Zwiespältig

Neues über Margarete Schneider

Die umfangreiche, lebendig geschriebene Biografie Margarete Schneiders (1904 – 2002) hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Zum einen steht dem Neffen von Margarete und Paul Schneider eine reiche Familienüberlieferung zur Verfügung, so dass er bislang unbekannte Briefe, Tagebucheintragungen und Dokumente heranziehen und veröffentlichen kann; zum anderen macht ihn die familiäre Nähe befangen, so dass er kaum kritisches über seine Verwandten schreibt, was besonders auffällt, wenn er die Lebensläufe der sechs Kinder von Paul und Margarete Schneider mitteilt. Unangenehm berührt, wenn er erzählt, dass Margaretes Vater mit einem ihrer Brüder an die Orte reiste, „an denen deutsche Soldaten sich im Siebzigerkrieg so tapfer erwiesen hatten“, wenn im Zusammenhang mit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 vom „Heldentod“ eines Verwandten die Rede ist, den die Eltern, „ein edles Offizierspaar“, in „stolzer Trauer“ getragen haben. Erst wenn der Autor über den Ersten Weltkrieg schreibt, stellt er wenigstens distanzierende Fragen zur Kriegsbegeisterung des Großvaters.

Gründlich und differenziert wird das Buch, wenn vom Widerstand Margarete und Paul Schneiders gegen Praxis und Ideologie der Nazis und vor allem der sogenannten Deutschen Christen berichtet wird. Waren beide Anfang 1933 begeistert von Hitler, schrieb bereits im Juni ein Nazi-Funktionär einen Beschwerdebrief an den zuständigen Superintendenten über eine Predigt Paul Schneiders. Sie sei „eine einzige Angriffspredigt gegen die Deutschen Christen“. Dabei war Schneider den Deutschen Christen gerade erst beigetreten. Noch im Herbst 1933 trat er wieder aus. Mit der Zwangsversetzung im Frühjahr 1934 von Hochelheim nach Dickenscheid und Womrath auf dem Hunsrück begann die systematische Überwachung und Verfolgung Paul Schneiders. Im Juni wurde er zum ersten Mal verhaftet.

Von dem Zeitpunkt an, da Paul Schneider von den Nazis verfolgt wurde, steht Margarete zunehmend im Mittelpunkt des Buches, während wir über ihre Jugend- und vor allem über ihre Verlobungszeit weniger erfahren als über Pauls Entwicklung, Skrupel und Sorgen zur selben Zeit.

Am Schicksal der Familie Margarete und Paul Schneiders, ihrer Verwandten und ihrer Kirchgemeinden gelingt dem Autor eine differenzierte Darstellung der Bekennenden Kirche in ihren unterschiedlichen Ausprägungen. Er zeigt zugleich, wie der Riss zwischen Zustimmung zu den Nazis und ihrer Ablehnung mitten durch die Familien ging. So hatten viele von Margaretes Verwandten wenig Verständnis für den kompromisslosen Weg ihres Mannes. Die Gemeinden Dickenscheid und Womrath hielten zur Frau ihres Pfarrers. Die Bekennende Kirche Deutschlands unterstützte sie nach der Ermordung ihres Mannes. So konnte sie 1940 mit den Kindern in ein von der Bekennenden Kirche für sie gekauftes Haus nach Elberfeld ziehen. Nach dem Krieg übernahm sie viele Aufgaben in der Frauen-, Pfarrwitwen- und Familienarbeit. Auf ihren Vortragsreisen, die sie auch in die DDR führten, ging es ihr natürlich um das Zeugnis ihres Mannes, aber sie sprach auch darüber, was Christ-Sein gegenwärtig bedeute. Sie hatte keine Berührungsängste zu jungen Menschen und ermunterte, auch durch eigenes Beispiel, zur Versöhnung. Bis ins hohe Alter nahm sie aufrichtig Anteil an der kirchlichen und gesellschaftlichen Entwicklung.

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