Ganz anders, aber ganz Kirche

Die beymeister – neue Perspektiven für evangelische Gemeindearbeit in Köln
WunderWerk: Gemeindepädagogin Miriam Hoffmann im Laden, der jetzt Kirche ist.
Foto: epd/Jörn Neumann
WunderWerk: Gemeindepädagogin Miriam Hoffmann im Laden, der jetzt Kirche ist.

Sie schreiben sich klein, und sie verzichten auf große Gebäude, sie wollen einfach für und bei den Menschen im Stadtteil sein, aber dabei klar als Christen erkennbar. Könnte so die Kirche der Zukunft in den deutschen Städten aussehen? Der Journalist Wolfgang Thielmann hat das evangelische Gemeindeprojekt beymeister im Kölner Stadtteil Mülheim besucht und war beeindruckt.

Selma hat die Playlist zur Verfügung gestellt. Ihr Laptop steht auf der Fünfzigerjahre-Nussbaumanrichte an der Stirnwand gegenüber dem Schaufenster, zwischen Siebträger-Espressomaschine und Spendenbox für die Getränke. 15 Leute haben es sich im Raum auf den Fünfzigerjahre-Sofas und -Sesseln mit den Nussbaum-Armlehnen bequem gemacht und davor auf den Teppichkissen mit Persermustern. Selma erzählt zur Eröffnung des Abends die Geschichte vom weißen Hirsch mit dem goldenen Geweih. Auf den Tischchen brennen Kerzen zwischen den Gläsern mit Bio-Limonade und Tee. Heute findet „WerksKunst“ statt, ein Abend des Projekts beymeister mit Beiträgen der Teilnehmer.

Die beymeister schreiben sich klein und sind Kirche, auch wenn es nicht so aussieht. Sie nehmen Kontakt auf zu Milieus, die die Kirche verloren hat. Die Idee dahinter stammt aus England, wo die Säkularisierung viel weiter ist als hierzulande. Dort hat die anglikanische Staatskirche inzwischen eine Reihe Initiativen gestartet, um neu auf Menschen zuzugehen. Dazu, so haben viele Theologen eingesehen, muss sie sich selber öffnen für die Lebenswirklichkeit der Menschen.

Eine inzwischen große Erneuerungsbewegung kam 2004 in ihren Reihen und in der Methodistischen Kirche auf. Sie heißt „Fresh Expressions of Church“, abgekürzt „Fresh X“. Das frühere Oberhaupt der Anglikaner, Erzbischof Rowan Williams, hat die Bewegung gefördert. Sebastian Baer-Henney, der Pfarrer der beymeister, lernte sie kennen, als er ein Jahr in der All Souls Church im Herzen Londons zubrachte. Heute hat er eine Stelle in der Evangelischen Kirchengemeinde im rechtsrheinischen Köln-Mülheim und ist verantwortlich für die beymeister, zusammen mit der Gemeindepädagogin Miriam Hoffmann. Die beymeister treffen sich in einem früheren Laden in der Wallstraße im rechtsrheinischen Köln in Mülheim.

Selma bekommt Applaus. Sie hat Erzählkunst studiert. Drei Tage die Woche arbeitet sie in der Koordinierungsstelle Kulturelle Bildung in der Ruhrgebietsstadt Mülheim, die sich genauso schreibt wie der Kölner Stadtteil. Sie hat den Abend vorbereitet, zusammen mit dem Sozialarbeiter Ulf. Der hat als einziger seinen dreizehnjährigen Sohn mitgebracht. Nach der Geschichte spricht sie über einen Satz aus dem Propheten Jesaja Kapitel 49, Vers 18: In meine Hände habe ich dich gezeichnet. „An meiner Hand hat Vieles mitgezeichnet“, sagt sie, „zum Beispiel mein Surfkurs am Gardasee.“ Das erinnert Ummut in der ersten Reihe an etwas, er erzählt es seinem Nachbarn. „Komm nach vorne“, lockt sie ihn, und sagt laut: „Er traut sich wieder nicht!“ Die beiden kennen sich. Jetzt traut sich Ummut und erzählt, was ihm seine Mutter beigebracht hat: Legt man die Handinnenflächen aneinander, kann man das Wort „Allah“ lesen. Die meisten legen die Handflächen aneinander. Die einen lesen „Allah“, die anderen nichts. „Ist von meiner Kindheit“, sagt Ummut. Selma nimmt das auf. Sie erzählt von ihrer türkisch-muslimischen Mutter und ihrem deutsch-christlichen Vater.

Sie fand die beymeister auf der Suche nach einer Bühne, auf der sie ihre Erzählungen ausprobieren kann. Dann schlug sie vor, Abende mit Beiträgen von Besuchern zu machen, aber nicht mit dem Konkurrenzhintergrund von Kleinkunstwettbewerben. Der Titel kam dann von Hoffmann und Baer-Henney. Dass die beymeister Kirche sind, ist für sie okay: „Ich bin nicht religiös erzogen worden. Aber ich fand die Personen total sympathisch und auch das Projekt. Und je mehr ich sie kenne, denke ich: Community building sollte die Aufgabe aller Kirchen und Organisationen sein.“ Ulf stimmt einen Rap an über „tolle Muttis“, die bleiben, wenn sich der Vater aus dem Staub macht. Ute ist mit gerollten Papierbögen gekommen, „was für die Augen; ich bin nicht so die Wortkünstlerin“, sagt sie und entrollt angefangene Kunstwerke. Sie hängt sie an der Wand neben der Tür auf. Alle sollen sie mit zu Ende bringen. Dann sollen die Bögen hier hängen bleiben. Es gehört zum Konzept, dass die Leute, die dabei sind, alles selber gestalten, auch den Laden und die Einrichtung.

Die beymeister wollen Kirche an der Seite der Menschen sein. Den Namen haben sie bei Martin Luther gefunden. Er bezeichnet die Versammlung der Zunftmeister im Mittelalter. Jeder konnte Vorstellungen und Probleme auf den Tisch legen. Die anderen, die „Beymeister“, berieten ihn. Doch der Meister blieb Herr seiner Entscheidungen. Handwerker gestalteten so den Zunft-Alltag gemeinsam, „weil sie erkannten, dass es wertvoll ist, gemeinsam und auf gleicher Augenhöhe unterwegs zu sein“, heißt es auf der Homepage des Projekts. Heute laute die Frage: „Was brauchen Menschen, die gemeinsam urbanes Leben im selben Stadtteil teilen, und was wünschen sie sich dabei von Kirche? Die Antworten werden gemeinsam entwickelt und gemeinsam gelebt.“ Das Projekt erreicht um die 500 Menschen. Fünfzig zählen zum harten Kern, schätzt Baer-Henney. „Die Menschen sind selber Meister ihres Lebens, auch ihres Lebens mit Gott“, sagt er. „Unsere Aufgabe ist, auf sie zu hören, sie zu begleiten und zu verbinden.“ Miriam Hoffmann ist überzeugt, „dass Gott bei den Menschen ist. Wir helfen ihnen, Gott in ihrem Leben zu deuten.“

Mit Espressomaschine an den Rhein

Schon beim Raum haben sie die Beteiligten gefragt, wie er aussehen muss, damit sie sich wohl fühlen. Nichts vorsetzen, nichts vorschreiben. Im Laden, in dem sie sich treffen, nehmen ein Schaufenster und die Glastür daneben eine Schmalseite ein. Auf dem Fensterglas, das während der „WerksKunst“ anläuft, steht noch „Maßanfertigung – Änderungsatelier“ vom früheren Pächter. Zwei Wände sind verputzt, die dritte zeigt rohe Ziegel. Einer davon, unter den Bildern an der Galerieleiste, leuchtet golden. Die Möbel stammen aus den Fünfzigerjahren, auch der Tisch, der normalerweise mitten im Raum steht, zum Beispiel, wenn donnerstags, beim „Homeoffice“, die Leute ins WLAN gehen und an ihren Laptops arbeiten. Auf der Anrichte steht eine richtig gute Espressomaschine. „Weil wir ja wir sind und ohne Kaffee nicht können“, heißt es im Newsletter.

Mit Kaffee begann es 2015. Als Hoffmann und Baer-Henney mehrere Monate überlegt, gebetet und gefragt hatten, wo sich Menschen in ihrem Viertel versammeln, haben sie sich mit einem grünen Sofa und der Espressomaschine an die Rheinpromenade gesetzt und zum Verweilen eingeladen. Allmählich wuchs mit denen, die sich interessierten, ein Konzept. Oder soll man besser sagen: ein Weg? Es gibt keine Jahresplanung, sagt Miriam Hoffmann. „Wir planen zwei- bis dreimal im Jahr. Fast nichts läuft durchgängig. Themenreihen haben höchstens fünf Teile.“

Das Angebot soll passen und sich nicht verselbstständigen. Denn die Frage lautet ja: Was brauchen die Menschen? Die Antwort in Köln-Mülheim, sagt die Homepage, „lautet zur Zeit: Ein Wohnzimmer für den Stadtteil. Ein Wohnzimmer für die Bewohner Köln-Mülheims, das von seinen Bewohnern gefüllt und belebt wird. Ein Raum für Kreativität, für Künstler und für Glaube. Ein Raum für gemeinsames Suchen nach Ausdrucksformen von Spiritualität – ein Unterwegssein auf gleicher Augenhöhe.“

Ähnliche Milieus zusammenbringen

Die beymeister hatten im vergangenen Jahr die Popgruppe „Someday Jacob“ zu Gast mit Kalifornien-Siebzigerjahre-Folk-rock, die Sängerin Sarah Brendel, den Künstler und Talkmaster Gofi Müller. Viermal haben sie einen Hof-Garagen-Treppenhaus-Flohmarkt im Viertel organisiert. „Das Wohnzimmer im Laden dient auch dazu, dass Beziehungen entstehen zwischen Menschen, die ähnliche Ansichten haben wie ich, zu denen ich also mit meinen Lebensfragen kommen kann“, sagt Baer-Henney. Das klingt nach einem Gedanken, der in der Fresh X-Bewegung eine Rolle spielt, aber der in der Volkskirche erst spät Widerhall fand: Soll man bewusst und geplant Menschen mit ähnlichen Ansichten, aus ähnlichen Milieus und mit gleichen Interessen zusammenbringen? Der Vater des Gedankens war der in Indien als Missionarssohn geborene US-Theologe Donald McGavran. Er entwickelte in den Jahren, in denen die Möbel im beymeister-Laden gebaut wurden, das „Homogeneous-Unit-Prinzip“. Es empfiehlt Gemeindeaufbau durch Gruppen mit gemeinsamem Interesse. In der evangelikalen Bewegung verbreitete sich der Gedanke. Er gab der Landeskirchlichen Gemeinschaftsbewegung Gründe, als diese vor Jahren begannen, neben den an die Kirche angebundenen Gemeinschaften auch eigene Gemeinden mit Sonntagsgottesdiensten zu gründen.

Die Volkskirche hielt lange den Anspruch aufrecht, alle Menschen zu versammeln. Untersuchungen der evangelischen Kirche zeigten jedoch, dass auch die Volkskirche nur bestimmte Gruppen erreicht, auch, weil ihre Kultur modernen Milieus fremd ist. 2006 veröffentlichte die evangelische Kirche unter dem Ratsvorsitz des Bischofs Wolfgang Huber ein Impulspapier unter dem Thema „Kirche der Freiheit“ und empfahl darin, den Anteil von „Profilgemeinden“ bis 2030 auf ein Viertel aller Gemeinden auszuweiten, „damit die evangelische Kirche vital bleibt und ihre Wachstumskräfte steigern kann“. Pfarrer fühlten sich kritisiert, und Theologen liefen Sturm gegen das Dokument und seine Absicht, Wachstumswillen in der Kirche wachzurufen.

Beispiele wie die beymeister zeigen, dass der Impuls des Papiers trotzdem wirkt. Die beymeister wollen eine von vielen Formen der Kirche sein. Es gibt Abendmahl, freitags um sieben Uhr früh. Und Gottesdienste. Wenn Kinder dabei sind, heißen sie „Chaoskirche“, weil es turbulent zugeht. Eingeteilt in Zehn-Minuten-Einheiten jeweils für die verschiedenen Gruppen. Damit jeder etwas mitnehmen kann. „Wir sind immer klar als Christen erkennbar“, sagt Miriam Hoffmann. „Ein bisschen fühlen wir uns wie eine geistliche Gemeinschaft aus dem Kloster, die rausgegangen ist, um mit den Menschen zu leben. Aber es ist immer klar, aus welcher Keimzelle das entstanden ist.“ Einmal haben sie im Viertel Wegweiser zum Gottesdienst auf das Pflaster gesprüht. Er findet in der evangelischen Kirche statt, wenige hundert Meter entfernt vom Laden.

Baer-Henney ist dort seit eineinhalb Jahren Pfarrer. Das Verhältnis zwischen Kirche und beymeister ist förderlich-entspannt. Etwas versteckt finden sie sich auf der Homepage der Gemeinde, unter den Projekten, zwischen Peters Großstadtgrün und den Angeboten für Flüchtlinge. Die Gemeinde unterstütze das Projekt, denn die beymeister seien „eine Gemeinschaft für jene, die sich in einer Kirchengemeinde nicht heimisch fühlen“, heißt es im wohlgesetzten Kirchensprech. „Mit einer klassischen Kirchengemeinde können viele von ihnen aber nichts anfangen, weil sie nicht ihren Lebensgewohnheiten entspricht.“ „Wir sehen uns der Kirche verpflichtet“, sagt Baer-Henney. Und die Kirche genieße ein gutes Ansehen bei den Besuchern des Ladens. „Die Leute denken total positiv über die Kirche. Kirche macht gute Angebote, finden sie – für andere Leute als sie.“ Man könne beide Formen von Kirche aber nicht gegeneinander ausspielen.

Die Evangelische Kirche im Rheinland, die Baer-Henney beschäftigt, ist inzwischen ein bisschen stolz auf die beymeister, nachdem sich das Projekt herumgesprochen hat. Hinweise darauf schmücken die Vorworte von Publikationen und die Homepage der Landeskirche. Seit Oktober 2019 bezuschusst sie auf Antrag Projekte wie das aus Köln, sie nennt sie „Erprobungsräume“. Hoffmann und Baer-Henney empfangen Besuchergruppen und gehen auf Reisen, um die Idee hinter dem Projekt zu erklären. „Entwickeln Sie Ihre Vision“, rät er Besuchern. Hoffmann übrigens ist nicht bei der Kirche angestellt, sondern bei „WunderWerke“ in Essen. Früher hätte man diese ein „freies Werk in der Kirche“ genannt. Jetzt sind „WunderWerke“ eine Beratungs- und Dienstleistungsagentur für Kirchen. Die gewachsene Fresh X-Bewegung hat inzwischen ein Büro in Berlin, bei der „Arbeitsstelle midi“, der früheren Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste, unter dem Dach der Diakonie.

Wie geht es weiter? Im letzten Newsletter des alten Jahres freuten sich Hoffmann und Baer-Henney, dass die Leute in sechs Wochen mehr als dreitausend Euro gesammelt haben. Das deckte die Finanzlücke. Zum ersten Mal haben sie im Laden Weihnachten gefeiert. „Jetzt“, sagt Baer-Henney, „müssen wir klären: Wie halten wir die beymeister offen und werden keine geschlossene Gesellschaft? Wie fange ich neu an, ohne das Alte aufzugeben?“ Als die „WerksKunst“ im Laden an der Wallstraße zu Ende geht, erzählt Miriam die Geschichte vom goldenen Mauerstein. Die Leute wollten über Tod und Sterben sprechen. Alle, die erzählten, berichteten auch über schöne Momente mitten im Schmerz. Eine Besucherin fand, die Erinnerung daran müsse man aufheben. Also hat eine Künstlerin unter den Teilnehmern einen Stein in der Wand leuchtend golden eingefärbt.

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