Gottes Elite

Sonntagspredigt
Foto: privat

Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Anne-Kathrin Kruse. Sie ist Dekanin i.R. in Berlin.

Jüdischer Einwand

3. Advent, 17. Dezember

Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. (Matthäus 11,6)

Johannes sitzt im Gefängnis, hofft darauf, befreit zu werden, und sehnt den Messias herbei. „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten“ (Matthäus 11,3), lässt Johannes durch seine Jünger Jesus fragen.

„So eine Gefängniszelle ist übrigens ein ganz guter Vergleich für die Adventssituation; man wartet, hofft, tut dies und jenes – letzten Endes Nebensächliches –, die Tür ist verschlossen und kann nur von außen geöffnet werden“, schrieb der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer 1943 aus dem Gefängnis in Berlin an seinen Freund Eberhard Bethge.

Advent – das ist Warten, Bangen und zugleich die Hoffnung, dass einer kommt und rettet. Der nicht verurteilt und zur Hinrichtung abholt, sondern die Tür aufschließt und in die Freiheit führt. Ja, ich bin’s! Hab keine Angst – es ist vorbei. Du hast auf den Richtigen gewartet!

Doch die Antwort, die Johannes von seinen Boten erhält, ist verschlüsselt und rätselhaft. Als kundiger Lehrer der Hebräischen Bibel leitet er aus Jesaja 29,35 und dem Kapitel 61 die Wunder des messianischen Zeitalters, die tatsächlich geschehen sind, her. „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht“ (Matthäus 11,4), sagt Jesus. Aber statt mit einer eindeutigen Antwort kommen die Jünger des Johannes mit unglaublichen Geschichten zurück, die sie erlebt haben.

Aber so einfach ist es nicht. Der Einwand, den Jüdinnen und Juden damals wie heute gegen alle christliche Spiritualisierung vorbringen, macht auch Christen zu schaffen: Wenn Jesus der Messias ist, wieso wurde Johannes nicht aus seiner Zelle befreit? Warum wüten noch immer Kriege und Terror? Warum können Jüdinnen und Juden auch nach 2 000 Jahren nicht angstfrei und in Frieden inmitten der Völker wohnen? Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?

Offenbar müssen wir noch warten, bis er endgültig kommt. Und zugleich braucht es das drängende Fragen nach Gott, das nicht nachlässt und ihn herausfordert, weil wir immer wieder das Versprechen Gottes brauchen, dass er uns nicht vergisst.

„Glücklich ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ Das heißt wohl: Glücklich ist, wer nicht festgefahren ist in seinen Erwartungen. Glücklich ist, wer Gott auch in dessen vermeintlicher Abwesenheit die Treue hält und sich von ihm gesegnet weiß in der Hoffnung, ihn eines Tages zu sehen von Angesicht zu Angesicht. Bis dahin lässt sich Gottes Stimme ganz leise hören, ganz ohne Engelsgesang. Der Besuch der drei Weisen bleibt aus, die Hirten bleiben bei ihren Herden. Meistens kommt Gott unter Ausschluss der Öffentlichkeit, in der Verzweiflung der Nacht, in der Stille, wenn Menschen zu Menschen werden.

Jüdischer Junge

Christvesper, 24. Dezember

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen. (Galater 4,4–5)

Das ist die Weihnachtsbotschaft in nuce: Weil Gottes Hilfe, „Jehoshua“, kommt, ist die Zeit erfüllt. Also eine Zeitenwende mitten in der Weltgeschichte – vor und nach Christi Geburt. Was Paulus in kurzen dürren Worten mit „geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan“ beschreibt, führt in die unbekannte lebenspraktische Welt des Judentums und macht uns am Heiligen Abend das liebliche, halb entrückte Jesuskind ein bisschen fremder und – damit biblischer: geboren von einer Jüdin, Mirjam, Maria. Am achten Lebenstag wird Jesus mit der Beschneidung (3.Mose 12,3) feierlich in den Bund Gottes mit seinem Volk aufgenommen. Mit der Namensgebung (1.Mose 17,12+15) verbindet sich auch seine Lebensaufgabe. Jehoschua – Jesus, das heißt: „Gott wird retten“. Als erstgeborener Sohn Mariens wird Jesus nach 40 Tagen durch ein Taubenopfer im Tempel ausgelöst (3.Mose 17; Lukas 22,22–24). Mit 13 Jahren wird er nach dem Unterricht in den heiligen Schriften als Bar Mizwa, auf Deutsch: Sohn der Weisung Gottes, auf ein verantwortliches jüdisches Leben verpflichtet. Zunächst einmal ist er es, der fragt, zuhört, lernt (Lukas 2,46). Wie andere Juden auch, lebt er nach der Tora, betet, fastet und bringt im Tempel Opfer dar.

Gott sendet seinen Sohn aus seinem Volk Israel in die Welt – von wo denn sonst? Israel hat den Auftrag, Gott in der Welt zu bezeugen, im Leben und im Sterben. Und auch durch einen jüdischen Jungen, der die Welt rettet. Seine Sendung hinein in die Tora-Treue Israels will nicht das „Ende der Geschichte“ sein und noch weniger das „Ende des Gesetzes“. Sie hat vielmehr ein doppeltes Ziel: Für Jüdinnen und Juden bedeutet der Glaube an Gott Befreiung, nicht von der Tora, sondern zu einem Leben mit ihr, ein Leben nach dem Willen Gottes, der frei macht von allen Mächten dieser Welt. Jüdinnen und Juden sind und bleiben Gottes „Kinder“, in dem sie unverbrüchlich zu Gott gehören. Und wir Christinnen und Christen aus der nichtjüdischen Völkerwelt dürfen mit dem Kommen Jesu zu den „Kindern“ Gottes dazugehören. Dürfen zu Gott auch „Unser Vater“ sagen, wie Jüdinnen und Juden das von jeher tun. Wir dürfen adoptierte Geschwister des jüdischen Volkes sein. Und kündigen wir diese Geschwisterschaft auf, steht auch unsere Kindschaft auf dem Spiel. Hier gibt es nichts und niemanden zu enterben, sondern für alle alles zu gewinnen. An Weihnachten feiern wir die Geburt des jüdischen Gottessohnes – und zugleich von uns Christenmenschen.

Gutes Ende

Silvester, 31. Dezember

Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. (Prediger 3,11–13)

Das machen wir jetzt immer so“, beschlossen irgendwann unsere Kinder. Und das wurde zum Familienmotto: Selbstgemachtes Erdbeereis zum Nachtisch und Sommerurlaub in Bommelsen in der Lüneburger Heide. In der Tat machten wir dort sechs Jahre hintereinander Ferien. Nur zum Hochzeitstag ging es irgendwo ans Wasser – und sei es bei stürmischer See, wo uns die Spucktüten um die Ohren flogen. Unvergesslich.

Aber „immer“ geht nicht. Bei allen Bemühungen um Selbstoptimierung – es gibt kein eindimensionales perfektes Leben. „Alles hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit, pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit“ (Prediger 3,2). Und dabei tönt „sterben“ und „ausreißen“ besonders laut in den Ohren. An Silvester besuchen Menschen den Gottesdienst, um auf das vergehende Jahr zurückzuschauen. Sie bringen mit Erfahrungen von Dankbarkeit und Enttäuschung, Vorfreude und Ungewissheit, Schuld und Scham. Und sie zeichnen offene Fragen in die Worte des Predigers Salomo ein.

Was feiern wir eigentlich am Altjahrsabend – außer dass der Uhrzeiger unaufhaltsam weiterrückt? Wir feiern, dass Gott einen guten Anfang gemacht hat, in der Hoffnung, dass er auch das Ende gut machen wird. Wo der Tod hart ins Leben ragt und eine kalte Leere hinterlässt, wächst die Sehnsucht nach neuem Leben. Was abgebrochen ist, wird einmal geheilt und neu gebaut. Wo geweint und geklagt wurde, geschieht das Wunder, dass irgendwann wieder gelacht und getanzt wird.

Das Leben ist ein Pendel in der Zeit, das vom Schweren zum Schönen und vom Weinen zum Lachen ausschlägt. Die Ewigkeit im Herzen: Das Wie werden wir nicht ergründen. Es bleibt offen – ohne Antwort. Und was bleibt? Welche Spielräume bleiben uns bei den Pendelbewegungen des Lebens? Leben, das wir mit Freundschaft und Liebe füllen, wertvoll und unbezahlbar. Momente der Ewigkeit in unseren Herzen, die wir mit lieben Menschen teilen und nicht vergessen – und sei es nur ein Erdbeereis ...

Jüdisches Schicksal

1. Sonntag nach Epiphanias, 7. Januar

Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme. (1. Korinther 1,26–29)

Gerade standen die drei Weisen aus dem Morgenland, Vornehme, Mächtige noch an der Krippe Jesu, des neugeborenen und beschnittenen kleinen „Königs der Juden“. Alles hätten sie in der dunklen Höhle erwartet, wo es nach Ziegenmist stinkt, nur keinen König im Stroh eines Futtertroges. Ihre goldglänzenden Geschenke mussten Maria und Josef auf der Flucht nach Ägypten wahrscheinlich schnell zu Geld machen, für die Schlepper, ein Dach überm Kopf und für Fladenbrot. Der kleine Judenkönig teilt das Schicksal seines Volkes, ein Flüchtlingskind auf der Flucht nach Ägypten. Und doch ist er weit mehr als ein kleiner König. Über ihm geht der Himmel auf, und Gott bekennt sich wie zu seinem Knecht Israel auch zu ihm: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Matthäus 3,17; ähnlich Jesaja 42,1).

Auf seinen Namen sind wir getauft. Von ihm haben wir den Stallgeruch und den verborgenen Glanz derer, die zu ihm gehören. Seht euch eure Berufung an, was töricht ist, hat Gott erwählt. Der Gott Israels sucht sich Leute aus, die unseren Maßstäben von Macht, Erfolg und Ansehen komplett widersprechen. Mit ihnen gestaltet er die Welt, mit Mose, dem Stotterer, mit einem Haufen Sklaven, den er zu seinem Volk Israel macht, dem kleinsten und unbedeutendsten von allen – aus lauter Liebe, mit einem Wanderprediger aus dem letzten Winkel der Erde.

„Töricht“, das ist nicht dumm, unfähig oder gar faul. Mittelmaß und Unprofessionalität werden hier nicht verklärt. „Töricht“, das ist vielleicht ein bisschen verrückt. Verrückt wie die Liebe, wie die Botschaft vom Kreuz. Gott hatte schon immer eine unerklärliche Vorliebe für das Einfache, für die Armen, Niedrigen, Geringen. Sie sind die Elite Gottes. Paulus erinnert an unsere Berufung in der Taufe: Vergesst nicht euren Stallgeruch, wo ihr herkommt. Entdeckt die Würde, bedürftig und aufeinander angewiesen zu sein. Habt das Einfache lieb und teilt mit den Armen. Rühmt den König im Stall. Er sieht bei uns in all dem Stroh das Gold verborgen. 

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