Nur von Israel besessen

Wer über die Kolonialgeschichte redet, darf nicht in die antisemitische Falle tappen
Foto: privat

Kürzlich fragte mich, eine in Berlin lebende amerikanische Jüdin, eine nichtjüdische Deutsche nach den Themen meiner Arbeit als Journalistin und Übersetzerin. Eines schien ihr besonders interessant: „Ach, Antisemitismus? Mein Bruder interessiert sich sehr für dieses Thema! Man könnte sagen, er ist davon besessen!“ Ich dachte, vielleicht ist ihr Bruder, ein pensionierter Professor eines naturwissenschaftlichen Fachs, zutiefst besorgt um die Opfer von Antisemitismus. Aber nein, es gab nur eine Kategorie von Opfern, die ihn beschäftigte: diejenigen, denen vorgeworfen wird, antisemitisch zu sein, weil sie Israel kritisiert haben.

Es war also nicht das Problem des Antisemitismus selbst, von dem ihr Bruder besessen war. Es ging ihm vielmehr um einen Vorwurf gegen ihn. Aus ihm würde er sich nur auf die einzig mögliche Weise herauswinden können: indem er behauptet, in Deutschland sei keine Israelkritik möglich.

Das ist eine immer wiederkehrende Behauptung, die ich oft gehört habe, seit ich 1997 hierhergezogen bin. Und sie taucht immer wieder in der aktuellen Debatte darüber auf, wie Deutschland mit seiner kolonialen Vergangenheit umgehen soll. Wo das passiert, ist es, als wäre die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit an sich nicht wertvoll genug. Sie muss vielmehr als Werkzeug dienen, um andere dringende Probleme des Tages anzugehen, und das fällt natürlich oft auf den israelisch-palästinensischen Konflikt zurück.

Es geht nicht darum, jede Israelkritik als antisemitisch abzutun, wie mancher abwehrend argumentieren könnte. Vielmehr wäre zu lernen, wo eine Grenze gezogen werden könnte zwischen ehrlicher Kritik und dem schlecht getarnten Wunsch, dass Israel von der Landkarte verschwindet. Ich wünschte, ich hätte der Frau, die ich kürzlich getroffen habe, gesagt: „Natürlich sind wir uns einig, dass nicht jede Kritik an Israel antisemitisch ist. Und deshalb würden Sie nicht zustimmen, dass manche Kritik es eben doch ist?“ Manche, die die Diskussion über den Postkolonialismus mit Israel in Verbindung bringen, sagen, dass sich Israel von seinem gesamten Territorium zurückziehen sollte – so, wie sich die Europäer aus ihren Kolonien zurückgezogen haben.

Der Vergleich ist fadenscheinig. Was auch immer man von Siedlungen im Westjordanland und dem israelischen Rückkehrgesetz hält: Juden haben praktisch immer in diesem Teil der Welt gelebt. Und wenn man überhaupt an Nationalstaaten glaubt, dann haben Juden genauso viel Recht auf einen wie jeder ihrer Nachbarn. Diejenigen, die Israel mit einer Kolonialmacht vergleichen, scheinen sich seine Auflösung zu wünschen und sollten dies sagen. Sie sollten aufhören, sich in dem Schafspelz der postkolonialistischen Aufklärung zu verstecken. Natürlich müssen sich alle Menschen in Deutschland mit der deutschen Kolonialgeschichte beschäftigen. Es müssen unter anderem Wiedergutmachungen geleistet und gestohlenes Kulturerbe zurückgegeben werden. Auch mein Heimatland, die USA, muss sich seiner Vergangenheit stellen, etwa der Sklaverei und Entrechtung von Schwarzen über Jahrhunderte.

Aber es gibt eine rote Linie in der deutschen Diskussion. Ob in der Kontroverse um Äußerungen von Achille Mbembe oder von Kuratoren auf der Documenta: Die Tendenz, intersektionale Ansätze zu suchen, führt manche Aktivisten von ihrem erklärten Ziel – der Befreiung von Unterdrückung – weg. Und in den Treibsand der Verharmlosung, der Relativierung oder gar des Antisemitismus. Vor allem, wenn sie den jüdischen Staat allein auffordern, sein Unrecht zu korrigieren, indem er aufhören soll, sich gegen existenzielle Bedrohungen zu verteidigen.

Wer sagt, er könne in Deutschland seine Meinung zu Israel nicht frei äußern, sollte wissen: Israelkritik war hier nie verboten, und es ist auch nicht illegal, sich den Untergang Israels zu wünschen. Zwar hat die Bundesregierung offiziell die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) als Leitlinie übernommen, die einige Äußerungen der Israelkritik für antisemitisch hält. Aber selbst nach dieser Richtlinie (die kein Gesetz ist) ist der Spielraum für Kritik an Israel ziemlich groß.

Kurz gesagt, genauso wie Zionisten nicht vor einer ehrlichen Diskussion mit Kritikern einiger israelischer Politiken zurückschrecken sollten, sollten auch Kritiker Israels – einschließlich derer, die ihre Kritik in Empörung über die Ungerechtigkeiten des Kolonialismus kleiden – eine ehrliche Debatte führen. Sie sollen es deutlich machen können, dass sie nicht versuchen, Israel zu demontieren. Beide Seiten sollen klarmachen, dass sie auch bereit sind, selbstkritisch zu sein. Ansonsten ist keine Diskus­sion möglich. Es ist in Ordnung, wenn Kritik an der israelischen Politik zu ihren Lieblingszielen gehört. Aber wenn sie offensichtlich nur von Israel so besessen sind, sollten sie einen Schritt zurücktreten und sich fragen, warum. Wenn all ihre Wege der postkolonialen Kritik nach Israel führen oder all ihre Sorge um den Antisemitismus nichts mit seinen Opfern zu tun hat, ist auf ihrem Weg etwas faul. 

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