Kompromiss oder Zensur?

Die neue Gottesdienstordnung für den Weltgebetstag

Nun liegt sie vor, die vom Deutschen Komitee für den Weltgebetstag (WGT) der Frauen überarbeitete Liturgie. Nach dem terroristischen Anschlag der Hamas und dem Beginn des Krieges in Gaza hatte es massiven Streit um die ursprünglich verfasste Gottesdienstordnung für den diesjährigen WGT in Deutschland gegeben. Der Vorwurf der Israelkritik und des Antisemitismus stand im Raum. Die Kritik an der von palästinensischen Christinnen formulierten Liturgie war in Deutschland so erdrückend, dass das Deutsche Komitee die Verbreitung stoppte und eine überarbeitete Liturgie ankündigte.

Wie passt das zusammen? Einerseits sich in weltweiter Verbundenheit in Liturgie und Gebet auf die Lebenssituation von Frauen in einem bestimmten Land ein­zulassen, ihre Lebenswelten hörbar machen zu wollen. Und andererseits die von palästinensischen Christinnen aus ihren eigenen Erfahrungen heraus geschriebene Liturgie zu überarbeiten? Da kommt die „Treue zur Ordnung“ ins Spiel, die sich die WGT-Frauen in ihren Leitsätzen 2007 auf die Fahnen geschrieben haben. Dort heißt es: „Im Rahmen dessen, was die Übersetzung in verschiedene Sprachen und die Interpretation in verschiedene Kontexte erforderlich macht, bemühen sich WGT-Frauen um Treue gegenüber den Texten, die sie empfangen, und bringen so die Stimmen der Frauen eines anderen Landes zu Gehör.“

Was hat sich nun in der neuen Gottesdienstordnung verändert? Ein aktualisiertes Vorwort, das auf die besondere Situation in Deutschland hinweist und deutlich macht, warum das Augenmerk hierzulande stärker auf Israel liegt. Eine derartige Aktualisierung ist nichts Ungewöhnliches, trifft sie zum Beispiel auch auf Länder mit einer kolonialistischen Vergangenheit zu. So wird in den Niederlanden eine Liturgie aus Indonesien oder in Frankreich die aus einem nordafrikanischen Land sicherlich anders rezipiert als im Rest der Welt. Des Weiteren wird in einer Hinführung zum Psalmgebet die enge Verbindung zwischen Judentum und Christentum einmal mehr betont. Diese Kontextualisierungen bieten den Gemeinden eine gute Hilfestellung bei der Vorbereitung. So weit, so gut.

Ferner hat das Deutsche Komitee das Fürbittengebet um zwei neue Bitten ergänzt. Ein Gebet für alle in Israel und Palästina und eines für die Juden in Deutschland. Auch diese beiden Eingriffe sind nachvollziehbar. Es ist gängige Praxis vieler Kirchen­gemeinden, in die gottesdienstliche Feier der Weltgebets­tage aktuelle Fürbitten aus der Gemeinde heraus zu formulieren.

Anders sieht es bei den drei zentralen Erfahrungsberichten der Palästinenserinnen aus. In ihren Texten wurde „kontextualisiert“, wie es die WGT-Frauen nennen. Zwar behutsam, doch ist es ein Unterschied, ob es in der neuen Liturgie heißt: „Ihr war es ein Anliegen, der Besatzungsmacht in Form des liebevollen  Widerstands zu begegnen“ oder wie die alte Liturgie formuliert: „Das Eintreten für die Wahrheit war ihr Weg, der Besatzungsmacht in Liebe zu begegnen.“

Ist das Zensur? Nein. Die Liturgie wird größtenteils so gefeiert, wie sie die palästinensischen Christinnen vorgegeben haben. Es ist ein Kompromiss, der Perspektiven aufzeigt, um nicht zu polarisieren. Er trägt der aufgeheizten deutschen Debatte und dem „sensiblen Verhältnis deutscher Christen zu Israel und Palästina“ Rechnung. Letztendlich bietet er möglichst vielen Menschen am 1. März in Deutschland die Möglichkeit, gemeinsam für Palästina und Israel – für Frieden im Nahen Osten zu beten. Nicht mehr und nicht weniger.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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