Rausch und Türme

Neues von Brainstory

Ein Freund, mit dem du geschmacklich weit gespannte Leidenschaft für Musik und stabile pophistorische Orientierung schon lange teilst, wird wohl als erstes Steely Dan dazu sagen. So der Gedanke. Was er prompt auch tut, als du ihm das Debutalbum der Newcomer Brainstory vorspielst. Dieselbe Eleganz und funkige Psychedelik, Leichthändigkeit und soulige Grundierung, dasselbe Händchen für pop-perfekte Arrangements, nur dass der Brainstory-Sound viel wärmer klingt, taufrisch. Bloß weil schon mal ein imposanter Turm in Babel gelang, heißt ja nicht, dass wir nicht weitere gut gebrauchen können. Und auch hier sind viele unterschiedliche Stimmen beim Bau vereint, wovon das Gewerk profitiert und beeindruckend in die Höhe strebt. Funk, Rock, Soul, immer wieder Latingrooves, Westküsten-Hippie-Chorgesang ebenso wie milder Rap-G-Funk von dort und durchaus auch Jazz, um nur einige zu nennen. Und zielstrebig wandern die Ziegel von Hand zu Hand: Der perfekte Soundtrack zum genüsslich einträchtigen Kopulieren, mild-fröhlich voneinander berauscht gut im Schlafzimmer (oder wo auch immer) dabei zu hören, aber auch sonst, was mutmaßlich den besonderen Reiz von Buck ausmacht. Und wenn die Protestanten unter uns nun hüsteln und Katholiken mit dem verschärften Trinken beginnen – so verlangen es jedenfalls die Klischees – Buck ist das sexuellste je an dieser Stelle präsentierte Album, pure Lust statt Gier, frenetisch unterschwellig, überaus begeistert, absolut gewaltfrei und dabei wunderbar entspannt und warm.

Wobei Buck verspielt unschuldiges Bocken, Toben und Ausschlagen von Fohlen meint, was laut Auskunft der Band für eine innere Einstellung, Lebensweise, für einen Seelenzustand stehen soll. Doch wie diese drei Brainstory-Jungs, die der Langeweile-Ödnis einer kalifornischen Kleinstadt einst gen L. A. entflohen sind, an diesen lässigen Spirit des epochalen Steely Dan-Albums Can’t Buy A Thrill (mit dem Mega-Hit „Do It Again“) gerieten und ihn sogar zu überbieten schafften oder überhaupt erst unentfremdet zu sich brachten, bleibt ihr Geheimnis, zumal sie laut Fama zuvor intensiv Hardcore-Punk hörten. Vielleicht teilen sie das Geheimnis ja mit ihrem Produzenten Leon Michels, Co-Chef des umtriebigen, jungen New Yorker Indie-Labels Big Crown Records, das man unbedingt im Auge behalten sollte. Hier nur einige Details zu den zehn herrlichen Buck-Songs: Breathe ist milder Rausch, Sorry reine Lounge Psychedelic, die an die XTC-Nachfolger Dukes of the Stratosphear gemahnt. In Reclaim irisiert TripHop-Schlurfen und -Verzögern. Das effektarme, sehr dichte Peter Pan pumpt Wärme und zerläuft mit jazziger Trompte, die in Lucid Dream wiederkehrt. Thank You zum Ausklang ist ultra-relaxter Dub-Soul – spiritueller Pointillismus. Und „Thank You“ sagen wir diesen mit allen Wassern gewaschenen Neophyten auch. Was für ein Debüt! Toll.

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