Die Welt ist ungerecht

Von der Symmetrie des Asymmetrischen
Foto: akg/Cameraphoto
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„Justitia“ (Die Gerechtigkeit), Gemälde von Giorgio Vasari – um 1570, Gallerie dell’ Accademica (Venedig).

Das Wesen von Gerechtigkeit ist schwer zu fassen und ihre Gestalt stets im Wandel. Ein unendliches Spiel, denn auch in scheinbar gerechtigkeitssensiblen Zeiten wie den heutigen können wir das Typisieren nicht  assen, meint Armin Nassehi, Professor für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Das fängt gut an. Es soll über die Gerechtigkeit räsoniert werden – und das unter diesem Titel: Die Welt sei per se ungerecht. Letztlich ist schon das Nachdenken über die Gerechtigkeit ungerecht. Um es sehr einfach zu machen, könnte man mit der einfachsten Unterscheidung des Diskurses um Gerechtigkeit beginnen, wenn es um die Verteilung von Gütern geht: Leistungsgerechtigkeit und Bedarfsgerechtigkeit. Beide Formen der Gerechtigkeit lassen sich immanent sehr gut begründen. Gerecht ist es, wenn Güter danach verteilt werden, welche Leistung jemand erbracht hat. Wer mehr arbeitet, soll auch mehr Geld erhalten, wäre zum Beispiel eine solche Begründung, die in der Gesellschaft durchaus vorkommt.

Wo es sich einfach quantifizieren und vergleichen lässt, ist die Begründung sehr einfach. Dass jemand, der dreißig Stunden pro Woche arbeitet, um ein Viertel weniger verdient als jemand, der vierzig Stunden pro Woche arbeitet, ist gut begründbar. Bei der Frage, warum ein Arzt am selben Krankenbett so viel mehr mehr verdient als die Krankenschwester, ist die Begründung schon schwieriger – und der aufmerksame Leser wird registriert haben, dass sich womöglich in der Geschlechtsverteilung der beiden Positionen eine Gerechtigkeitsfrage auftut. Die Leserin wird es womöglich noch früher entdeckt haben. Auch wenn dieses Beispiel nicht so einfach quantifizierbar ist, so werden sich Gründe an der Leistung orientieren oder wenigstens an der Zuschreibung von Leistungsfähigkeit.

Bedarfsgerechtigkeit orientiert sich an einem anderen Prinzip. Hier ist Bedürftigkeit oder auch Gleichheit das Prinzip der Verteilung beziehungsweise der Zuteilung von Gütern. Gerecht wären die Dinge dann verteilt, wenn jedermann und jede Frau (schon diese asymmetrische Schreibweise könnte man für den Ausdruck einer subtilen Ungerechtigkeit halten, aber dazu später mehr) das erhält, was er oder sie wirklich braucht. Es dürfte schon aus diesen wenigen Andeutungen deutlich werden, dass merkwürdige Formen der Ungerechtigkeit entstehen, wenn man diese beiden Gerechtigkeitskonzepte miteinander konfrontiert. Je für sich lassen sie sich immanent gut begründen, aber sobald sie in derselben Welt vorkommen, wird es schwierig – und sie kommen in derselben Welt vor. Aus der Perspektive der Leistungsgerechtigkeit ist die Bedarfsgerechtigkeit ungerecht, weil womöglich jemand mehr bekommt, obwohl er weniger zur Gesamtheit dessen beigetragen hat, was verteilt werden kann und soll. Und aus der Perspektive der Bedarfsgerechtigkeit erscheint die Leistungsgerechtigkeit vielleicht insofern ungerecht, als nicht jedermann und jeder Frau (sic!) dieselben Ressourcen zur Verfügung stehen, um die entsprechende Leistung zu bringen – Herkunft, Bildung, Intelligenz, Zufall et cetera. Dazu kommt dann noch die angedeutete Ungerechtigkeit im Hinblick auf die Leistungsmaßstäbe.

Neue Gerechtigkeitsfragen

Diese beiden Prinzipien werden übrigens bisweilen kombiniert – etwa in beitragsfinanzierten Versicherungssystemen, bei denen der Bedarf (etwa für Krankenbehandlung oder als Lohnersatzleistungen) individuell geprüft wird, diejenigen, die mehr leisten (vulgo: mehr verdienen), zugleich mehr in den kollektiven Topf zahlen müssen. Dass in solchen Systemen Beitragsbemessungsgrenzen und Ober- und Untergrenzen sowohl für die Beitrags- wie für die Bemessungen von Auszahlungen bestehen, wirft neue Gerechtigkeitsfragen auf.

Über diese Fragen wurde und wird viel nachgedacht – und das erheblich komplexer, als ich es hier andeuten kann. Einen hervorragenden Überblick über die Debatte bietet Peter Felixberger in seinem Buch „Wie gerecht ist die Gerechtigkeit?“ (Hamburg 2012). So etwas wie einen gerechten Ausgleich der unterschiedlichen Gerechtigkeiten freilich wird man nirgendwo finden – nicht dort, wo versucht wird, eines der Gerechtigkeitsprinzipien exklusiv zu behandeln, auch nicht dort, wo man versuchen wollte, die unterschiedlichen Gerechtigkeitsvorstellungen unter einem Prinzip zu vereinen. Viel interessanter ist, dass schon das Nachdenken über die Gerechtigkeit Gerechtigkeitsfragen aufwirft – schon weil man mit der Präferenz des einen Prinzips ein anderes ausschließen muss. Das wirft tatsächlich Gerechtigkeitsfragen auf – ist es gerecht, das eine Prinzip dem anderen vorzuziehen, da sich doch beide immanent durchaus gut begründen lassen?

Nein, das kann nicht gerecht sein – und das verweist auf das vielleicht entscheidende Problem. Eine vollständige Symmetrie scheint schon aus logischen Gründen ausgeschlossen zu sein. Folgt man der Prämisse, dass Gerechtigkeitsfragen immer Symmetrisierungsfragen sind, dann lässt sich Gerechtigkeit womöglich tatsächlich nicht vollständig herstellen. Zunächst zu den Symmetrisierungsfragen: Gerechtigkeit strebt nicht per se symmetrische Verhältnisse an, denn auch eine Ungleichverteilung etwa von Gütern kann ja durchaus gerecht sein. Aber die Gerechtigkeit muss für beide Seiten gelten. Wenn dem einen 50 Euro zustehen und dem anderen 100 Euro, dann ist es für Zweiteren nicht doppelt gerecht oder den Ersteren nur zur Hälfte. Gerecht ist es nur, wenn es für beide Seiten gerecht ist – das ist das Prinzip der Gerechtigkeit: eine Symmetrisierung von Asymmetrischem vorzunehmen.

In einer Welt, in der ohnehin vollständige Symmetrie herrschen würde, würden sich keine Gerechtigkeitsfragen stellen – aber das wäre auch eine Welt, die in ihren bestehenden Verhältnissen stagnieren würde. Sobald etwas geschieht, herrscht Ungerechtigkeit. Schon wenn ich dies bezeichne, bezeichne ich nicht das andere. Schon wenn ich nach rechts gehe, gehe ich nicht nach links, schon wenn ich diesen anspreche, spreche ich jenen nicht an. Wir können nicht anders, als zu unterscheiden, als positive und negative Werte aufzurufen, als Vollständigkeit fahren zu lassen. Jedes Geschehen schließt Bestimmtes ein und grenzt Unbestimmtes aus. Informationen leben von ihrer Begrenztheit. Ein System kann nur Informationen erzeugen, wenn nicht alles mit allem verknüpft ist. Die Sprache ist in sich schon ungerecht, weil sie so und nicht anderes bezeichnet.

Ich habe es oben schon angedeutet: Es ist leichter, von jedermann zu sprechen als von jeder Frau. Jedermann meinte bis vor kurzem noch jeden Mann und jede Frau – aber das kann man nicht mehr voraussetzen. Und sobald ich das zumindest schriftlich symmetrisiere, erzeuge ich eine neue Asymmetrie, weil es für jedermann keine Entsprechung gibt, selbst wenn ich jederfrau schreiben würde, denn das würde auffallen, weil man das noch nicht gesehen hat. Es wäre jedenfalls nicht jedermann geläufig. Wir leben in Unterscheidungen, die so gewohnt sind, dass sie wie die Welt aussehen, aber nur Schnitte sind, die wir in die Welt setzen. An diesem Beispiel kann man es sehr schön deutlich machen: Auch die Etablierung von jedefrau als sprachliches Zeichen hilft nicht, weil es auch jedendiversen geben müsste.

Und wer meint, ich machte mich darüber lustig, ist ungerecht (sic!). Denn das Beispiel signalisiert ja nur, dass jede Bezeichnung der Welt einen Schnitt zufügt, eine Unterscheidung, eine Ausschließung. Am Sprachlichen ist es schön zu sehen – aber es gilt auch für andere Sphären. Denken wir etwa an soziale Typisierungen, ohne die wir im sozialen Leben letztlich nicht auskommen könnten, so sind diese tatsächlich auf eine subtile Weise ungerecht. Typisierungen sind Ungleichverteilungen von Vertrauen beziehungsweise ungerechte Blicke, weil sie nicht am Einzelfall orientiert sind, sondern eben an einem Typus. So schätzen wir das Verhalten unserer Mitmenschen unvermeidlich nach bestimmten typischen Erwartungen ein. Wir wissen dann womöglich etwas über Männer und Frauen, über Angehörige bestimmter Berufe, über Eigene und Fremde und so weiter. Schon wer dem Fremden seine Fremdheit nicht übelnehmen will, hat sein Gegenüber als fremd typisiert. Und paradoxerweise wissen wir über die Fremden oftmals viel mehr als über die Vertrauten, weil wir letztere viel weniger bewusst typisieren müssen.

Höherer Informationswert

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn im Lukas-Evangelium wird das explizit zum Thema: Der wiedergekehrte Sohn hat für den Vater einen höheren Informationswert als der, der immer da war. Dieser höhere Informationswert sieht für den braven Bruder wie eine Ungerechtigkeit aus – dabei ist das schon aus logischen Gründen sehr erwartbar, weil die Abweichung eben mehr auffällt.

Das Typisieren ist unvermeidlich. Als vergleichsweise alter, vergleichsweise weißer Mann (auch eine schöne Typisierung) bin ich als Universitätslehrer schon recht lange im Geschäft. Das Theoriestück „Typisierung“ und „Typenbildung“ ist Studierenden seit einiger Zeit kaum mehr anders zu vermitteln denn als eine merkwürdige Pathologie. Nicht die ordnungsgenerierende Funktion des Typus (den man ja durchaus in seinen konkreten Ausprägungen kritisieren kann) ist dann das Thema, sondern die Frage, wie man das blöde Typisieren denn unterlassen kann. Diese Generation ist sehr gerechtigkeitssensibel, kann aber auch nicht aus dem Spiel des Unterscheidens ausbrechen, zumal die Rede von der Gerechtigkeit die Differenz von Positionen ohnehin voraussetzt und sichtbar macht.

Diese Ungerechtigkeitserfahrung ist es, die derzeit viele so genannte identitätspolitische Konflikte im politischen Raum ausmacht. Die einen wollen die Ungerechtigkeit beheben, dass ihre Lebenslagen als Frauen, Schwarze, Queere und so weiter nicht einmal benannt werden, die anderen stellen nun fest, dass sie, wie der brave Sohn im Gleichnis vom verlorenen Sohn einfach zu langweilig für eigene Bezeichnungen sind und nun selbst bezeichnet werden wollen. Diese meine Beschreibung soll möglichst gerecht ausfallen, denn es geht gar nicht darum, hier irgendwie zu bewerten, aber die Aufmerksamkeitsökonomie verweist tatsächlich auf die Bearbeitung von asymmetrischen Formen – mithin also von Gerechtigkeitsfragen. Und es ist eine Ökonomie, also geht es um Knappheit.

Wunde in der Welt

Jede Bezeichnung muss unterscheiden, wie jede Unterscheidung etwas bezeichnet. Mit dieser Wunde in der Welt müssen wir leben. Man kann sich sogar die Frage stellen, ob der Schöpfer der Welt (aus logischen Gründen) in der logischen Sekunde nach der Erschaffung der Welt seine Omnipotenz verloren hat, weil die Welt im Moment ihrer Erschaffung schon weniger Möglichkeiten enthält als zuvor, als noch alles möglich war.

Das ist eine merkwürdige Frage, aber sie weist darauf hin, dass auch in der von einem omnipotenten Schöpfer geschaffenen Welt nur begrenzte Verknüpfungen erwartet werden können, sonst hätte die Welt keine Gestalt, keinen Informationswert – und der Schöpfer könnte nicht sehen, dass sie gut ist, denn schon das ist eine Unterscheidung.

Ich habe meine Überlegungen mit dem Satz überschrieben, dass die Welt ungerecht sei. Vielleicht ist das eine übertriebene Formulierung. Und sie soll nicht als Anregung verstanden werden, sich nicht weiter um Gerechtigkeitsfragen zu kümmern. Ganz im Gegenteil – es geht wahrscheinlich darum, möglichst wenig ungerechte Lösungen zu finden. Worum es hier geht, ist die Unvermeidlichkeit einer grundlegenden Ungerechtigkeit, die etwas mit begrenzten Ressourcen zu tun hat: mit der Limitation von Ordnung. Wenn dies geschieht, ist jenes im Moment ausgeschlossen. Wenn das stimmt, ist Gerechtigkeit womöglich ein Zeitproblem. Man kann zumindest widerspruchsfrei denken, dass die eine Unterscheidung durch eine andere abgelöst werden kann. Vielleicht durch eine gerechtere Ungerechtigkeit. Das sollte jedermann bedenken, der nach letzten Lösungen sucht. Wirklich jedermann!


 

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Armin Nassehi

Armin Nassehi ist Professor für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Universität München.


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