Kuscheldecke und Kuchenteig

Berichte von der Klimafront (V): Fastenzeit

Die Fastenzeit hat begonnen, der Klimawandel fordert Lösungen. Die kirchliche Aktion „Klimafasten“ will beides miteinander verbinden – und macht dabei zwei Fehler.

Die Fastenzeit hat begonnen. Früher gehörte es zu meinem evangelischen Selbstverständnis, das völlig zu ignorieren und den Verzicht auf Süßigkeiten, Alkohol, Kaffee und Zigaretten den katholischen Schwestern und Brüdern zu überlassen. Das war ganz praktisch, denn so konnte ich mein Fleisch auch theologisch begründet mit dem Verweis auf Luthers „Sola gratia“ schwach sein lassen und musste mir in der Passionszeit kein eigenes Leiden zufügen. Heute weiß ich: Das war natürlich ein völlig verkürztes Verständnis von Fasten. Freiwilliger Verzicht auf das, was mich scheinbar bindet, bringt neue Freiheiten mit sich und kann auch Körper, Geist und Seele auch dann gut tun, wenn alles drei evangelisch ist.

Hinzu kommt: Der Klimawandel ist unübersehbar geworden, Klimaschutz eine zentrale Aufgabe unserer Generation. Wie praktisch, so dachte ich, dass es auch in diesem Jahr wieder die Aktion „Klimafasten“ von fünfzehn Bistümern und Landeskirchen gibt, die in den sieben Wochen vor Ostern die alte religiöse Tradition des Fastens mit den Herausforderungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu verbinden sucht. Auf der Website www.klimafasten.de steht, wie das gehen kann. Doch je länger ich mich durch das Angebot klicke, je mehr Wochenpläne ich lese, umso größer wird mein Unbehagen.

Dabei ist das Fastenprogramm didaktisch sehr klar aufgebaut. Am Anfang steht ein Schnelltest zu meinen Lebensgewohnheiten, der einen ersten Rückschluss auf die von mir verursachten CO2-Emissionen zulässt. Ich erreiche 33 Punkte. Mist, die bestmögliche Kategorie („Unter 30 Punkte: Du achtest sehr bewusst auf deinen ökologischen Fußabdruck – Respekt!“) knapp verfehlt. Für mich gilt: „30 bis 60 Punkte: Du liegst noch unter dem Durchschnitt der BundesbürgerInnen, es gibt aber Möglichkeiten, das eine oder andere zu optimieren.“

Da ist das Wort, das mich zusammenzucken lässt. Werde ich nicht sowieso schon ständig aufgefordert, mich oder irgendetwas zu optimieren? Meine Ernährung,  mein Zeitmanagement, die Ordnung in meinem Kleiderschrank, meine Altersvorsorge, mein neuronales Netzwerk, meine körperliche Fitness - damit ich möglichst gut in dieser Leistungsgesellschaft mitmachen kann. Früher hat man ständig Kalorien und Joules gezählt, jetzt also meine Klima-Kilos. Und nun gilt es, sie los zu werden, indem ich in den kommenden Wochen  von den zahlreichen „einfach das eine oder andere“ ausprobiere „Wir wünschen Dir dabei viel Spaß und Erfolg!“ Aber Fasten ist doch mehr als eine Diät, auch wenn es um das Klima geht.

Um mich zu beruhigen, klicke ich mich durch das, was mich erwartet. Jede Woche ein anderes Thema: „Energie“, „Lebensmittel“, „Elektronik-Konsum“, „Mobilität“, „Plastikfreies Leben“ und am Ende „Gemeinsame Veränderungen“. Darunter dann jeweils konkrete Tipps zur Optimierung der eigenen CO2-Bilanz. Vieles davon weiß man, (Stoßlüften statt Kipplüften, Türen von geheizten Räumen schließen, Stromsparende LEDs benutzen), was aber nicht bedeutet, dass man nicht daran erinnert werden kann. Und endlich Ökostrom beziehen, dazu kann man nicht oft genug aufrufen, schließlich hat es die Mehrheit der Deutschen noch nicht getan.

Besonders spirituell oder sinnlich ist das alles allerdings nicht, was den Verantwortlichen wohl auch aufgefallen ist. Aber ob Formulierungen wie  „Der eigenen Kraft nachspüren, den Kuchenteig von Hand rühren“ oder bei einem Grad geringerer Zimmertemperatur zu merken „wie gemütlich ich mich mit meinem Lieblingspullover und einer schönen Decke auf das Sofa kuscheln kann“ Klimaschutz wirklich zur Sinnesfreude machen? Und wird der vegane Aufstrich-Kreisel wirklich die Wende für das Weltklima bringen?

Nein, das behauptet so direkt auch niemand. Aber Klimafasten „verändert mich und die Welt“, so der Anspruch. Und da liegt, neben der Übernahme des Selbstoptimierungsparadigma, das zweite Problem dieses Fastenprogramms: Es blickt nur auf den Einzelnen als Konsumenten und Verbraucher, gibt ihm einen großen Aufgabenzettel mit auf den Weg, thematisiert aber nicht die Zusammenhänge, in denen er lebt und die zum großen Teil für den Klimawandel zuständig sind. Klimaschutz hängt eben nicht von jedem Einzelnen ab, sondern vor allem von den politischen und wirtschaftlichen Strukturen, in denen wir leben. Ein verändertes Verhalten Einzelner kann diese langfristig ändern, aber dazu muss man sie mindestens benennen. Doch diese Auseinandersetzung findet beim Klimafasten zu wenig statt, auch nicht in den kurzen theologischen Impulsen. Hier hätten weiterführende Texte zur Chancen und Grenzen der Green Economy, der Postwachstumsökonomie oder auch der politischen Aspekte von Klimagerechtigkeit den Blick geweitet.

Also kein Klimafasten in diesem Jahr? Doch, aber nicht nach diesem Plan. Ich versuche es lieber mit der alten christlichen Tradition des Fleischverzichts. Da steckt thematisch viel drin: Unser Verhältnis zu Tieren, unser Bild von Stärke, Reichtum und Männlichkeit und natürlich auch das Thema Klimaschutz. Zu blöd, dass es heute dieses leckere Gulasch in den Kantine gab. Aber morgen geht es los…

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