Mit Moral gegen Moralisierung

Warum die Kirche Akteurin der Entmoralisierung sein sollte
Francesco Clemente (geboren 1952): „Tender lie“, Gemälde, 1984.
Foto: akg
Francesco Clemente (geboren 1952): „Tender lie“, Gemälde, 1984.

Häufig wird die evangelische Kirche einer überzogenen Moralisierung bezichtigt. Diesem Vorwurf könnte besser begegnet werden, wenn kirchliche Akteure auf  die öffentliche Verteilung von Achtung und Missachtung verzichten würden, meint der Theologe Horst Gorski. Er ist Vizepräsident im EKD-Kirchenamt und Leiter des Amtes der VELKD in Hannover.

Moral ist allenthalben. Viel ist geschrieben worden über die Moralisierung der Politik und der öffentlichen Diskurse. Aber was bedeutet es für das Reden und Handeln der Kirche, in Zeiten allgegenwärtiger Moralisierung zu leben? Kann sich die Kirche doch am allerwenigsten von Moral dispensieren, denn ihr Grundimpuls des Evangeliums, Gott und die Menschen zu lieben, ist ein zutiefst moralischer Impuls. Der christliche Glaube ist nicht denkbar ohne seine Früchte: „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ (Galater 5,22f.) So wenig die Kirche einfach eine „Werteagentur“ ist, so ist sie doch mit ihrer ganzen Existenz an die Welt gewiesen. Die Fragen „Wie wollen wir leben?“ und „Was dürfen wir hoffen?“ haben sie unausweichlich zu beschäftigen.

Der Soziologe Niklas Luhmann schrieb bereits 1989 in „Ethik als Reflexionstheorie der Moral“, dass es sich bei der Moral „um einen hochinfektiösen Gegenstand“ handele, „den man nur mit Handschuhen und mit möglichst sterilen Instrumenten anfassen sollte.“ Diese hellsichtige Bemerkung kann man auf die gegenwärtige Durchtränkung aller Diskurse mit Moral beziehen. Präziser aber noch beschreibt sie, dass jeder Diskurs über Moral dazu geeignet ist, statt zur Entmoralisierung, zu einer neuen Eskalationsstufe der Moralisierung beizutragen. Sprich: Indem man Moralisierung beklagt, moralisiert man selbst. Deshalb sollen in diesem Beitrag die spröden Luhmannschen Systembegriffe als die „sterilen Instrumente“ dienen, mit denen der Gegenstand der Betrachtung angefasst wird.

Nach Luhmann ist es Kennzeichen der Moderne, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche wie beispielsweise Religion, Moral, Wissenschaften, Recht, Politik, Künste als eigenständige Sozialsysteme ausdifferenziert sind. Das bedeutet, dass ihre Funktionscodes nicht mehr vermischt, sondern unterschieden werden. Konkret: In der Vormoderne wurde der Funktionscode der Moral „Achtung/Missachtung“ auf alle anderen Systeme bezogen. Eine unliebsame wissenschaftliche Erkenntnis, die politische Opposition oder eine künstlerische Richtung wurden je nach Belieben mit Achtung oder Missachtung belegt, für erlaubt oder für verboten oder ketzerisch erklärt. Es ist der entscheidende zivilisatorische Fortschritt der Moderne, dass die Funktionscodes der verschiedenen gesellschaftlichen Sozialsysteme nun unterschieden werden, das heißt, dass zum Beispiel die Wissenschaft nach ihrem eigenen Funktionscode „wahr/falsch“, die Kunst nach „ästhetisch/nicht ästhetisch“ funktionieren dürfen und dass die Opposition nicht mehr mit einem Bein im Gefängnis steht. Die Unterscheidung der Funktionscodes der ausdifferenzierten Sozialsysteme ist eine unverzichtbare Grundlage für das Funktionieren des modernen demokratischen Rechtsstaats.

„Moralisierung“ bedeutet in dieser Begrifflichkeit, dass der Funktionscode der Moral „Achtung/Missachtung“ wieder auf nahezu alle Diskurse in allen Sozialsystemen der Gesellschaft angewandt wird. „Wenn du eine andere Meinung hast als ich (politisch, wissenschaftlich, künstlerisch, religiös), missachte ich dich.“

Als Katalysator der Geschwindigkeit dieses Prozesses dienen derzeit die digitale Kommunikation und die Personalisierung der Diskurse. Die digitale Kommunikation hat zu einer Ausrichtung der Diskurse an ihrem eigenen Code „meine Beobachtung/deine Beobachtung“ geführt. Die Ausrichtung an Vernunftgründen oder an der Prüfung von Sachverhalten, wie wir sie seit der Aufklärung kannten, tritt dahinter zurück. Bei der Frage etwa, ob der Islam zu Deutschland gehöre, wurde keine Klärung von Kriterien oder Sachverhalten vorgenommen, an denen entlang sich diese Frage beantworten ließe. Vielmehr führte sie zu einer Endlosschleife des Austauschs von beliebigen Behauptungen, die die Akteure mit gegenseitiger Achtung oder Missachtung belegten. Darin ist die Personalisierung bereits angelegt, weil der Funktionscode „meine Beobachtung/deine Beobachtung“ alles, was an Vernunftgründen vorzubringen wäre, wie in einem Sog auf die beteiligten Personen ausrichtet.

Die Funktion dieser Moralisierung ist die Stabilisierung der Gesellschaft. Nach dem dritten Newtonschen Gesetz der Wechselwirkung ist die Summe aller Kräfte in einem System gleich null. Das heißt, jedes System stabilisiert sich von selbst. Das gilt immer. Aber es hat unterschiedliche Folgen. Beispielsweise beruht ein Erdbeben auf dem eruptiven Kräfteausgleich zweier Erdplatten, zwischen denen sich eine Spannung aufgebaut hatte. Für die Menschen, die auf diesen Erdplatten leben, ist dieser eruptive Stabilisierungsvorgang freilich eine Katastrophe. So ähnlich verhält es sich auch mit der Stabilisierung durch Moralisierung. Sie stabilisiert, indem sie Eindeutigkeiten schafft. Wenn Achtung und Missachtung klar verteilt werden, wird eindeutig, wer Freund und wer Feind ist.

Die Geschwindigkeit, mit der solche Zuschreibungen in der digitalen Kommunikation geschehen, hat etwas Eruptives. In Bruchteilen von Sekunden werden Menschen mit Achtung oder Missachtung überzogen, noch bevor die Chance bestand, Sachverhalte und Vernunftgründe zu prüfen und zur Geltung zu bringen. Systemisch liegt hier der Grund für die erhebliche Polarisierung, die mit der Moralisierung einhergeht. Dass diese Polarisierung systemisch aber gleichzeitig ein Stabilisierungsvorgang ist, macht ihre hohe Attraktivität aus. In der Unübersichtlichkeit und vermeintlichen Unsteuerbarkeit der Welt wird Übersichtlichkeit geschaffen und wird die Steuerung selbst in die Hand genommen. Ich kann auf Politik und Wirtschaft so gut wie keinen Einfluss nehmen. Aber ich kann Achtung und Missachtung verteilen. Wenigstens das.

Unverhandelbare Gründe

Sich in diesen systemischen Bezügen zu verhalten, ist für niemanden einfach. Für die Kirchen aber ist es umso schwieriger, als sie Moral zur Geltung zu bringen haben und erleben, dass jede moralische Äußerung in den Sog von Moralisierung, Personalisierung und Polarisierung hineingezogen wird. Damit werden auch die moralischen Gründe unverhandelbar. Die Frage, wie wir leben wollen, wird verschüttet unter den kommunikativen Bedingungen der digitalen Gesellschaft.

Die Kirchen sollten und können Akteure der Entmoralisierung sein. Dazu müssen sie die scheinbar paradoxe Kommunikation leisten, als Instanzen der Moral gegen Moralisierung einzutreten. Denn nur so haben sie eine Chance, ihre moralischen Impulse in Diskurse zur Verhandlung über die Güter des Lebens einzubringen. Allerdings müssen sie dazu, im Bild gesprochen „Handschuhe“ anziehen und „sterile Instrumente“ benutzen, um nicht bloß die nächste Eskalationsstufe der Moralisierung einzuläuten. Konkret kann dies dadurch geschehen, dass man die Moralisierung nicht beklagt, sondern selbst anfängt, auf die Verteilung von Achtung und Missachtung zu verzichten. Einer muss anfangen, aufzuhören mit der Vermischung der Funktionscodes. Einer muss anfangen, die Funktionscodes der gesellschaftlichen Sozialsysteme wieder zu unterscheiden, wie es der Moderne ansteht und wie es der demokratische Rechtsstaat voraussetzt. Wer, wenn nicht diejenigen, die für moralische Impulse stehen? Aber was ist, wenn und solange dies gesellschaftlich nicht wirksam durchgreift?

Niklas Luhmann hat untersucht, welche Mittel die Vormoderne entwickelt hat, um mit der damaligen Vermischung der Funktionscodes und der damit verbundenen (hoch konfliktuösen) Integration der Gesellschaft durch Moral zurechtzukommen. Er stellt fest: Es wurde ein Verhaltenskodex des Taktes entwickelt. Achtung und Missachtung wurden verteilt. Aber man wahrte taktvoll die Möglichkeit des Gegenübers, sich als derjenige darzustellen, als der er gesehen werden wollte, um das darin enthaltene Konfliktpotenzial zu begrenzen. Die „Finesse“ in der Entwicklung eines taktvollen Umgangs wurde gesellschaftlich zu einem Ziel bürgerlicher Bildung, das moralisch geachtet wurde. Die polarisierende und destabilisierende Kraft der Moralisierung wurde eingehegt durch den taktvollen Umgang mit ihr. Solange die Entmoralisierung der Diskurse nicht gelingt, wäre immerhin dies eine Möglichkeit, bei der die Kirchen vorangehen könnten: Taktvoll mit unterschiedlichen Meinungen umzugehen.

Und ein Letztes: Da all diese Prozesse Selbststabilisierungsversuche inmitten von Veränderungen und Erschütterungen sind, können die Kirchen ihren Glauben an einen festen Grund des Lebens in ihrem Reden und Handeln zur Geltung bringen. Sie können selbst leben und darauf verweisen, dass der christliche Glaube Widerstandskraft gibt, „Resilienz“ wie man heute sagt, auch mit Uneindeutigkeiten und Taktlosigkeiten umgehen zu können, ohne den festen Grund unter den Füßen zu verlieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Theologie"