potenziell lebensgefährlich ist. Damit gilt es umzugehen: mit den Mitteln der modernen Medizin, der Politik, der Ökonomie und der Religion. Das Corona-Virus ist keine Person, schon gar keine menschliche, sondern ein „es“. Das Virus plant nicht, denkt nicht, lernt nicht, will nicht. Menschliche Akteure gehen damit um, dass dieses Virus in der Welt ist. Sie tun dies mehr oder weniger verantwortlich, besonnen und menschenfreundlich.

Das Virus selbst ist kein personaler Akteur. Nun lässt sich einwenden, es sei doch nicht so schlimm, dieses Virus umgangssprachlich oder journalistisch zu personifizieren. Es wird dann schlimm, wenn die kräftige Sprache für uns dichtet und denkt. Dann wird aus einer realen Bedrohung, mit der es so nüchtern und besonnen wie möglich umzugehen gilt, eine mystifizierte Bedrohung, die noch zusätzliche Ängste und Vorstellungen auf den Plan ruft. Dann wird es leichter, unliebsame Verantwortung auf dieses vermeintlich lernende, planende und böswillige Virus zu schieben.

Zweitens: „Herdenimmunität“ ist zunächst ein Fachbegriff, der in epidemiologischen Diskursen seinen Ort hat. In den letzten Wochen hat dieses Wort den Fachdiskurs verlassen und ist ein mächtiges Schlagwort in der öffentlichen Diskussion geworden. In diesen öffentlichen Diskursen fängt dieses Wort an für uns zu dichten und zu denken – und das ist nicht gut. Menschen leben nicht in Herden. Menschen leben in Gesellschaften zusammen. Manche Tierarten leben in Herden. Solange wir nicht allen Herdentieren sämtliche Menschenrechte nun als Herdentierrechte zuerkennen – und es gibt gute Gründe dagegen –, sollten wir von Menschen nicht reden als seien sie Tiere. Denn von Tierseuchen betroffene Bestände können auch schnell gekeult werden. Das mag spitzfindig und nach überzogenen Alarmismus klingen. Aber es macht einen Unterschied, wenn die Sprache kräftig weiterdenkt und -dichtet.

Es lohnt sich darüber hinaus, auch andere Rituale, Zeichen und Symbole im weiteren Sinne sprachethisch zu durchdenken. Für Krankenhauspersonal und systemrelevante Berufe haben Menschen von den Balkonen der Großstädte applaudiert. Das ist ein schönes Zeichen der Wertschätzung. Ohne Reflexion auf die Kraft dieses Zeichens, ohne besonnene Situationsbeschreibung, die auch die Perspektive all dieser „systemrelevant“ Tätigen selbst miteinbezieht, wird das Zeichen leicht zynisch: Schon bald nach dem Start dieser Aktion wiesen Pflegekräfte in sozialen Medien darauf hin, dass angemessene Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen noch schönere Zeichen der Wertschätzung wären als Applaus.

Im besten Fall weiß die Theologie auch im Krisenmodus um die Macht der Worte, übernimmt nicht unkritisch die Schlagwörter öffentlicher Diskussionen, sondern stellt dem die Kraft guter Worte entgegen.

Liebe in Grauzonen

In Krisenzeiten stehen Menschen vor schwierigen, ja zuweilen vor unerträglichen Entscheidungen. Günter Thomas hat dies klar und trefflich beschrieben. Die Auseinandersetzung damit wird mich zu einem vorerst letzten Gedanken zur Ethik des Krisendenkens führen.

Das Beispiel von Günter Thomas ist die „Entscheidung der Bundesregierung, den Export von Schutzmasken und Schutzanzügen zu verbieten“: Ist das „Fürsorge für die deutsche Nation“ oder „ein Akt des nationalstaatlichen Chauvinismus?“. Die „[g]renzenlose Empathie“, so Thomas weiter, drücke „sich notorisch vor der Triage-Situation der Entscheidung.“ Letzteres spielt wohl auf die „Triage“ als Verfahren der Priorisierung von medizinischer Hilfe an. Die „desillusionierende Kraft der Coronakrise“ führte Thomas so zu der pointierten Behauptung: „Ja, es gibt kein wirklich verantwortliches Handeln, das in seiner Begrenzung nicht in einer Triage-Konstellation steht und hierin schuldig wird. Die moralische Klarheit und Helle weicht zwangsläufig den schwierigen Grautönen.“

Zwei Bemerkungen dazu. Erstens: Hier macht Thomas eine für die meisten Menschen außergewöhnliche und dilemmahafte Entscheidungssituation – nämliche zwischen Nationen „triagieren“ zu müssen – zum Prüfstand für ethische Orientierungen. Entsprechend sieht er in „der Coronakrise“ das „hochgepriesene Schiff der Goldenen Regel auf das scharfkantige Riff der Entscheidung“ auflaufen: „Wer ist der andere, den ich so behandeln soll, wie ich von ihm behandelt werden möchte? Wer hier alle sagt, drückt sich.“ Hier überschätzt sein Krisendenken das Erschließungspotenzial des Ausnahmezustandes.

Zweitens und noch gravierender ist aber dies: Anders als Thomas behauptet, drückt sich die „[g]renzenlose Empathie“ nicht vor der Triage-Situation der Entscheidung – sie führt überhaupt erst in die Dilemmahaftigkeit dieser Situation hinein. Erst wenn ich die Riff-Frage an die Goldene Regel beantworte mit „alle“ – nämlich: Alle sollte ich so behandeln, wie ich selbst behandelt werden will – erst dann ist das „Riff der Entscheidung“ ein solches. Der empathielose Nationalist müsste doch gar nicht abwägen, ob er Schutzkleidung exportiert oder nicht, er tut es einfach nicht. Erst mit dem „alle“ wird die „ausgrenzende[.] Solidarität“ zum Problem. Erst mit dem „alle“ ist die Entscheidungssituation als das erkannt, was sie ist: ein Thema, ein Ort, an dem wir „schuldig“ werden, wie Thomas sagt. Ein „Horrorszenario“, wie Peter Dabrock das entsprechende Entscheidungs-Dilemma im Krankenhaus bei zu wenigen Beatmungsgeräten trefflich genannt hat.

Wer ist der andere?

Wer ist der andere also? Wer hier nicht „alle“ sagt, der drückt sich vor der Dilemmahaftigkeit dieser Extremsituationen. Das lässt sich in anrührender Tiefe sowohl bei Albert Schweitzer als auch bei Dietrich Bonhoeffer studieren. Beide sprechen in diesen Zusammenhängen nicht zufällig von „Schuldig-Werden“ und „Schuldübernahme“.

Diese Dilemma-Situationen werfen tatsächlich die ethische Frage nach Orientierungen für diese unmögliche Entscheidung auf, die mit dem Verweis auf grenzenlose Empathie und Nächsten- oder Fernstenliebe tatsächlich unzureichend beantwortet ist, auch wenn die Frage erst aus dieser Liebe entsteht. Für ärztliche Entscheidungen wird hierzu in der Diskussion um Triage-Kriterien um Antworten gerungen.

Grundlegender und zuerst werfen diese Dilemma-Situationen aber die sozialethische Frage auf, wie ihnen vorgebeugt werden kann, auch jetzt noch: Welche Strukturen und Finanzierungsmodelle ermöglichen es in Gesundheitssystemen, dass medizinisches Personal in einer Pandemiesituation nicht oder zumindest so wenig wie möglich entscheiden muss, wer ein Beatmungsgerät bekommt und wer nicht? Welche internationalen Kooperationen ermöglichen es, dass der der Export von Schutzmasken nicht zur Entscheidungsfrage nationaler Regierungen wird? Welche Verordnungen und Verhaltensänderungen sind nötig, um eine Ausbreitung zu verhindern, die Gesundheitssysteme überlastet? Insofern lassen sich die Maßnahmen des „social distancing“ auch als eine Antwort auf die sozialethische Frage lesen, wie diesen Dilemmasituationen vorgebeugt werden kann.

Dabei bleibt ethisches Nachdenken natürlich ein Denken in „Grautönen“. Das ist nicht erst seit Beginn der Corona-Krise so. Ethische Fragen treten auch in anderen Zeiten da auf, wo wir es mit „schwierigen Grautönen“ zu tun haben und die „moralische Klarheit“ alltäglicher Selbstverständlichkeiten eben nicht mehr hinreichend orientiert. Ein verantwortliches Handeln und Mitgestalten von Strukturen, das sich an Nächsten- und Fernstenliebe und besonders an der Perspektive der Benachteiligten ausrichtet, wird zu einem Handeln und Gestalten in Grauzonen. So schrieb der Krisendenker Bonhoeffer über eben dieses verantwortliche Handeln: „Es muss beobachtet, abgewogen, gewertet werden, alles in der gefährlichen Freiheit des eigenen Selbst. Es muss durchaus in den Bereich der Relativitäten eingetreten werden, in das Zwielicht, das die geschichtliche Situation über Gut und Böse breitet. Das Bessere dem weniger Guten vorzuziehen, weil das ‚absolute Gute‘ gerade das Böse umso mehr hervorrufen kann, ist die oft notwendige Selbstbescheidung des verantwortlichen Handelnden.“ (Dietrich Bonhoeffer Werke 6: 220f.) Um die abwägende und besonnen umsichtige Suche nach dem je und je Besseren geht es ethischem Nachdenken – in der Krise und zu allen Zeiten.

Und jetzt? Wie lange noch werden Ausgangsbeschränkungen gelten? Wie schlimm wird es werden? Wird unsere Welt, werden unsere Kirchen nach der Krise noch die gleichen sein? Was wird? Ich weiß es nicht. Jetzt gerade halte ich dies für gut: Besonnenheit in der Situationsanalyse, Sensibilität für die Kraft der Worte und Festhalten an der Bedeutung grenzüberschreitender Liebe: All das sind nicht nur Orientierungen für theologisches Denken in Krisenzeiten. Gerade im Krisendenken aber markieren sie Denkwege, auf denen sich hoffentlich nicht nur in, sondern auch nach der Corona-Krise weiter wird denken lassen.

 

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Florian Höhne

Dr. Florian Höhne ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie (Ethik und Hermeneutik) an der Humboldt-Universität zu Berlin.


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