„Ich lege mal meins daneben“

Die kirchliche Sprache ist manchmal komisch – und sie hat gravierende Nachteile
Die kirchliche Sprache ist Macht
Foto: epd/Juergen Blume
Die kirchliche Sprache ist Macht über andere qua Kommunikation.

„Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen“, heißt es in der Bibel. Trotzdem neigt die kirchliche Sprache zur Vertuschung – man sagt nicht klar, was man will. Häufig versteckt sie so Hierarchien. Dies ist eine der Thesen des neu erschienenen Buches „Phrase Unser. Die blutleere Sprache der Kirche“ von taz-Redakteur Jan Feddersen und zeitzeichen-Redakteur Philipp Gessler. Hier das siebte Kapitel des Sachbuchs, leicht gekürzt.

Reiner Anselm, Vorsitzender der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD, hat eine Weile in der Schweiz gelebt und eine Erfahrung gesammelt: In eher bürgerlichen Kreisen Zürichs gilt ein schlichtes „Nein“ als etwas unfein – und es gibt „Jas“, die eher „Neins“ sind. Das sei eine maskierte Konversation, die man als Deutsche(r), der/die in der Regel direkter kommuniziere, irgendwie lernen müsse, durch das genaue Hören auf die Zwischentöne. „Solche Muster gibt es im ‚Kirchischen‘ auch. Massiver Dissens wird etwa mit dem Satz ausgedrückt: ‚Ich lege mal meins daneben.‘ Das bedeutet eigentlich: ‚Deine Positon ist total unterirdisch.‘“ Der Münchner Professor hat ein weiteres Beispiel einer maskierten Kommunikation im kirchlichen Milieu: „Auch die Formel ‚Das nehme ich jetzt einmal mit‘ ist ja eine, die eher ausdrückt, dass man das Gesagte nach einer Minute schon wieder vergessen hat.“ Die Folge: „Das ist ein klarer Diskursstopper. Darüber darf man nicht mehr reden, sondern: Knicken, lochen, abheften.“

Trotz der klaren Forderung Jesu „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen“ (Matthäus 5,37) neigt die kirchliche Sprache zur Vertuschung – man sagt nicht klar, was man will oder von dem anderen erwartet. Häufig werden Hierarchien und Anweisungen, die von oben nach unten gegeben werden (wie sonst?), vertuscht. Auch unschöne, aber doch gelegentlich ganz natürliche Emotionen wie Wut oder Zorn verschwimmen in einer sprachlichen Dunstwolke.

So ist die kirchliche Sprache häufig eine maskierte Aggression, die Menschen ausschließt. Man muss genau wissen, wann eine freundliche Angelegenheit zur Aggression wird. Reiner Anselm nennt ein Beispiel für eine ziemlich häufige, gleichwohl verdeckte Form der Aggression: „Es gibt doch keinen härteren Imperativ im Kontext der Kirche als den Satz: ‚Ich lade Sie ein ...‘ Wehe, jemand würde das wirklich ernst nehmen. Denn es heißt doch eigentlich: ‚Jetzt mach mal – und kein Mucken!‘“

Es geht darum, mit diesen sprachlichen Mitteln die Wirksamkeit des Gesagten zu verstärken und den Druck auf den Gesprächspartner zu erhöhen. Das sanfte Um-die-Ecke-Reden („darf ich Dich einladen, …“) heißt, jemanden scheinbar ernst nehmen – ihn aber zugleich zu entmündigen.

Dabei wird so getan, als ginge es nicht um Autorität, sondern der oder die andere soll sich irgendwie gut und aufgewertet fühlen. Es ist also eine Adressierung an jemanden, der oder die scheinbar gleichberechtigt ist. Denn nur Gleichberechtigte lädt man ein. Aber in der besonderen Sprechsituation (nicht nur des kirchlichen Umfelds) ist das keine Einladung, sondern eine verklausulierte Aufforderung. De facto kann man dem nur entgehen, indem man unhöflich ist und die Einladung ablehnt. Diesen Schritt aber scheut man.

Das Problem dabei ist, dass dieser Ausdruck wie viele Wörter der kirchlichen Sprache die Unehrlichkeit untereinander fördert. Das gilt auch für den nicht nur in Kirchenkreisen mittlerweile inflationär gebrauchten Ausdruck „auf Augenhöhe“. Der, meint der Essener Kommunikationswissenschaftler Jo Reichertz schlicht, sei „eine Lüge“: „Wer das Wort benutzt, vertuscht damit gerne eine Kommunikation von oben nach unten.“ Gerade in der katholischen Kirche simuliert oder behauptet man mit solch einer Formulierung einen Dialog „auf Augenhöhe“, den es nicht gibt, denn die katholische Kirche ist nun mal nicht demokratisch verfasst. Es gibt fast immer ein klares Oben und ein ebenso klares Unten. Das gilt übrigens auch für jede Predigt-Situation, auch wenn viele Pfarrerinnen und Pfarrer längst die Kanzel verlassen haben: Jemand steht oben und predigt, die anderen sollen zuhören. Man kann es noch zuspitzen: In der Regel wird überall dort Augenhöhe betont, wo eben keine ist.

Problem Doppelbödigkeit

Zugleich kann man solche vertuschenden Wörter und Sätze nicht als Schrulligkeiten eines besonderen Idioms abtun. Denn das wesentliche Problem an dieser Art der Kommunikation ist ihre Doppelbödigkeit, die langfristig Vertrauen zerstört. Die Kommunikationstheorie nennt solche Kommunikationssituationen „double bind“: Auf der einen Ebene hört es sich so an, als behandle man jemanden gleichberechtigt. Auf der anderen Ebene ist das aber nicht so. Die Schwierigkeit ist: Man kann dieser Doppelbindung kaum entgehen, man ist fast gezwungen, das Spiel mitzuspielen. Der einzige Ausweg ist, dass man thematisiert, was gerade passiert, also etwa direkt fragt: Was machen Sie jetzt mit mir? Man müsste sagen: Das ist doch keine Einladung, das ist eine Aufforderung oder gar ein Befehl. Aber wenn man eine solche Form der Meta-Kommunikation betreibt, wird das Spiel zerstört, das reibungslose Miteinander wird gestört, man gilt als unhöflich, humorlos oder gar als nervig – und das ist für alle, die vielleicht in der Kirche Karriere machen wollen, keine besonders günstige Position, weshalb sich das Spiel gerade innerkirchlich immer weiter fortsetzt, auch wenn viele darunter leiden.

Um es deutlich zu sagen: Es geht hier schlicht um Macht – und die muss in Kirchenkreisen sprachlich etwas versteckt werden, nicht zuletzt, weil Jesus Macht sehr kritisch gesehen hat. Der Rabbiner aus Nazareth hat laut dem Markus-Evangelium (10,42ff) klar gefordert: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter Euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“

Man kann darüber streiten, wie weit diese Forderung Jesu in dieser Welt wirklich zu realisieren ist, und sei es nur in der Kirche. Sicher ist, dass es in der Kirche Macht gibt (und manchmal auch die Macht der Kirche über ihre eigenen Kreise hinaus). Und natürlich ist es kein Zufall, dass Macht in der Kirche über eines der wenigen Mittel genutzt wird, über das die Kirche überhaupt verfügt, nämlich die Sprache.

Die kirchliche Sprache ist also auch und immer wieder ein Machtmittel, es ist Macht über andere qua Kommunikation. Sprache wird zu einer Herrschaftstechnik, nicht zuletzt deshalb sind gerade Kirchenobere oft sehr eloquent. Es darf und kann keine Gewalt ausgeübt werden, aber man will schon, dass der oder die andere genau das tut, was man will und (direkt oder indirekt) sagt.

Die Kirchen haben eine jahrhundertealte Erfahrung und Tradition im Gebrauch einer solchen vertuschenden Sprache. Und natürlich ist eine Sprache der Macht keine kirchliche Spezialität. Sie wird überall gesprochen, wo Macht eher vertuscht werden muss, weil der eigene Anspruch dies erfordert. Das gilt überall dort, wo die Gleichheit aller Sprechenden hoch gehalten wird, etwa in der akademischen Welt bei Universitätspräsidentinnen und -präsidenten, oft beim politischen Personal der Demokratie, manchmal bei Regierungssprechern oder öffentlichen Intellektuellen, die einen gesellschaftlichen Dialog „auf Augenhöhe“ einfordern. Aber meistens bleibt es eben eine versteckte Macht, die sich als Gleichberechtigung tarnt: „Die kirchliche Sprache ist die Sprache der Macht, die ununterbrochen von sich selbst behauptet, sie sei das Gegenteil von Macht“, bringt es der österreichische Historiker Valentin Groebner, der Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist, auf den Punkt.

Feine Herablassung

Die kirchliche Sprache will also verbal Hierarchien und Machtgefälle zum Verschwinden bringen, auch wenn beides de facto weiterexistiert. Eine solche Sprache wird häufig verstärkt durch eine Moral, die fast selbstverständlich für sich beansprucht, grundsätzlich auf der richtigen Seite zu sein und zugleich immer nur das Beste für alle zu wollen. Das geht oft einher mit einem Ton feiner Herablassung für die, die diesen Ton nicht kennen oder nicht treffen – oder anscheinend der höheren Moral der Kirche nicht genügen.

Die Tatsache, dass der sprachliche Hierarchie-Abbau auch negative Konsequenzen hat, wird dabei in der Regel in Kauf genommen. Denn eine solche Sprache kann natürlich auch dann zu einer Verwirrung oder Verunklarung der Machtverhältnisse beitragen, wenn es eigentlich gerade wichtig wäre, klar auszusprechen, wer hier jetzt, aus guten Gründen, das Sagen hat. Irgendwo müssen ja die Entscheidungen getroffen werden. Machtgebrauch, Hierarchien und eine klare Sprache sind oft notwendig, denn sie verorten Verantwortlichkeiten und beschleunigen Abläufe. Kirchenobere, leitende Geistliche, ein Bischof oder eine Präses sind häufig einfach nötig – und es ist hilfreich, wenn sie eine klare Sprache sprechen, die nichts vertuschen will.

Der evangelische Theologe Fulbert Steffensky sagt, es gebe in der Kirche einen „Zwang zum Frieden“, mit dem meist nichts wirklich gewonnen werde. Denn so werden nur die weiter existierenden Animositäten in der Kirche verschleiert oder vernebelt. Andererseits hat auch Höflichkeit ihren Wert, selbst wenn sie manchmal der Lüge oder Notlüge sehr nahe kommt. Es gebe eben, sagt der alte weise Professor, auch eine „Brutalität der Redlichkeit“, die Kommunikation manchmal zerstört, was gerade vielen Leuten in der Kirche arg ist. Deshalb rette einen auch in der Kirche manchmal der Schein. Denn: „Der Schein ist auch etwas wie das Vorspiel auf Morgen.“

Literatur

Jan Feddersen/Philipp Gessler: Phrase Unser. Die blutleere Sprache der Kirche. Claudius Verlag, München 2020, 184 Seiten, Euro 20,–.

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