Heimat in der Fremde

Klartext

Neues Leben

Sonntag Okuli, 15. März

Da sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihnen: (…) Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. (Lukas 9, 57–58)

Dreimal antwortet Jesus auf Fragen: 1. Nachfolge ja, aber wohin? Er hatte keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen konnte. Und das fing schon bei seiner Geburt an, als kein Raum in der Herberge war. Schnell wurde Jesus zum Flüchtlingskind. Er starb außerhalb Jerusalems und wurde in ein fremdes Grab gelegt.

Jesus war an keinem Ort dauerhaft zu Hause, aber dafür in der Stille Gottes. Daher heißt Nachfolge Jesu: Sucht die Stille, klebt nicht am Besitz und wandert mit leichterem Gepäck. Macht euch so auf Jesu Weg und findet nach Hause.

2. Nachfolge ja, aber wann? Sofort! Lass die Toten ihre Toten begraben, und verkünde das Leben (Lukas 9,60). Extremer und skandalöser hätte Jesus den Bruch zwischen der alten und der neuen Heimat nicht ausdrücken können. Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Das neue Leben ist nicht jenseitig, auf das Leben nach dem Tod verschoben, es beginnt vielmehr dort, wo Menschen im Namen Jesu in die Zukunft Gottes unterwegs sind, die heute anfängt.

3. Nachfolge ja, aber wie? Wer seine Hand an den Pflug legt und zur falschen Zeit zurückschaut, ist nicht geschickt für das Reich Gottes (Lukas 9,62). Das stärkste Beispiel für eine solche Rückschau, die lähmt, ist Lots Frau, die zurückblickt und zur Salzsäule erstarrt (1. Mose 19,26). Menschen, die dem Leben und der Zukunft alles unterordnen, sind dagegen fürs Gottesreich geeignet.

Das alte Leben ist kein Maßstab für das neue. Wir können aus dem Vergangenen keine Schlüsse für das neue Leben ziehen. Wir versuchen das zwar, denn wir wollen aus unserem eigenen Leben lernen und sogar aus der Geschichte. Bei den einen bedeutet das, einfach weiterzumachen wie bisher, und bei anderen, genau das Gegenteil zu tun. Aber Gott lässt uns den Pflug direkt an der Furche unseres alten Lebens ansetzen und auf eine Zukunft mit Jesus schauen. Manche Schwellen liegen im Weg, große und kleine Lebensentscheidungen, Einschnitte, Verluste. Auch der eigene Tod ist so eine Schwelle. Aber wir haben eine Orientierung, die darüber hinausreicht. Gott zeigt uns die Lebensfurche Jesu Christi, der seinen Weg zielstrebig und gehorsam bis zum Ende gegangen ist. Wer ihm nachfolgt, findet sogar in der Fremde Heimat und im Tod Leben.

Große Freude

Sonntag Lätare, 22. März

Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr (Jerusalem) den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach … Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jesaja 66,12–13)

In überfließenden Bildern wird der Reichtum der Völker mit dem Heil der Stadt Jerusalem und der Urerfahrung einer stillenden Mutter verbunden. So wirkt Gott in sich ausbreitenden Kreisen, in meiner individuellen Biografie, auf dem Schoß und durch die Brust meiner Mutter, in der Gesellschaft einer Stadt und im Weltgeschehen, in allen Völkern. Wenn das kein Grund zur Freude ist…

Gute Protestanten

Sonntag Judika, 29. März

So lasst uns nun zu ihm (Jesus) hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebräer 13,14–15)

Wir besitzen eine doppelte Staatsbürgerschaft, die irdische und die ewige. So sind wir unterwegs als Suchende: Mich nicht zufrieden geben, nicht schon fertig sein mit allem und jedem, mit Gott und der Welt, mit Vorurteilen und Urteilen. Vielmehr unfertig sein, auf der Suche nach der zukünftigen Stadt, in der es keine Ausgeschlossenen, Abgeschriebenen mehr gibt, sondern alle ein Bleiberecht besitzen.

Bis dahin wollen wir uns nicht im Drinnen einrichten während draußen gelitten wird, sondern Unzufriedene bleiben, Unbequeme, Protestanten, die nicht nur protestieren, sondern selbst Hand anlegen, bis wir diese zukünftige Stadt finden.

Band der Liebe

Palmsonntag, 5. April

Als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabas-tergefäß mit unverfälschtem, kostbaren Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig. (Markus 14,3–4)

Jesus weist einer anonym bleibenden Frau einen besonderen Platz zu: Wo auch immer in der Welt das Evangelium verkündigt wird, soll von ihr erzählt werden. Aber die Jünger nehmen Anstoß an dem, was diese Frau tut. Der Gastgeber Simon, der unter Aussatz gelitten hatte, konnte wohl nachvollziehen, wie angenehm für Jesus das Öl auf der Haut sein musste. Aber die Geschichte schien späteren Generationen so anstößig, dass fast nie über sie gepredigt wurde.

In Bachs Matthäuspassion wird dagegen die Weisheit der schweigend handelnden Frau gegenüber den töricht streitenden Männern besungen: „Du lieber Heiland, du, wenn deine Jünger töricht streiten, dass dieses fromme Weib mit Salben deinen Leib zum Grabe will bereiten, so lasse mir inzwischen zu, von meiner Augen Tränenflüssen ein Wasser auf dein Haupt zu gießen.“

Dabei klingt der Einwand der Jünger auch heute noch plausibel. Denn die Frau hat verschwenderisch gehandelt. Für den Wert des Öls, mehr als 300 Silbergroschen, hätte man viel Gutes, Nützliches tun können. Aber Jesus bescheinigt der Frau, richtig gehandelt zu haben. Und warum?

Sie hat es für Jesu Begräbnis getan. Die Salbung zum Begräbnis war damals üblich. Wegen des Feiertags musste die Beisetzung Jesu im Felsengrab des Josef von Arimathia ganz schnell erfolgen. Aber als die Frauen den Leichnam nach dem Feiertag salben wollten, war das Grab leer.

Nach der Überlieferung des Johannesevangeliums kommt Nikodemus, ein heimlicher Anhänger Jesu, dagegen rechtzeitig zum Begräbnis und salbt den Leichnam mit Myrre und Aloe. Seine Salbung ist also noch aufwendiger und verschwenderischer als die in Bethanien.

Die Salbung steht für das ganze Evangelium. Sie ist ein prophetisches, priesterliches, königliches, ja ein messianisches Trostzeichen des heiligen Geistes.

Als Trostzeichen kennen wir sie aus Psalm 23: Da salbt Gott selbst. Und bei der Krankensalbung nach Jakobus 5,14 salben Menschen in Gottes Auftrag.

Ich selber habe Krankensalbungen erst im Krankenhaus schätzen gelernt. Es ist eindrucksvoll, wie ruhig auch schwer leidende Menschen werden, wenn sie vertraute Worte hören, die Berührung spüren und den Duft riechen.

Auch ein König wird gesalbt: David wird durch Salbung des Propheten Samuel zum König bestellt. Und der Davidsohn Jesus wird durch eine namenlose Prophetin zum Messias gesalbt, zum Christus, auf Deutsch: der Gesalbte des Herrn.

Jesus Christus wird auch mit dem Heiligen Geist gesalbt. Und dieser ist das Band der Liebe, das Gott und den Menschen verbindet. Fühlbar durch die Salbung verbindet es uns mit Christus, der in Bethanien gesalbt wurde und – für uns gestorben ist.

Fröhlicher Wechsel

Karfreitag. 10. April

So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! (2. Korinther 5,20)

Paulus droht nicht, sondern bittet und ermuntert. „Lasst euch versöhnen“ – das gilt für Menschen in und außerhalb der christlichen Gemeinden, die viel erdulden und aushalten müssen und nicht mehr glauben können, dass Gott oder irgendwer ihnen beisteht. Aber Jesus leidet mit. Denn er ist gerade zu denen gekommen, die nur noch rufen können: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Um das mit den Leidenden auszuhalten, ist Jesus gekommen. „Lasset euch versöhnen mit Gott“, ruft der Apostel Paulus den Korinthern zu, die sowohl mit ihm als auch untereinander zerstritten sind. Vielleicht haben sie dem Apostel entgegengehalten: Wir sind doch gar nicht mit Gott zerstritten, sondern nur mit dir und untereinander.

Doch Paulus bleibt dabei, uns alle „an Christi statt“ zu bitten und zu ermahnen. Er legt Wert darauf, dass nicht wir die Versöhnung schaffen (können), sondern dass Gott sie schon für uns geschaffen hat. Am Kreuz ist Gottes Versöhnung mit der Welt geschehen. Aber darüber gibt es im Neuen Testament verschiedene Erklärungsversuche. Der häufigste ist aus dem Alten Testament erwachsen: Gott hat einen Menschen eingesetzt zur Sühne für alles Unrecht und für sein Recht. Damit verharmlost Gott nichts, sondern nimmt sein Recht und uns ernst. Wir hätten es nach seinem Recht alle verdient, zu vergehen, denn keiner ist gerecht. Es hilft nicht, Schuld psychologisch und soziologisch weg zu erklären und zu behaupten, dass unser Streiten nur auf Missverständnissen beruhe. Gott bleibt bei seinem Maßstab. Sein Recht muss Recht bleiben. Alles andere hilft nicht weiter.

Aber Gott lässt nicht nur von Versöhnung reden, sondern setzt sich selbst ein, kauft uns frei, indem er selbst das Lösegeld gibt. Paulus deutet diesen Erklärungsversuch an: „Und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu“ (2. Korinther 5,19). Warum? Das ist Gottes wunderbares Geheimnis. Verstehen können wir es nicht. Er löst unser völlig überzogenes Konto einfach auf. Die Rechnung, die wir ohnehin nicht bezahlen können, gilt nicht mehr. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.

Auch der Apostel meint nicht, dies sei ein befriedigendes oder das einzige Verständnis. Deshalb deutet er es nur an und lässt auch eine weitere erstaunliche Erklärung zu Wort kommen: Gott lässt sich auf ein Tauschgeschäft ein. Am Kreuz geschieht der fröhliche Wechsel: Gott nimmt unsere Sünde auf sich und gibt uns seine Gerechtigkeit. Er zieht für uns den Kürzeren, durchbricht unsere Verstrickung in Schuld, nimmt unseren Platz ein. Er tritt in den Bannkreis unserer Sünde und holt uns so in das Reich seiner Gerechtigkeit. An dieses Tauschgeschäft erinnert Paulus.

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