Gott mitten im Leben

Bonhoeffers Gelassenheit täte dem Protestantismus heute gut

Am 9. April jährt sich der Todestag von Dietrich Bonhoeffer zum 75. Mal.  Bonhoeffer wurde aufgrund seiner Beteiligung am Widerstand gegen Adolf Hitler verhaftet. Er fristete für fast zwei Jahre ein hartes Leben im Gefängnis mit vielen Entbehrungen und Schikanen. Und doch schrieb er gerade in dieser Zeit Briefe, die unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ bis heute in der ganzen Welt gelesen werden und für die religiöse Praxis wie die wissenschaftliche Theologie wichtige Impulse gegeben haben.

Bonhoeffer zeigt sich in seinen Briefen nicht nur menschlich – voller Sehnsucht, leidend unter Einsamkeit, Zweifel und manchmal auch Depression –, sondern  zugleich als ein Mensch mit einer großen inneren Stärke. Er wurde von einem  Glauben getragen, der sich ganz der Welt zuwendet und das Leben trotz allem  Schmerz zutiefst bejaht. Seine Weltzuwendung, sein Ja zum Leben in einer Situation äußerster Bedrohung, seine Freude am Sinnlichen und seine Dankbarkeit für alles Gute mitten in allem Widrigen sind besonders beeindruckende Facetten von  Bonhoeffers Leben und Theologie.

Friedrich Nietzsche warf dem Christentum vor, sich nicht nur den Schwachen zuzuwenden, sondern Schwäche selbst in lebensverneinender Weise zu glorifizieren. Bonhoeffer verarbeitete diese Kritik in seiner Theologie, in der er Gott weniger an den Grenzen als vielmehr in der Mitte des Lebens suchen wollte. Gott ist für ihn kein Lückenbüßer, der erst dann die Bühne betritt, wenn wir selbst nicht mehr weiter-wissen. Für Bonhoeffer ist es geradezu „pfäffisch“, sich lustvoll auf Schwäche und menschliches Versagen zu fokussieren, um Gott als Lösung ins Spiel bringen zu können. Er schreibt: „...nicht erst an den Grenzen unserer Möglichkeiten, sondern mitten im Leben muß Gott erkannt werden; im Leben und nicht erst im Sterben, in Gesundheit und Kraft und nicht erst im Leiden, im Handeln und nicht erst in der Sünde will Gott erkannt werden.“

Bonhoeffer vertrat eine selbstbewusste Theologie, die den Menschen nicht klein machen muss, um Gott groß zu machen, sondern bereit ist, realistisch nicht nur das Negative und Schwache, sondern auch das Schöne und Starke im  menschlichen Leben wahrzunehmen. Er verwies auf Jesus, der sich den Kranken und Sündern zuwandte, um sie gesund zu machen und ihnen wieder Kraft zu geben, nicht um Krankheit und Schwäche zu verklären.

Für Bonhoeffer war es kein Widerspruch, Schmerz und Freude zu erleben. Beide großen Gefühlen können nebeneinander bestehen. Beide rufen uns in die Gegenwart - nur dort ist das Leben zu finden. Bonhoeffers  Gegenwartsorientierung ist dabei nicht selbstbezogen, sondern resonanzsensibel und verantwortungsbewusst. Er schreibt: „Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

Es täte dem Protestantismus unserer Tage gut, sich in dieser Gelassenheit, in dieser diesseitigen Freude am Leben zu üben, um gerade so couragiert denen beistehen zu können, die auf Hilfe angewiesen sind. Denn Gott ist mitten im Leben, in Glück und Gefahr, in der Fülle der Aufgaben für eine bessere Welt zu finden.

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