Gemeinsame Lebensräume

Warum Kirche und Diakonie sich im Gemeinwesen engagieren sollten
Paula Modersohn-Becker (1876–1907): „Barmherziger Samariter”, 1907.
Fotos: akg-images
Paula Modersohn-Becker (1876–1907): „Barmherziger Samariter”, 1907.

In der Gemeinwesenarbeit treffen sich theologischer Auftrag der Kirche, glaubwürdiges gesellschaftliches Handeln und neue Möglichkeiten zu künftigen Gestalten der Kirche. Darin liegen ihr besonderer Charme und ihre besondere Chance, meint Uta Pohl-Patalong, Professorin für Praktische Theologie an der Universität Kiel.

Gemeinwesenorientierung“ oder auch „Sozialraumorientierung“ werden immer häufiger als Richtungsanzeigen genannt, auf die Frage, wie die Kirche zukunftsfähig werden kann. Dass die Kirche sich im Dorf oder im Stadtteil engagiert, aufmerksam ist für das, was Menschen dort brauchen, und sich gemeinsam mit säkularen Einrichtungen um eine Verbesserung der Lebensbedingungen bemüht, erscheint kirchlich Engagierten mehr und mehr als produktiver Weg in die Zukunft. Es ist eine mögliche Antwort auf die Frage nach dem Relevanzverlust der Kirche und rückläufiger Beteiligung an ihren Angeboten, die auch durch teilweise intensives Bemühen um modernere Formen, innovative Projekte und zielgruppengerechte Angebote nur punktuell gesteigert werden können.

Die Kirche geht dann nicht auf Menschen zu, um sie in ihre Räume und Aktivitäten einzuladen, sondern sie begibt sich konsequent in die Lebenskontexte hinein und wirkt dort gemeinsam mit den Subjekten und anderen Akteurinnen und zum Wohle des Gemeinwesens – institutionell uneigennützig. Dabei entdeckt sie nicht selten ihre Diakonie in neuer Weise.

Zögerliche Umsetzung

Wurde das Problem des organisatorischen und auch inhaltlichen Auseinanderklaffens von Kirche und Diakonie sonst oft auf der Ebene theologischer Überlegungen oder in der Forderung einer diakonischen Orientierung gemeindlicher Arbeit angegangen, lernt hier die Kirche einerseits von der gesellschaftlichen und uneigennützigen Orientierung der Diakonie, die „Kirche für andere“ selbstverständlich lebt. Die
Diakonie wiederum entdeckt die Kirche als Partnerin neu und kann von ihrem selbstverständlichen theologischen Profil profitieren.

Allerdings ist diese Orientierung kirchlicher Arbeit keineswegs Konsens, und ihre Umsetzung erfolgt bislang auch eher punktuell und nicht selten zögerlich. Zu groß ist die Unsicherheit, was geschieht, wenn die Kirche sich aus ihrem vertrauten Rahmen und ihren vertrauten Arbeitsformen herausbegibt und sich „unter das Volk mischt“. Ist sie denn dort wirklich gewollt und gewünscht? Und verliert sie dann nicht an inhaltlicher Substanz, wenn sie sich so „weltlich“ orientiert? Ist es denn überhaupt ihre Aufgabe, entspricht diese ihrem Auftrag? Ist genug Zeit und Kraft dafür da neben dem vermeintlichen gemeindlichen „Normalprogramm“? Hier sind (praktisch-)theologische Überlegungen gefragt: Warum dürfen und sollen sich Kirche und Diakonie im Gemeinwesen engagieren? Dabei ist es sinnvoll, unterschiedliche Ebenen in der Begründung zu unterscheiden.

In der Praktischen Theologie ist es gegenwärtig nahezu konsensfähig, den Auftrag der Kirche als „Kommunikation des Evangeliums“ zu beschreiben. Seine Wurzeln hat der Begriff nicht zufällig in der Kirchenrefombewegung des Theologieprofessors Ernst Lange (1927–1974). Denn „Kommunikation“ markiert anders als „Verkündigung“ die Vielfältigkeit der Wege des Evangeliums: Kommuniziert wird mit Worten und Taten, bewusst und unbewusst, explizit und implizit. Kommunikation nimmt zudem alle Beteiligten gleichberechtigt in den Blick und denkt von den Adressatinnen und Adressaten her: Entscheidend ist, was bei ihnen ankommt, und nicht, was gemeint ist oder ausgerichtet wird.

Kirche als Dienerin

Diesen Auftrag erfüllt die Kirche in dem Dreieck von Inhalt, Subjekten und Welt. Das Evangelium wird mit Menschen kommuniziert und richtet sich auf die Welt als Ort, an dem Gott sein Reich Wirklichkeit werden lassen will. Das Handeln der Kirche richtet sich daher nicht auf sich selbst, sondern die Kirche hat ebenso wie die Diakonie eine rein dienende Funktion: Sie dient der Kommunikation des Evangeliums in Wort und Tat. Dies bildet das Kriterium für alles kirchliche Handeln und zwar in der Perspektive der Subjekte und der Welt, an die die Kirche gewiesen ist. Gemeinwesenorientierung bedeutet in dieser Perspektive dann gerade keine Gefährdung des kirchlichen Auftrags, sondern seine originäre Erfüllung – ohne Unterschied zwischen Kirche und Diakonie.

Dabei gilt die Liebe Gottes allen Menschen gleichermaßen, ganz besonders aber denen, die unter schwierigen Bedingungen leben. Wie die Lebensstilanalyse der vierten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung eindrücklich belegt hat, wird auch unter den Kirchenmitgliedern die sozial schwächste Bevölkerungsgruppe mit dem niedrigsten Einkommen und Bildungsniveau von den traditionellen Arbeitsformen der Kirche besonders schlecht erreicht.

In der Gemeinwesenorientierung richtet sich die Perspektive der Kommunikation des Evangeliums besonders auf diese und das, was sie brauchen. Dabei geht es nicht nur um die persönliche Zuwendung zu bedürftigen Menschen wie in der Seelsorge und die diakonische Unterstützung Einzelner. Zum Christentum gehört in seiner jüdischen Tradition von seinen Anfängen an ein Interesse an den Lebensumständen von Menschen und ihrer Verbesserung in der Perspektive des Reiches Gottes. Dies wird biblisch beispielsweise deutlich in der Sozialkritik der alt-testamentlichen Propheten, die das Engagement für eine gerechte Lebenswelt für alle Menschen, insbesondere für die Schwachen fordern. Besonders anschaulich wird dies im Handeln Jesu. Insofern entspricht die Ausrichtung der kirchlichen Arbeit am Gemeinwesen als adressatinnenorientierte Kommunikation des Evangeliums in der Welt originär dem kirchlichen Auftrag und ist kein rechtfertigungsbedürftiger Zusatz zu diesem.

Gemeinwesenorientiertes Handeln ist aber nicht nur theologisch angemessen, sondern auch im Blick auf die Zukunft der Institution Kirche sinnvoll. Auch diese Fragerichtung ist für die Kirche legitim, sie sollte allerdings von der theologischen Frage nach ihrem Auftrag sorgfältig unterschieden werden. Die Kirche gewinnt an Glaubwürdigkeit und Plausibilität, wenn sie die Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen und von seinem Willen für ihr gutes Leben nicht nur verkündigt, sondern in ihrem Handeln exemplarisch etwas davon aufscheint, was Gottes Wille für die Menschen ist (vergleiche Matthäus 11,5). Dabei dürfte gerade die Uneigennützigkeit des Handelns, das nicht der Bestandssicherung der Institution und der Mitgliederwerbung dient, aufmerksam wahrgenommen werden – als Gegenpol zu anderen (kommerziellen und auch nicht-kommerziellen) Organisationen.

Diese Glaubwürdigkeit wird zunächst von Kirchenmitgliedern wahrgenommen werden, die möglicherweise selbst keine kirchlichen Angebote nutzen und häufig dann Austrittsgedanken hegen, wenn sie den Eindruck haben, dass ihnen die kirchlichen Angebote nichts bringen. Gemeinwesenarbeit erhöht die Chance, dass sie direkt mit dem kirchlichen Handeln in Kontakt kommen, stärkt aber auch darüber hinaus die Plausibilität der Kirche. So wird auch bisher schon das diakonische Handeln der Kirche gerade von distanzierten Kirchenmitgliedern besonders geschätzt, wie alle Umfragen belegen. Es gilt aber auch für Menschen ohne christlichen Hintergrund und Kirchenzugehörigkeit. „Wenn man Christen versteht, dann aufgrund ihres authentischen Lebensstils, der Wort und Tat einschließt. Das persönliche Vorbild zählt. Wort ohne Tat wäre hier unglaubwürdig, Tat ohne Wort unkenntlich“, schreibt der Erfurter Theologe Thomas Schlegel in seinem Aufsatz Diakonie und Mission – und ihre notwendige Zusammenschau im ostdeutschen Kontext. Damit ist gemeinwesenorientierte Arbeit auch im Blick auf die Zukunft der Kirche sinnvoll. Dies kann sich dann wiederum mit der theologischen Ebene treffen: „Christliche Gemeinden mussten in der Geschichte sich dann nicht um ihre Zukunft sorgen, wenn sie sich in kritischen Phasen auf die Seite der Menschen geschlagen haben, die im biblischen Mandat angesprochen wurden. (…) Gemeinden, die sich um das Schicksal von Menschen kümmern, die in ihrem Raum leben, bekommen ihre Zukunft geschenkt. Auch für sie gilt die Verheißung im Buch Jeremia: ‚In ihrem Wohl liegt Euer Wohl‘“, heißt es bei dem Psychiatriehistoriker Klaus Dörner in Leben und sterben, wo ich hingehöre.

Auf einer dritten Ebene kann die Gemeinwesen-orientierung die anstehende Um- und Neugestaltung der kirchlichen Sozialformen fördern und orientieren. Seit der Finanzkrise der 1990er-Jahre haben sich die kirchenreformerischen Bemühungen faktisch überwiegend auf die Dehnung der ortsgemeindlichen Strukturen zugunsten größerer Räume gerichtet. Regionalisierung und Fusionen sollten gleichzeitig Ressourcen sparen, Synergien nutzen und die Handlungsmöglichkeiten der Kirche erweitern. Dies war im Rahmen der bisherigen Organisationslogik plausibel und hat zumindest teilweise auch konstruktive Effekte gezeigt. Gleichzeitig verblieb die Kirche damit auch in der mit der territorialen Orientierung verbundenen „Versorgungslogik“.

Leitend blieb die flächendeckende kirchliche und vor allem auch pastorale Versorgung, die mit einem entsprechenden Kirchenbild verbunden ist. Diese ist angesichts des anstehenden noch viel dramatischeren Rückganges der finanziellen und vor allem auch personellen Ressourcen nun an ihre Grenzen gekommen. Ab einem gewissen Grad von (Über-)Dehnung kann die Ortsgemeinde ihre Stärken der Beziehungsorientierung, des Angebots sozialer Gemeinschaft, der Vernetzung mit dem lokalen Kontext, der Kompetenz für den Nahbereich und der generalistischen Zuständigkeit für religiöse Belange nicht mehr ausspielen, weil diese auf Überschaubarkeit und regionaler Nähe beruhen. Ihre Nachteile und Beschränkungen werden umso deutlicher.

Neue Gestalt

Hinzu kommt die Tatsache, dass die Form Ortsgemeinde der vierten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zufolge nur zwei von sechs Lebensstilen der evangelischen Kirchenmitglieder entspricht und zwar den beiden ältesten. Insofern erscheint eine Umorientierung der kirchlichen Organisationsformen angezeigt, die die Dominanz der territorialen flächendeckenden Orientierung verlässt. Gegenwärtig sind an vielen Orten und auf unterschiedlichen Ebenen Suchbewegungen nach neuen Gestalten der Kirche erkennbar, ohne dass sich eine klare Form abzeichnen würde. Sie scheinen jedoch in Richtung fluiderer Formen mit stärkerem inhaltlichen Profil zu gehen und eine stärkere Offenheit für die vielfältigen Lebenswege und -formen von Menschen zu beinhalten.

In dieser Suchbewegung kann die Gemeinwesenorientierung ein prägender Aspekt sein. Sie denkt nicht von den (bestehenden) Strukturen, sondern von Inhalten aus und sieht die Strukturen als sekundär. Das Prinzip „form follows function“ unterstützt die Suchbewegungen der Kirche, von dem theologischen Auftrag ausgehend Kirche zu gestalten und die Sozialformen daran zu orientieren, was der Kommunikation des Evangeliums in einem bestimmten Kontext dient.

Damit ist auch deutlich geworden, dass die drei genannten Ebenen zwar unterschieden werden müssen, jedoch nicht getrennt voneinander zu betrachten sind. In der Gemeinwesenorientierung treffen sich theologischer Auftrag der Kirche, glaubwürdiges gesellschaftliches Handeln und Überlegungen zu künftigen Gestalten der Kirche. Vielleicht liegen darin ihr besonderer Charme und ihre besondere Chance für die Zukunft der Kirche.

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