Gottes Herrlichkeit

Theologie nach Auschwitz und Etty Hillesum
Foto: privat

„Wie man nach Auschwitz den Gott loben soll, der alles so herrlich regieret, das weiß ich nicht.“ Dieser Satz von Dorothee Sölle begegnete mir kürzlich auf Facebook wieder. Aber anders als die vielen Male zuvor, bei denen mir ihre Überlegungen zu einer „Theologie nach Auschwitz“ und zum „Tode Gottes“ plausibel erschienen, kam mir der Gedanke diesmal merkwürdig vor. Muss man nicht ein sehr privilegiertes und behütetes Leben gewohnt sein, um das „herrliche Regieren Gottes“ in Zweifel zu ziehen, weil auf der Welt etwas Schreckliches passiert, und sei es auch etwas so Schreckliches wie der Holocaust?

Der Text, den Sölle hier zitiert, stammt aus dem Lied „Lobe den Herren“ von Joachim Neander aus dem Jahr 1679, also aus einer Zeit vor Demokratie, Zentralheizung, Anästhesie und Sozialversicherung. Damals war konkretes Leiden für die meisten Menschen viel alltäglicher als heute. Und trotzdem, so die Botschaft des Liedes, sollen wir Gottes Herrschaft loben. Trotz des Leides. Nicht, weil das Leid uns erspart bleibt. Neander zählt zwar durchaus gute Dinge auf, die Gott uns tut und für die wir danken sollen, allerdings mit einem klaren Fokus: „In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet!“

Not lehrt beten

In wieviel Not. Auch in der Not von Auschwitz? Eine gute Frage. Jedenfalls widerlegt die Existenz von Leid und Not nicht Gottes Herrlichkeit, sondern ist ihre Kehrseite. Je größer die Not, desto herrlicher Gott, nicht andersrum. Und es geht dabei nicht nur um die unvermeidliche Not, die zum menschlichen Leben nun einmal dazu gehört, sondern ebenso um die ungerechte, unnötige, vermeidbare, von anderen Menschen mutwillig zugefügte Not, wie wir seit Hiob wissen. Auch religionssoziologisch ist das plausibel: Menschen suchen Zuflucht bei Gott (der Idee, dem Konzept, der Praxis) gerade weil es ihnen auf der Erde allzu oft sehr schlecht geht und keine Gerechtigkeit in Sicht ist. Not lehrt beten, wie ein kluges Sprichwort sagt. 

Doch was bedeutet es, in Zeiten der Not bei Gott Zuflucht zu suchen und dabei paradoxerweise ihr „herrliches Regiment“ zu loben? Die irrige Vorstellung, Gott würde, wenn wir nur fest genug daran glauben, vom Himmel herab – Abrakadabra – unsere Nöte vertreiben und unsere Leiden lindern, ist vor allem im Christentum gepredigt worden. Auch mir wurde das als Kind so vermittelt, zusammen mit dem Bild Gottes als männlicher und mächtiger Vater, König und Richter, der mir hilft, solange ich nur schön brav und gehorsam bin. 

Privilegiertes Anspruchsdenken

Inzwischen denke ich, die ganze Theodizeefrage ist nichts anderes als ein Ausdruck von privilegiertem Anspruchsdenken. Es ist doch sehr ich-bezogen, die eigenen Gotteszweifel damit zu erklären, dass Gott angeblich nicht geliefert hat: Wie kann Gott zulassen, dass ich so schwer krank bin? Wie kann Gott zulassen, dass auf der Welt Krieg ist? Und eben auch: Wie konnte Gott Auschwitz zulassen? - Ja, wie nur? Weil Gott damit nichts zu tun hat! Gott ist nicht unser Servicepersonal für einen angenehmen Aufenthalt im Hotel Erde. Gott ist gleichzeitig viel viel mehr und viel viel weniger als das. 

Auschwitz macht Gott nicht unplausibel. Auschwitz macht Gott bedeutsam. Nicht in dem Sinne, dass Gott nun nicht mehr „herrlich regieret“, sondern ebenfalls leidet, wie Sölle nach Auschwitz geschlussfolgert hat. Sondern in dem Sinne, dass Gottes Regiment anders aussieht, als wir es im Christentum üblicherweise vorgestellt haben. 

Ich finde keine besseren Worte, um dies auszudrücken, als die der niederländischen Jüdin Etty Hillesum, die 1943 angesichts der drohenden Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung (über die sie sich keine Illusionen machte) in ihr Tagebuch schrieb:

"Ein Stück von Gott in uns retten"

„Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute Nacht geschah es zum ersten Mal, dass ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: Ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst auch du nicht viel ändern zu können, sie gehören nun mal zu diesem Leben. Ich fordere keine Rechenschaft von dir, du wirst uns später zur Rechenschaft ziehen. Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen.“

Ob Etty Hillesum bis zum Schluss an ihrem Gottvertrauen festhalten konnte, weiß ich nicht. Ihr Tagebuch endet mit ihrer Internierung im Konzentrationslager Westerbork. Sie konnte nur noch eine kleine, hoffnungsvolle Notiz aus dem Zugfenster zu werfen, als sie im September 1943, gerade mal 28 Jahre alt, Richtung Auschwitz deportiert wurde. Wahrscheinlich konnte sie sich das Grauen, das sie dort erwartete, allem Realismus zum Trotz nicht wirklich vorstellen. Zeit, den Terror zu verarbeiten, blieb ihr keine: Vermutlich wurde sie von den Nazis direkt nach ihrer Ankunft im Lager ermordet. 

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