Dem Bürger flog vom spitzen Kopf der Hut

Drum trägt er nun, wo dieser war

Mützen, Käppis oder nur das lichte Haar

Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Regen fällt, die warmen Gletscher fließen

Ins Tal, wo Wasser auf die Straßen hupft

Die meisten Menschen fangen an zu nießen

Oder sind zumindestens verschnupft.

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Der Bürger kratzt den Kopf sich ohne Hut

In allen Lüften hallt es wie Geschrei

Die Welt wird heiß und schmilzt zu Brei

Und in den Straßen – hört man – wächst die Wut

Der Sturm ist da, die braven Kinder laufen

Durchs Land, damit in Panik es gerät.

Man könnte ja mehr Bio kaufen...

Die Bahn kommt wieder mal zu spät.

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Dem Bürger wird bald schwer das Narbenherz

Soll schämen sich für Diesel, Fleisch und Fliegen

Will schlafend sich in Sicherheiten wiegen

Wälzt stattdessen sich im Weltenschmerz

Die Angst ist da, wo er die Freiheit wähnte

Drohen nun Verbote und Ökodiktatur

Den Bleifuß, der sich nach Glückshormonen sehnte

Zwingt das Tempolimit auf die rechte Spur.

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Der Bürger trinkt sich an ein Schlückchen Mut

Berauscht am Zorne sich und dem Geschrei

„Das ganze Land stürzt ab und geht entzwei“

Übers Meer im Süden, raunt es, kommt die Flut

Im Netz sieht er die wilden Meuten jagen

Durch die Stadt und alle Dämme brechen

Der Bürger hätte da noch ein paar Fragen

Statt einer Antwort hört er nur Versprechen.

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Der Bürger schaut Silvester in die Feuerglut

Sucht Frieden nach der ganzen Knallerei

Hört den Rettungswagen und die Polizei

Und irgendwo sagt einer „Alles gut“

Es kommt was Neues, nach all dem Kummer

Noch einen Wunsch er übers Handy sendet

Schickt ihn an eine unbekannte Nummer

dass sich die Welt zum Guten wendet…

 

nach Jacob van Hoddis, „Weltende“ (1911)
 

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