Kleingeistige Blockwartmentalität

Die Petition gegen den sächsischen Landesbischof ist Ausdruck religiöser Überhöhung
Foto: epd
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Der angekündigte Rücktritt des sächsischen Landesbischofs Carsten Rentzing erhitzt die Gemüter. Rochus Leonhardt, Professor für Systematische Theologie an der Universität Leipzig, findet, die Petition, die kürzlich gegen Rentzing gestartet worden war, ist ein Unding, und hofft, dass so etwas keine Schule macht.

„Wir müssen die Meinung des anderen aushalten können, ohne sie sofort zu verunglimpfen oder persönlich zu werden.“ – Dieser Satz stammt aus einem Interview, das die Fernsehmoderatorin Dunja Hayali im März 2017 der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ gab. Ob Frau Hayali heute noch mit dieser „Rechtspostille“ (taz) reden würde und ob sie selbst sich regelmäßig an diesen Grundsatz hält, kann dahinstehen; die eben zitierte Formulierung ist in jeden Fall uneingeschränkt zustimmungsfähig.

Allerdings: Wenn Selbstverständlichkeiten explizit eingefordert werden, sind sie zumeist so selbstverständlich nicht mehr. Und in der Tat: Das dezidiert kritische, dabei aber respektvolle Aushalten der Meinung des anderen ist derzeit in den meisten öffentlich geführten gesellschaftspolitischen Diskursen ein Gut, das zunehmend knapper wird.

Die evangelische Kirche ist ein Teil der Gesamtgesellschaft, und daher ist es nicht überraschend, dass sich die allenthalben zu beobachtenden Prozesse der politischen Polarisierung auch in ihr niederschlagen. Als ein derzeit akutes sowie – in Sachsen und darüber hinaus – viel debattiertes Indiz für diesen Niederschlag kann die kürzlich erfolgte Rücktrittsankündigung des sächsischen Landesbischofs Carsten Rentzing gelten. Der im Mai 2015 mit äußerst knapper Synodenmehrheit gewählte Rentzing war nie unumstritten. Die Kritik an seiner Person entzündete sich zunächst an seinem theologischen Konservatismus, konkret: an seiner Ablehnung einer Segnung gleichgeschlechtlicher Ehen und des Zusammenlebens homosexueller Pfarrer/innen im Pfarrhaus. Allerdings hat er sich in dieser Frage seit der Amtsübernahme äußerst kompromissfähig und beweglich gezeigt – und sich dadurch mit den Schriftfundamentalisten der Sächsischen Bekenntnisinitiative überworfen.

Zu Fall gebracht hat den sächsischen Bischof deshalb auch nicht (s)eine theologische Auffassung etwa zur Relevanz bestimmter biblischer Texte für sexualethische Fragen der Gegenwart. Gestolpert ist Rentzing vielmehr darüber, dass von einigen politischen Positionierungen der Vergangenheit auf seine gegenwärtige politische Meinung geschlossen wurde. Den Stolperstein ins Rollen gebracht hat dabei eine online-Petition, die maßgeblich von drei Leipziger Pfarrern und einem Kirchvorsteher initiiert wurde und – Stand: 16. Oktober 2019 – von knapp 1.000 Personen unterzeichnet wurde.

Mir geht es hier, das sei in aller Klarheit gesagt, nicht um Rentzing-Apologie, sondern um Petitions-Polemik. Zwar kenne ich den Landesbischof, schätze ihn auch und habe ihn stets als deutlich liberaler und toleranter erlebt als viele seiner Kritiker. Aber dass er im Blick auf die nun ans Licht gekommenen Leichen aus dem Keller der Vergangenheit souverän agiert hätte, wird man nicht sagen können. Es irritiert durchaus, dass er in seiner herausgehobenen Stellung dem berechtigten Interesse der kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit an vollständigen und sachgerechten Informationen über seine früheren Aktivitäten und Auffassungen nicht entsprechen konnte; damit hat er auch die eigene Kirchenleitung enttäuscht und verunsichert. Ich hätte dem Bischof mehr Mut zur Ehrlichkeit gewünscht. Dieser Mut hätte womöglich sein Standvermögen angesichts des aktuellen Gegenwinds gesteigert. Aber es gilt nun einmal: „If you can‘t stand the heat, get out of the kitchen.“ Und in der Dresdener Bischofskanzlei waren die Temperaturen spätestens am 12. Oktober in schwer erträgliche Höhen geschossen.

Nun aber zur Petitions-Polemik, zuerst zu zweien der Akteure. Einer der Initiatoren, Frank Martin, ist mir persönlich recht gut bekannt. Ich habe Ende 2013 mit ihm gemeinsam eine Veranstaltung organisiert, bei der der Publizist Henryk M. Broder sein damals aktuelles Buch vorgestellt hat – die Idee dazu kam von Martin, ich habe gern mitgemacht. Broder ist ein Autor, dem von seinen (in der Regel politisch links angesiedelten) Kritikern ein islamophob-rechtskonservativ-antieuropäischer Gesinnungsjournalismus vorgeworfen wird. Wir haben ihm nicht nur ein Forum geboten, sondern ihn anschließend sogar zum Essen eingeladen. Daher habe ich den damaligen ESG-Pfarrer Martin eigentlich für jemanden gehalten, für den jene „Toleranz für Andersdenke“, die kürzlich auch Alt-Bundespräsident Joachim Gauck (ausdrücklich den Linken) abgefordert hat, kein Problem ist.

Ein zweiter Initiator, Andreas Dohrn, ist mir nur sehr flüchtig bekannt. In die Medien geschafft hat es der bei der Leipziger Stadtratswahl im Mai dieses Jahres nicht gewählte Grünen-Kandidat durch seine Verteidigung des Auftritts von Gregor Gysi bei einer Veranstaltung (ausgerechnet) am 9. Oktober 2019 in der Peterskirche. Die Kritiker dieses Auftritts würden, so Dohrn in einem Interview, indem sie „den Aspekt des Unrechts“ in der DDR betonen, „die Person Gregor Gysi“ nicht „mehrdimensional genug“ beschreiben. – Eine diskutable These, denke ich, sehe die Dinge freilich anders. Aber wenn sich Dohrn dann gegen „eine prinzipielle Abwertung von Positionen, Personen und Programm der Linken“ wendet, bin ich ganz bei ihm.

Nun aber zur Petition. Der der mit dem Slogan „Nächstenliebe verlangt Klarheit“ überschriebene Text ist von jakobinischem Furor geprägt. Die dabei leitende Haltung wird in der Überschrift einer online-Meldung des „MDR Sachsen“ vom 27.09.2019 treffend auf den Punkt gebracht: „Online-Petition fordert Abbitte von Sachsens Landesbischof“. Und in der Tat: Hier wird nicht sachlich begründet kritisiert, sondern hier rufen die moralisch total Guten den moralischen Total-Versager zur Buße. Allerdings: Da sie ihn am Ende des Textes ganz grundsätzlich als ungeeignet dafür erklären, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche zu repräsentieren, würden dem Bischof auch die geforderten Bußübungen keine Duldungsperspektive verschaffen. Insofern wäre „Rentzing muss weg!“ das ehrlichere Petitionsmotto gewesen.

Auffällig ist auch: Die Petition benennt an keiner Stelle empirisch nachvollziehbare Auswirkungen der politischen Haltung Rentzings auf seine Amtsführung als Landesbischof. Der inkriminierte Auftritt in der „Bibliothek des Konservativismus“ gehört in das Jahr 2013, hat also (noch) nicht zu tun mit seiner Funktion als Repräsentant der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, auf die im Petitionstext abgehoben wird. Auch die Mensuren, die Rentzing als Mitglied einer pflichtschlagenden Landsmannschaft zu absolvieren hatte, lagen erkennbar in der Zeit vor seinem Amtsantritt. Ob eine – wohl auf Beitragszahlungen beschränkte – Aufrechterhaltung der Mitgliedschaft mit dem Amt eines Landesbischofs vereinbar ist, darüber kann man ebenso unterschiedlicher Auffassung sein wie über die Frage, ob durch Parteimitgliedschaften und Kandidaturen explizit gemachte Identifikationen mit bestimmten politischen Parteien mit dem Verkündigungsauftrag von Pfarrern verträglich sind.

Als hätten die Petenten gespürt, dass sie Rentzing die Amtseignung nicht durch Hinweise auf vielleicht streitbare Aktivitäten vor dem Amtsantritt absprechen können, legen sie noch einmal grundsätzlich nach. Und erst hier wird deutlich, worum es eigentlich geht. Vorgeworfen wird dem Bischof die fehlende „Abgrenzung von der rechtsnationalistischen AfD“. Aufgrund dessen dränge sich „die Vermutung einer inhaltlichen Nähe [zur AfD] auf“. – Man muss sich diese Formulierungen auf der Zunge zergehen lassen. Rentzing soll sich erstens von etwas distanzieren, was er nie gesagt hat, um „die Vermutung“ auszuräumen, er würde es vielleicht denken. Zweitens, und das ist fast noch schlimmer, wird hier das Bekenntnis zu einer bestimmten politischen Agenda als Eignungsvoraussetzung für ein kirchliches Amt behauptet. Mit dieser Agenda ist gemeint – ich knüpfe an das oben zitierte Votum Dohrns an – „eine prinzipielle Abwertung von Positionen, Personen und Programm“ (allerdings nicht „der Linken“, sondern) der AfD, weil man nur so „den befreienden Glauben an das Evangelium bezeugen“ könne.

„Ausgrenzung ist der falsche Weg, damit spaltet man die Gesellschaft.“ Diese Formulierung stammt von Eva-Maria Stange (SPD), der Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst im Freistaat Sachsen. Den Kontext des Zitats bilden Aussagen der Ministerin zum politisch motivierten Ausschluss des der AfD nahestehenden Malers Axel Krause von der 26. Leipziger Jahresausstellung 2019. Stange weiter: „Ich kann sehr verstehen, dass man ihre Positionen [die der AfD] nicht teilt und aus guten Gründen ablehnt. Aber wir leben zum Glück in einer Demokratie, und die fordert uns auf, uns mit Positionen auseinanderzusetzen.“ Wenn nicht alles täuscht, stand hinter Rentzings in der Tat zurückhaltenden Voten, was den Umgang mit AfD-affinen Christinnen und Christen in Sachsen angeht, genau dieses Interesse an einer Vermeidung pauschaler Ausgrenzung.

Allerdings dürfte Rentzing hier weniger Frau Stange gefolgt sein als bestimmten Grundorientierungen des evangelischen Christentums. Dazu gehört der dezidierte Verzicht auf eine Gleichsetzung von Glaubenswahrheit und politischer Einstellung, mit Bonhoeffer gesprochen: die Wahrung der Differenz zwischen Letztem und Vorletztem. Wie etlichen anderen Akteuren im gesamtdeutschen kirchenamtlichen Protestantismus ist daher auch den Leipziger Petenten vorzuwerfen, dass sie dazu neigen, ihre – als solche respektablen – politischen Auffassungen religiös zu überhöhen, indem sie die von ihnen affirmierte AfD-Ausgrenzungs-Agenda als alternativlose handlungspraktische Folge des christlichen Glaubens ausgeben.

Mit Nächstenliebe hat das alles nichts zu tun, eher mit einer denunziatorischen Leitkultur, in der sich kleingeistige Blockwartmentalität als vom Glauben getragene demokratische Gesinnung ausgibt. Und von Klarheit kann erst recht keine Rede sein. Es sei denn, man versteht darunter die filterblasentypische fensterlose Helle einer voll ausgeleuchteten politischen Homogenität. Ich hoffe, dass in dieser Art von Klarheit nicht die Zukunft des evangelischen Christentums in Deutschland liegen wird.

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Rochus Leonhardt

Rochus Leonhardt, Jahrgang 1965, ist seit 2011 an der Theologischen Fakultät der Universität seiner Geburtsstadt Leipzig Professor für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik.


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