Herzschlag

Joan Wassers neues CD-Trio

Joan As Police Woman:
Joanthology.
(3 CDs) PIAS/RoughTrade 2019).

Die US-Amerikanerin Joan Wasser (geboren 1970) fasziniert als Sängerin, schreibt starke Songs und ist eine stupende Musikerin mit immens viel Hinterland: Sie hat Geige studiert, schätzt moderne Kompositionen, spielte im Orchester, kleinen Ensembles und Art-Punk-Bands, war Sessionmusikerin in Indie-, Pop-, Jazz-, R&B- und Soul-Gefilden und macht, neben etlichen Kooperationen, seit 2002 ihr eigenes Ding mit bislang fünf Alben und einer Platte mit Cover-Versionen. Wer sie nicht kennt, hat nun eine famose Gelegenheit, das zu ändern: auf Joanthology (also: Jo(an)-Anthology; bei diesem Vornamen ein gefälliger Gag, so sehr es in ihren Songs auch nie um Läppisches geht) stellt sie 31 Favoriten zusammen. Es sind Gesänge von Begegnung, Nähe, Verfehlen, Verlust – intim, berührend, mit viel Pop Appeal, oft bitter-sweet grundiert. Dennoch trösten sie eher, als dass sie schmerzen. Aufnahmen aus bbc-Sessions von 2008 bis 2018 kommen hinzu. Verpackt ist die Box in ein Leporello mit halb-lasziv inszenierten Wasser-Fotos, vor dem Spiegel, in der Wanne. Auf einem schwimmt sie, vielleicht eine Anspielung auf die überaus erotische Gänsehaut-Ballade What A World, die sie am Meer geschrieben hat und Erschütterung ebenso atmet wie Lust am Leben. Der Song erscheint wie das Prince-Cover Kiss erstmals auf Tonträger. Nötig wäre derlei der bei Kompilationen üblichen Exklusivität nicht gewesen. Die Box überzeugte auch so. Wassers Werk erschließt sozusagen konzentriert die CD mit den BBC-Aufnahmen: Auf drei Pianoballaden (die Künstlerin, von Nina.Simone und Joni Mitchel inspiriert, spielt auch Klavier und Gitarre!) folgt eine ruppige Soulrock-Nummer, danach der Sonic Youth-Song Sacred Trickster: Gospelhaft, mit intensivem Shout-Gesang, nervös treibenden Drums und Handclaps und wiederum stark synkopiert.

Wenn sie Songs schreibt, hat sie immer erst das Schlagzeug und Drums-Muster im Kopf, sagt sie: Alles komme daher, es sei der Herzschlag – und Musik stets nur so gut wie der Drummer. Eine Dynamik, die auch in ihren Low-Tempo-Piano-Stücken zu spüren ist, in der Rockballade Holy City erst recht. Mit The Classic folgt eine sehr ausgelassene waschechte Doo Wop-Nummer. Beeindruckend, wie sie sich die Genres zu eigen macht und jeweils mit der Stimme auf dem Herzschlag surft. Jüngst kamen mehr elektronische Elemente hinzu. The Silence mit der Refrain-Zeile „It’s the silence that‘s dulling the blade“ (etwa: Schweigen macht die Klinge stumpf!) ist packender Polit-Funk, dessen My body, my choice!-Chants vom Women’s March 2017 in Washington stammen.

Der Ernst des Lebens hat Wasser schon einige Male rauh angefasst: 1997 etwa ertrank ihr Partner Jeff Buckley im Wolf River, 2003 brachte sich ihr Freund Eliott Smith um. Aber sie weiß, worauf es ankommt, und die Songs, die sie daraus zieht, sind so verletzlich wie groovy – und ganz unwiderstehlich. Große Verneigung.

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