Entsetzen bleibt groß

Die Emil-Nolde-Ausstellung in Berlin
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

Emil Nolde (1867–1956) war einer der bedeutendsten deutschen expressionistischen Maler und Grafiker. Seine Kunst wurde geadelt, als 1937 in der Propagandaschau „Entartete Kunst“ 48 Bilder von ihm gezeigt wurden, als er 1941 von den Nazis mit Berufsverbot belegt wurde und schließlich 1968, als Siegfried Lenz’ Roman „Deutschstunde“ erschien. Darin wird das Leben eines von den Nazis verfemten Malers erzählt, als dessen Vorbild Emil Nolde galt. Nach der Lektüre dieses Buches kaufte Helmut Schmidt zwei Gemälde Noldes für das Bundeskanzleramt. Vor einigen Wochen wurden sie aus Angela Merkels Dienstsitz entfernt. Während der Vorbereitung einer Ausstellung im Berliner Museum Hamburger Bahnhof habe sich erschreckend herausgestellt, dass Nolde ein glühender Verehrer Adolf Hitlers und ein heftiger Antisemit war.

Bekannt war Noldes Verstrickung in den Nationalsozialismus schon länger. Das Ausmaß seiner Hitler-Begeisterung und seines Antisemitismus sowie die Widerwärtigkeit seines Anbiederns an Nazigrößen waren außer in Fachkreisen wenig bekannt. Zwar wies das ddr-Lexikon der Kunst bereits 1975 darauf hin, dass Nolde „den ,Blut und Boden‘-Parolen des deutschen Faschismus folgte und noch vor 1933 Mitglied des dänischen Ablegers der nsdap wurde“. Aber die Wirkung von Siegfried Lenz’ Roman war viel stärker und bestimmte auch in der ddr das Bild Noldes als eines von den Nazis unterdrückten Malers. Diese Einschätzung wurde immer wieder dadurch bestätigt, dass an Noldes Malverbot und an die Ausstellung „Entartete Kunst“ erinnert wurde.

Die Kuratoren der Berliner Ausstellung, Aya Soika, Bernhard Fulda und Christian Ring widerlegen diese Legende. Mir scheint, endgültig. So zeigen sie Noldes frühe religiöse Bilder „Pfingsten“ (1902), „Verlorenes Paradies“ (1921) und „Heilige Familie“ (1931), – nach 1934 malte er keine religiösen Bilder mehr und denunzierte das Christentum als jüdische Erfindung.

Stattdessen widmet er sich Motiven aus der nordischen Sagenwelt, Königen, Kriegern und langbärtigen Wikingern, „Herrin und Fremdling“ (um 1938), „Gaut der Rote“ (um 1938). In Briefen an Propagandaminister Goebbels protestierte er gegen seine Ausgrenzung und nannte seine Kunst „deutsch, stark, herb und innig“. Er schrieb auch an Hitler, ebenfalls ergebnislos.

Das Ehepaar Nolde hielt trotz des Berufsverbots von 1941 und trotz Gerüchten über „furchtbar wahre Sachen aus Polen“ an ihren nationalsozialistischen Überzeugungen fest. Bis kurz vor Kriegsende 1945 hofften sie auf einen deutschen Endsieg. Erst unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Nazireichs begann Nolde, sich als Opfer des untergehenden Systems zu stilisieren. Trotz seiner Parteimitgliedschaft entlastete ihn der Entnazifizierungsausschuss. Die Ablehnung seiner Kunst durch die Nazis wurde als Noldes „Absage gegen das Regime“ gedeutet. Er wurde einer der erfolgreichsten Maler der Bundesrepublik, mehrmals wurden Werke von ihm auf der Biennale in Venedig und 1955 auf der documenta in Kassel gezeigt.

Die Berliner Ausstellung stellt Noldes politische Haltung und ihren Wandel überzeugend anhand von Bildern und der Veränderung ihrer Motive dar. Daneben sind Tagebucheintragungen, Briefe und andere schriftliche Zeugnisse zu sehen. Eine gründliche, konzentrierte und durch die Bilder Noldes schöne Ausstellung.

Auch nach wiederholtem Besuch halte ich Nolde für einen der größten Maler des 20. Jahrhunderts und Siegfried Lenz’ Buch „Deutschstunde“ für einen großen Roman, den ich demnächst wieder lesen werde. Aber das Entsetzen über Noldes nationalsozialistische und antisemitische Verblendung bleibt groß.

Die Ausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“ ist noch bis 15. September im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen (www.smb-museum.de).

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