Der Osten des Westens

Ein Blick auf die Nordseestadt Wilhelmshaven, die immer kleiner wurde
Fliegerdeich
alle Fotos: Uwe Wohlmacher
Blick auf den „Fliegerdeich“ am westlichen Südstrand von Wilhelmshaven. Hier finden sich Relikte eines ehemaligen Seefliegerhorstes der Reichsmarine.

Bevölkerungsschwund gibt es nicht nur in Ostdeutschland. Auch in Wilhelmshaven an der Nordseeküste ist die Einwohnerzahl in den vergangenen Jahrzehnten um fast ein Drittel zurückgegangen. zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick wirft als Beifang zum Schwerpunktthema einen Blick auf seine Heimatstadt, in der es allem Schrumpfen zum Trotz auch Grund zur Hoffnung gibt.

Wer in Wilhelmshaven aus dem Zug steigt, läuft in Fahrtrichtung weiter, es gibt nur diese Richtung, denn Wilhelmshaven ist ein Sackbahnhof. Als ich neulich dort ausstieg, fiel mein Blick in die andere Richtung, dahin, wo die Schranken sind. Oft stand ich als Kind vor diesen Schranken, denn über die Bahnlinie, die zwischen Luisen- und Mitscherlichstraße mitten in der Stadt verläuft, musste ich hinüber, um zur Schule zu kommen.

 

Das hintere gute Drittel des Bahnsteigs in Richtung Schranken ist grün bewachsen, Gras und Sträucher wuchern aus dem Asphalt, ein Absperrschild warnt vorm Weitergehen. Dieses letzte Drittel des Perrons wird schon lange nicht mehr gebraucht. Früher, in den 1980-er-Jahren, war das anders. Da konnten wir in Wilhelmshaven in den Nachtzug nach Basel steigen, und ein paar Jahre lang hielten hier sogar Intercitys. Die waren deutlich länger als die zwei, drei Triebwagen der Nordwestbahn, die heute im Stundentakt die Linie über Oldenburg nach Osnabrück bedienen und dreimal am Tag bis Bremen. Seit Jahren werden die Gleise von Oldenburg nach Wilhelmshaven saniert. Seitdem gibt es am Wochenende Schienenersatzverkehr mit Bussen. 2025 soll alles fertig sein. Dann werden die ICs, die von Dresden über Berlin, Hannover und Bremen nach Norddeich Mole fahren, in Oldenburg „geflügelt“, und die eine Zughälfte fährt dann nach Wilhelmshaven.

Trutziges Germania                    

So hofft es jedenfalls Ursula Aljets. Sie war jahrzehntelang Diakonin in der Kirchengemeinde Wilhelmshaven-Bant und bis 2011 als engagierte SPD-Kommunalpolitikerin Mitglied im Rat der Stadt, zuletzt einige Jahre zweite Bürgermeisterin. Sie sagt: „Wilhelmshaven muss sich in jeder Generation neu erfinden.“ Geboren wurde die heute 75-Jährige noch im Zweiten Weltkrieg. Da gab es für Wilhelmshaven monströse Pläne: Die Nazis wollten die 1869 als preußischen Kriegshafen am Jadebusen gegründete Stadt zur „Stadt der 500 000“ ausbauen. Satellitenstädte rund herum waren schon geplant, ein trutziges Germania an der Nordseeküste.

Es kam anders. 1945 dachte die britische Besatzungsmacht sogar darüber nach, südlich der Wilhelmshavener Stadtgrenze einen Deich zu errichten, die bestehenden Deiche zu zerstören und die Kriegshafenstadt zu fluten. Glücklicherweise starb der britische Kommandeur, der diese Pläne favorisierte, bald nach Kriegsende. Sein Nachfolger versuchte es anders. Er sagte: „Wir verbieten Euch, seewärts zu blicken!“

 

Wilhelmshaven sollte ein Zentrum der Textilindustrie werden. Ein vielversprechender Gedanke, denn große Teile des zuvor im polnischen Lodz angesiedelten Textilgewerbes waren 1945 nach Wilhelmshaven gekommen, hier gab es genug leerstehende Marinebauten, die zivil umgenutzt werden konnten: Müller und Raschig, die Kammgarnspinnerei Wilhelmshaven – kurz KSW, alles vertraute Namen meiner Kindheit. Dazu aus Erfurt die Schreibmaschinenfirma Olympia, die rasch expandierte. 1961 stammte jede zweite Schreibmaschine in Deutschland von Olympia, und die meisten wurden in dem Werk in Roffhausen vor den Toren Wilhelmshaven produziert. 1970 arbeiteten dort 13 000 Menschen!

Auch das Verbot der britischen Besatzungsmacht, seewärts zu blicken, hielt nicht lange, denn die Welt entwickelte sich anders als gedacht. 1956 gab es die Marine wieder, und die 1949 gesprengte vierte Einfahrt des Kriegshafens wurde wieder aufgebaut. Bis heute ist Wilhelmshaven der größte Marinestandort in Deutschland. Anfang der 1970-er-Jahre besiedelten dann noch Chemiekonzerne den riesigen Voslapper Groden im Norden der Stadt. Da Wilhelmshaven über den einzigen Tiefwasserhafen Deutschlands verfügte, entluden dort Öltanker ihre Fracht – ein Fünftel der deutschen Ölversorgung lief über die Stadt am Jadebusen. Eine Stadt auf dem Weg nach oben!

 

Als ich 1972 eingeschult wurde, hatten wir 104 000 Einwohner. Wir waren Großstadt. Als ich 1985 dort Abitur machte, lagen wir schon wieder knapp unter 100 000. Aufgrund der Rezession ab 1980 mussten die Wilhelmshavener Unternehmen immer wieder Leute entlassen. Auch hielten die Chemiefirmen auf den Voslapper Groden nicht ihre großspurigen Beschäftigungsversprechen, die sie abgegeben hatten, um hohe Subventionen zu kassieren.

Nach einem euphorischen Jahrzehnt wurde die Luft Anfang der 1980-er-Jahre dünner. Unser damaliger dynamischer Oberstadtdirektor geriet unter Verdacht unlauterer Machenschaften im Zusammenhang mit der Industrieansiedlung. Er strengte, von Enthüllungen in die Enge getrieben, schließlich ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst an und musste sein Amt aufgeben. Aufregende Zeiten, die uns als Schüler politisierten. Begierig warteten wir darauf, was im alternativen Blättchen Gegenwind oder in der Juso-Postille Rotdorn für Lokalskandale aufgedeckt wurde.

Gescheiterte Kooperation

1991 kam der große Knall: Die Olympiawerke mussten schließen! Tausende verloren ihre Jobs, und die Arbeitslosenquote betrug mehr als 15 Prozent. Auch die deutsche Einheit brachte Wilhelmshaven kein Glück, da angestrebte Kooperationen mit ostdeutschen Betrieben scheiterten und weitere Arbeitsplätze verloren gingen. Auch die Marine musste Federn lassen. Die Einwohnerzahlen rauschten in den Keller, viele Wohnungen standen leer. Als dies geschah, war ich längst nicht mehr da, denn 1987 hatte ich die Stadt zum Studium verlassen. Irgendwann, so Mitte der 2000-er-Jahre, erschreckten uns Nachrichten, dass in Wilhelmshaven rostende Straßenlaternen abgesägt werden müssten, weil es kein Geld mehr gab, sie zu erneuern. Ja, Wilhelmshaven, das aufgrund seiner Randlage am Meer schon vor 1989 manchmal scherzhaft als Zonenrandgebiet bezeichnet wurde, war gefühlt der Osten des Westens.

 

1994 begann Pastor Frank Morgenstern seinen Dienst in der Christus- und Garnisonkirche in Wilhelmshaven. Der heute 57-Jährige begründete die Gottesdienstreihe Passionspunkte – das heißt, es wurden in den sieben Wochen vor Ostern Andachten an wunden Punkten der Stadt abgehalten. 2001 hielt Morgenstern so eine Andacht vor einem viergeschossigen Miethaus in der Südstadt in Wilhelmshaven, weil es komplett leerstand, nachdem die letzten Mieter ausgezogen waren. Heute, knapp zwanzig Jahre später ist die Ecke saniert und wieder bewohnt, auch wenn die Einwohnerzahl Wilhelmshaven sich seit einiger Zeit bei gut 70 000 Menschen eingependelt hat – fast ein Drittel weniger als Mitte der 1970-er-Jahre!

„In Bewegung geraten“

Was ist los? Frank Morgenstern hat in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren erlebt, dass städtebauliche Projekte die Schrumpfung der Stadt klug auffingen. Anders als früher arbeiten heute viele Akteure in der Stadt zusammen, weil sie einsehen, dass Gegeneinander keinen Sinn hat. So ist eine alternative Kunst- und Musikszene entstanden, und – auch wenn die Zahlen noch bescheiden sind – der Tourismus in Wilhelmshaven ist spürbar angestiegen. Morgenstern ist überzeugt: „Unsere Stadt ist in Bewegung geraten.“ Das lohnt sich, denn Wilhelmshaven ist wunderschön und verfügt mit dem Südstrand über den einzigen deutschen Strand „mit Südblick“, wie die ehemalige Ratsfrau Ursula Aljets sagt.

Pastor Morgenstern hofft auch, dass sich auf Sicht noch einige der über 7 000 Studierenden der Fachhochschule Wilhelmshaven dauerhaft als Wohnbürger nach Wilhelmshaven locken lassen. Bisher pendeln die meisten aus dem weiteren Umland nach Wilhelmshaven, viele leben lieber in der attraktiven Universitätsstadt Oldenburg, die nur fünfzig Kilometer entfernt ist. Wenn die Studierenden in Wilhelmshaven sesshafter würden, dann hätte im Kulturleben die „Oberherrschaft der Grauköpfe“ ein Ende. Zurzeit sei es noch so: „Du bietest etwas an für junge Leute, und es kommen alte Leute.“

Ursula Aljets macht der neue Hafen Hoffnung, der JadeWeserPort, der 2012 eröffnet wurde. In Wilhelmshaven können ja die ganz großen Pötte anlegen, riesige Containerschiffe, die für Bremerhaven und Hamburg zu groß sind. Der Betrieb lief zunächst schleppend an, doch seit ein paar Jahren wird es besser. Bisher sind nur ein paar hundert Arbeitsplätze entstanden, aber wenn der Hafen mit der Zeit mehr verarbeitende Industrie anzieht, werden es mehr werden. Ursula Aljets, die Ur-Wilhelmshavenerin: „Wenn man die Sache mit dem Hafen in den Griff kriegt, dann bin ich zuversichtlich.“

Und dann, so hoffe ich, der Exilant, für meine Heimatstadt, wird man auch auf dem Bahnsteig wieder Unkraut jäten müssen…

Die Fotos entstammen dem Projekt „150 Bilder einer Stadt“ des Fotografen und Journalisten Uwe Wohlmacher. Eine Ausstellung der Bilder ist bis zum 31. Mai 2020 im Ratrium, Rathausplatz 10, 26382 Wilhelmshaven, zu sehen. Die Bilder sind mit begleitenden Texten 2019 als Buch erschienen (150 Fotos, 168 Seiten, Wilhelmshaven, 2019, ISBN: 978-3-9819128-4-4, Euro: 24,95,–).

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