Den Machtlosen eine Stimme geben

Die Mayareporterin Norma Sancir in Guatemala kämpft für die indigene Bevölkerung
Norma Sancir (links) bei ihrer Arbeit: „Sie können Journalisten mundtot machen, aber die Wahrheit wird trotzdem nicht verstummen.“
Foto: Andreas Boueke
Norma Sancir (links) bei ihrer Arbeit: „Sie können Journalisten mundtot machen, aber die Wahrheit wird trotzdem nicht verstummen.“

Norma Sancir ist Journalistin mit Leib und Seele. Das gibt ihrmdie Möglichkeit, für die Rechte der Chortí in Guatemala einzutreten. Die indigene Bevölkerungsgruppe leidet unter Unterdrückung durch den Staat und große Konzerne. Doch der Kampf für die Chortí ist gefährlich.

Im alten Zentrum von Guatemala-Stadt: Einige Dutzende Journalistinnen und Sympathisanten demonstrieren gegen die Inhaftierung von Kolleginnen und Kollegen. Die freiberufliche Reporterin Norma Sancir macht Fotos. Sie stammt aus dem Mayavolk der Kaqchikel. „Gerade wir Frauen aus der Mayabevölkerung werden in der Medienbranche stigmatisiert. Die Regierung, das Justizsystem, die etablierten Presseverlage und die nationalen Sender erkennen unsere freiberufliche Arbeit nicht als legitim an.“ Die Pressefreiheit in Guatemala werde genauso wenig respektiert wie das Recht der Bevölkerung auf vielfältige Information. Mit dem Anliegen des Protestzugs kann sie sich gut identifizieren: „Sie können Journalisten mundtot machen, aber die Wahrheit wird trotzdem nicht verstummen.“

Einen großen Teil ihrer journalistischen Karriere hat Norma Sancir in ländlichen Gebieten des Ostens von Guatemala verbracht. Die abgelegene Region des Mayavolks der Chortí ist vor allem dafür bekannt, dass dort die Rate chronischer Unterernährung besonders hoch ist. Zwei von drei Kindern bekommen nicht genug zu essen. „Noch weniger Aufmerksamkeit bekommt der Kampf der Chortí um die Bewahrung ihrer Lebensgrundlage“, meint Norma Sancir. In den kleinen Dörfern der Umgebung der Ortschaft Olopa hat die engagierte Gemeindereporterin viele Freunde gefunden, so auch den 33-jährigen Ubaldino García: „Ich bin im Widerstand unseres Dorfes gegen ein Bergbauprojekt aufgewachsen“, erzählt er. „Wir wollen den Wald und die Wasserläufe vor der Zerstörung durch die Maschinen eines multinationalen Minenkonzerns schützen. Doch die Regierung hat unseren legitimen Protest kriminalisiert. Ich wurde inhaftiert, genauso wie 22 weitere Personen, die sich gegen die Firma aufgelehnt haben.“

Wenn in Guatemala-Stadt indigene Gemeinden für die Anerkennung ihrer Rechte demonstrieren, sind meist auch Gemeindereporter dabei.
Foto: Andreas Boueke

Wenn in Guatemala-Stadt indigene Gemeinden für die Anerkennung ihrer Rechte demonstrieren, sind meist auch Gemeindereporter dabei.

 

Seit sie vor über zehn Jahren das erste Mal nach Olopa gekommen ist, hat Norma Sancir viele Aktionen des Widerstands gegen das Bergbauunternehmen begleitet. Anfangs war sie aus journalistischer Neugier dabei, mit der Zeit aber ging es ihr immer mehr darum, den Kampf der Bevölkerung zu unterstützen. „Es empört mich, wenn ich die Verschmutzung der Flüsse sehe, wenn ich beobachte, wie die Bergbauindustrie ganze Berge zerstört, wenn Wasserquellen verschwinden, wenn Bäume gefällt werden, wenn die Tiere ihren Lebensraum verlieren. All das spüren wir Mayas in unserer Seele. Die enge Beziehung zur Mutter Erde ist ein wichtiger Teil unseres Lebens.“

Oft reagiert die Polizei sehr aggressiv auf die Proteste der indigenen Bevölkerung.
Foto: Andreas Boueke

Oft reagiert die Polizei sehr aggressiv auf die Proteste der indigenen Bevölkerung.

Es hat eine Weile gedauert, bis Ubaldino García die Arbeit der Reporterin wertgeschätzt hat. Doch sobald er erkannte, dass sie nicht nur ein paar Fotos macht oder Interviews führt, fasste er Vertrauen: „Sie hat sich wirklich auf das kollektive Leben unserer Gemeinde eingelassen und unseren Kampf begleitet. Mit ihren Texten verteidigt sie die Rechte unseres Volkes.“ Norma Sancir hat beobachtet und dokumentiert, wie sich die staatlichen Instanzen auf die Seite der ausländischen Firma gestellt haben. „Die berechtigten Sorgen der lokalen Bevölkerung werden nicht ernst genommen. Die Leute bitten um Termine mit dem Bürgermeister, im Bergbauministerium, bei Kongressabgeordneten. Nirgends wird ihnen wirklich zugehört. Sie bekommen keine Hilfe.“

Im Journalistikstudium an der staatlichen Universität Guatemalas hat Norma Sancir gelernt, dass in vielen westeuropäischen Redaktionen großer Wert auf eine objektive und möglichst neutrale Berichterstattung gelegt wird. Diesen Ansatz kann sie respektieren, fühlt sich ihm aber nicht verpflichtet. Ihre Loyalität gilt vor allem der Mayabevölkerung, die unter Armut und Repression leidet. Diesen Menschen will sie ein Forum geben, weil ihre Stimmen sonst nahezu nie gehört werden: „Mein Ziel ist es, die Lebensbedingungen der Ärmsten sichtbar zu machen, über ihre Realität zu berichten.“ Wenn zum Beispiel die Polizei brutale Taktiken der Aufstandsbekämpfung nutzt, um Mayagemeinden von ihrem Land zu vertreiben, dann tue sie das meist im Verborgenen. Ganze Hundertschaften gewalttätiger Polizisten könnten die Interessen einiger weniger Großgrundbesitzer durchsetzen, ohne dass die Gesellschaft davon erfährt. „Das möchte ich ändern.“

Hohe Mordrate

Guatemala ist eines der gewalttätigsten Länder Lateinamerikas. Auch jetzt in Friedenszeiten ist die Mordrate höher als in vielen Kriegsgebieten der Welt. Wenn Reporterinnen kritisch berichten, provoziert das nicht selten gewaltsame Reaktionen einflussreicher Konzerne, repressive Antworten staatlicher Behörden oder gar tödliche Schläge skrupelloser Drogenkartelle. Norma Sancir ist sich der Gefahr bewusst: „Je mächtiger die Leute sind, desto mehr Angst haben sie, die Kontrolle zu verlieren. Sie meinen, sie müssten die indigenen Völker unterdrücken, um ihre eigenen Privilegien zu bewahren.“

Eine Mayazeremonie während eines Protests in Guatemala-Stadt.
Foto: Andreas Boueke

Eine Mayazeremonie während eines Protests in Guatemala-Stadt.

 

Einmal hat Norma Sancir über die Hintergründe eines Landkonflikts recherchiert. „Die Polizei war gerade dabei, die angeblich illegalen Landbesetzer zusammenzutreiben. Die Luft war voller Tränengas. Als ich Fotos machte, war ich plötzlich von Polizisten umringt. Sie haben mich gepackt, obwohl ich rief, dass ich Journalistin sei: ‚Was macht ihr denn? Ich habe das Recht, hier zu sein!‘ Aber sie hörten nicht auf mich.“ Der jungen Frau wurden Handschellen angelegt. Sie war wütend und verängstigt. „Die Polizisten verhielten sich vulgär und gewalttätig. Sie haben mich sehr aggressiv behandelt, so als wäre ich eine gefährliche Kriminelle. Der Richter hat mir gar nicht erst zugehört. Ich kam ins Gefängnis, obwohl ich mich als Gemeindereporterin ausweisen konnte. Mir blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten, was geschehen wird.“

Indigene Frauen demonstrieren gegen die Korruption in Guatemalas Justiz und Politik.
Foto: Andreas Boueke

Indigene Frauen demonstrieren gegen die Korruption in Guatemalas Justiz und Politik.

 

Die Anklage lautete: Unterstützung einer kriminellen Vereinigung. Schon bald nach der ersten Anhörung durch den Richter wurde die Jurastudentin Ramona Chocón auf den Fall aufmerksam. Sie arbeitet als Assistentin einer Vereinigung indigener Anwältinnen: „Norma Sancir wurde attackiert, weil sie als Reporterin der Aufwiegler galt und weil sie über die angeblich Unregierbaren schreibt. Das Justizsystem sieht die Demonstranten als Gegner, als Leute, die sich gegen den Fortschritt und die wirtschaftliche Entwicklung stellen.“

Unterdrückte Urbevölkerung

Dank der Unterstützung nationaler und internationaler Presseverbände kam Norma Sancir frei, ohne dass es zu einer Hauptverhandlung kam. „Als ich freigelassen wurde, ging ich sofort zur Staatsanwaltschaft. Ich habe die Polizisten angezeigt, die mich festgenommen hatten. Das war Autoritätsmissbrauch.“ Das Verfahren läuft noch und belastet Sancir finanziell wie emotional. „Aber ich will nicht, dass wir Lokalreporterinnen weiter daran gehindert werden, unsere Arbeit zu machen. Wir sollten berichten können, ohne kriminalisiert zu werden, ohne inhaftiert zu werden, ohne geschlagen zu werden, ohne ermordet zu werden.“

Kaminal Juyu war eine der wichtigsten Städte der Mayavölker. Der heutige Park wird auch für religiöse Zeremonien genutzt.
Foto: Andreas Boueke

Kaminal Juyu war eine der wichtigsten Städte der Mayavölker. Der heutige Park wird auch für religiöse Zeremonien genutzt.

 

Die Unterdrückung der Urbevölkerung Mittelamerikas begann vor über fünfhundert Jahren mit der Ankunft der europäischen Eroberer. Und noch immer liegt die wirtschaftliche und politische Macht in Guatemala in den Händen weniger reicher Familien. Ein sehr kleiner Teil der Gesellschaft zeigt nahezu keine Skrupel, alle Mittel einzusetzen, um den Fortbestand seiner Privilegien zu sichern. Zudem hat der politische Einfluss mafiöser Strukturen und internationaler Kokainkartelle deutlich zugenommen. Für sie ist Guatemala ein wichtiges Transitland auf der Route von Südamerika in die USA. Vor dreißig Jahren haben sich die Drogenbosse noch damit begnügt, vereinzelt lokale Bürokraten und Bürgermeister zu korrumpieren. Heute haben sie eigene Kandidaten im Kongress installiert und einen großen Teil der Angestellten des Justizwesens unter ihre Kontrolle gebracht. Die wenigen noch unabhängigen Richterinnen und Staatsanwälte werden bedroht und unter Druck gesetzt. Einer nach dem anderen gibt sein Amt auf, wird festgenommen oder flieht ins Exil. Staatliche Behörden, die eigentlich Korruption und Straflosigkeit verhindern sollen, werden von Personen geleitet, die selbst als korrupt gelten oder die in Gruppen des organisierten Verbrechens involviert sind. Eine Mehrheit der Richter und Richterinnen des Obersten Gerichtshofs und der Abgeordneten des Parlaments setzt sich für eine Beendigung der Untersuchung und Strafverfolgung zahlreicher Korruptionsfälle ein.
In Momenten der größten Verzweiflung sucht Norma Sancir Trost in den religiösen Traditionen ihres Volkes. Zur Zeit wohnt sie in einer Siedlung im Westen von Guatemala-Stadt, nur ein paar Straßenblocks entfernt von einem kleinen archäologischen Park. Die Ruinen waren einst Gebäude einer der größten Städte der antiken Mayakultur. „Auf diesem Land haben früher die Bewohner der Stadt Kaminal Juyu gelebt. Dort drüben beginnt ein Park, der heute als zeremonieller Ort genutzt wird. Priester der Mayareligion kommen hierher, um spirituelle Riten unserer Kosmovision zu praktizieren.“

Auffällige Hügel

Kaminal Juyu war eine der wichtigsten Städte der Mayavölker. Noch vor wenigen Jahrzehnten existierten in der Umgebung viele auffällige Hügel, die Hinweise darauf gaben, wo interessierte Archäologen vorkoloniale Ruinen hätten finden können. Doch mittlerweile ist der Boden asphaltiert oder mit großen Einkaufszentren und modernen Wohnkomplexen bebaut. Die Stadtplaner hatten offenbar kein Interesse an einer Bewahrung der historischen Zeugnisse. Heute existiert nur noch eine kleine Fläche – notdürftig umzäunt –, auf der ein paar Ausgrabungsorte geschützt werden. Am Eingang zu dem eher ungepflegten Park kassiert ein bewaffneter Wärter Eintritt. Im Norden des Parks steht einer der Altäre, die für Zeremonien genutzt werden. „Die spirituellen Führer unserer Religion nennen wir Tatas und Nanas. Sie sprechen mit dem Universum und dem Feuer. So bedanken sie sich bei dem Schöpfer des Himmels und bei dem Herz der Erde.“

Über die Hälfte der Bevölkerung Guatemalas ist Angehörige eines indigenen Volkes.
Foto: Andreas Boueke

Über die Hälfte der Bevölkerung Guatemalas ist Angehörige eines indigenen Volkes.

 

Noch vor wenigen Jahren war es in dem Park verboten, Kerzen anzuzünden, Blumen zu verstreuen und all die Materialien einer Mayazeremonie mitzubringen. Für viele Christen in Guatemala gelten die Riten der Mayareligion noch immer als Hexerei. Im Laufe der Jahrhunderte wurden viele praktizierende Mayapriester ermordet. So konnten ihre spirituellen Traditionen lange nur im Verborgenen überdauern, erzählt Norma Sancir. „Die Mayapriester wurden ermordet, weil sie für unsere Religionsfreiheit eingestanden sind. Sie sind Märtyrer. Trotz der Gefahr haben sie an ihrem Glauben festgehalten. Dafür mussten sie mit ihrem Leben bezahlen.“ 

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