Keine Zeitenwende

Wie der Blick in die Bibel Realitätssinn fördern kann
Zerstörter russischer Panzer in der Ortschaft Lukaschiwka bei Tschernihiw im Norden der Ukraine am 7. September.
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Zerstörter russischer Panzer in der Ortschaft Lukaschiwka bei Tschernihiw im Norden der Ukraine am 7. September.

Von wegen Zeitenwende: Verhältnisse und Gemütslagen wie die, die jetzt durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine in unseren Breiten ausgelöst werden, gibt es seit Menschengedenken. Die biblischen Schriften können in solchen Lagen einen realitätsfördernden Blick eröffnen, wie Eve-Marie Becker, Professorin für Neues Testament an der Universität Münster, aufzeigt.

Der Krieg Putins gegen die Ukraine begann am 24. Februar 2022. Seitdem geht er mit großer Brutalität von Tag zu Tag weiter. Inzwischen ist von einem Abnutzungskrieg die Rede. Die Folgen des Krieges sind weltweit sichtbar und bleiben – vielleicht sogar langfristig – unabsehbar, und die Bedrohungen durch den Krieg reichen weit über die nationalen Grenzen der Ukraine hinaus.

Sie haben kosmopolitische Bedeutung. Die europäischen Länder werden voraussichtlich im Winter zumindest die wirtschaftlichen und energiepolitischen Folgen, die Krieg und Sanktionspolitik bedeuten, zu spüren bekommen. Die politische Debatte in Deutschland fokussiert einstweilen auf die Füllstände der Gastanks und die sogenannten Entlastungspakete für die Bürgerinnen und Bürger, um diesen möglichst wenige Einschränkungen zumuten zu müssen. Die Ernährungs- und Versorgungssituation im sogenannten Globalen Süden dagegen ist in Teilen eine existenzielle Frage.

In der europäischen Politik wurde der Überfall Putins vom 24. Februar als „Zeitenwende“ verstanden. Der Krieg hat seither eine Diskussion über diese Zeitenwende ausgelöst. Die russische Aggression gegen das nach Westen strebende Brudervolk legt offen, wie verwundbar friedensverwöhnte Politik und Diplomatie waren, die seit den 1990er-Jahren in großen Teilen zusammen mit der Wirtschaft fernab von autokratischer Aggressionsdoktrin dachten and agierten. Doch Autokratie, Diktatur, Tyrannei, Mord, Erpressung und Zerstörung sind lange schon zurück – nun auch der Krieg, und zwar mitten in Europa. Selbst vormalige Friedensaktivisten haben sich bereits vor Monaten für die schwere Bewaffnung der Ukraine ausgesprochen und stimmen einer massiven Erhöhung der Militärausgaben in Deutschland und Europa zu. Im Eiltempo scheint die so empfundene und kommunizierte Zeitenwende das Koordinatensystem politischen Denkens und Handelns in Deutschland verschoben zu haben. Doch mit dem Abnutzungskrieg kommt die Zermürbung. Umso wichtiger ist es, sich vorzusehen und nachzudenken, und die Zeit im Blick zu behalten, wie bereits Jesus von Nazareth in den Evangelien mahnte (Markus 13,33).

Was aber bedeutet es, die Zeit als Ganze im Blick zu behalten? Wer die Antike – und mit ihr die Bibel – studiert, kann kaum von einer Zeitenwende im Februar des Jahres 2022 sprechen. Das kulturelle Gedächtnis reicht weiter und fördert zu Tage, was eine nur kurzlebig getaktete Zeitgeschichtsschreibung zu verwirren scheint. Seit der Ilias und letztlich seit Kain und Abel setzen Menschen auf Zerstörung, Gewalt, Tod und Brudermord. Phasen von Wandel durch Handel oder Wandel durch Annäherung gehören gleichfalls zu den Grundmustern politischer Interaktion. Doch waren sie nie von Bestand. Denn Krieg und Kriegserfahrung kehren wieder. Sie sind dauerhaft treibende Faktoren in der Menschheitsgeschichte. So verkehrt sich der Handel schnell in Erpressung durch Grundnahrungsmittel.

Mit dem Krieg gehen dessen Ideologisierung durch die Kriegstreibenden und die Verbreitung von Lügen einher – Kennzeichen einer Doktrin, die sich der Vernichtung von Menschen, die zu Feinden erklärt werden, verschrieben hat. Selbst diejenigen, die nur kämpfen, um sich und ihr Land zu verteidigen, werden sich zwangsläufig in Unwahrheiten verstricken. Denn die etwa beim lateinischen Dichter Horaz überlieferte Devise „Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben“ (dulce et decorum est pro patria mori: Carmina 3,2) ist letztlich euphemistisch und niemals wahr. Zu viele Kriegsgräber, Soldatenfriedhöfe, Mahnmale zeugen vom Gegenteil. Und schlimmer noch: Unzählbar vielen Tausenden Soldaten und Kriegsopfern wurde noch nicht einmal die letzte Ehre eines Begräbnisses zuteil – ihre Knochen sind irgendwo verscharrt oder wurden, wie die jüngste Aufarbeitung der Waterloo-Geschichte von 1815 zeigt, für die Zuckerproduktion genutzt. Gegen alle Kriegstreiberei stehen wiederum die Worte des kürzlich verstorbenen, glücklos wirkenden Politikers Michael Gorbatschow, die er noch vor wenigen Jahren bei einem Festessen seinen Gästen zurief: „Krieg verbieten!“ Doch Kriege kommen und bleiben. Aus neutestamentlicher Sicht sind sie Zeichen böser Zeit. Im kulturellen Gedächtnis der Menschheit haben Kriege tiefen Nachhall erzeugt und nachhaltige Sinndeutungen produziert.

Antike Texte – und dazu gehören die Schriften des Alten und Neuen Testaments – sprechen von unzähligen Kriegen seit dem Trojanischen Krieg. Die antike Geschichtsschreibung leitet sich in großen Teilen von Kriegen und ihrer Deutung her. Sie entwickelt sich in wesentlichen Zügen aus der bellum-Literatur. Das gilt spätestens seit Herodot und Thukydides und wird in exemplarischer Weise bei Josephus im ersten Jahrhundert nach Christus sichtbar. Der erste jüdisch-römische Krieg wird zu seinem Lebensthema. Der unter kaiserlicher Patronage tätige jüdische Schriftsteller aus Jerusalemer Priestergeschlecht schreibt extensiv über den Aufstand der Juden gegen die Römer in den Jahren 66-70 und über den Fall des Jerusalemer Tempels – ein Triumph für die Römer, der maßgeblich den Aufstieg der Flavier begründete und bis heute am Titusbogen sichtbar bleibt, und ein Trauma für die Juden, dessen Folgen ebenfalls bis in die Gegenwart an der Klagemauer abzulesen sind.

Umstritten bleibt schon im antiken Diskurs, ob Krieg nötig oder schädlicher und elender Streit sei oder gar als „Vater aller Dinge“ wie ein Motor Fortschritt und Innovation wirke (so Heraklit, Fragmente 53). Ein vertiefter Blick in die antiken Quellen konfrontiert friedenszeitgeprägte Lektüregewohnheiten mit der kriegerischen Form von Lebensrealität, die die Menschheitsgeschichte seit Jahrtausenden auf tödliche und in Teilen selbstzerstörerische Weise wie ein roter Faden durchzieht.

Apokalyptische Rede

Vermutlich zeitgleich mit Josephus, kurz nach dem Jahre 70, ist Markus, der Verfasser der frühesten Evangelienschrift, vermutlich im angrenzenden syrischen Raum, in den er selbst vor dem jüdisch-römischen Krieg geflohen ist (Markus 13,14), tätig. Markus thematisiert den Krieg in seiner eigenen Weise: Er sieht ihn als böses Zeichen der Endzeit. Es ist umstritten, wieweit das Markusevangelium konkret Bezug zur politischen und militärischen Zeitgeschichte herstellt und sich gar als Zeitgeschichtsschreibung im Rothfels’schen oder Koselleck’schen Sinne begreifen lässt. Die Entretiens sur l’Antiquité classique der Fondation Hardt in Genf diskutierten im Sommer 2021 genau diese Fragen: Was ist Zeitgeschichtsschreibung? Welche Rolle spielen Kriege in der Entwicklung antiker Zeitgeschichtsschreibung? Wie passen die Evangelien in den antiken Diskurs- und Gattungsrahmen? Wieweit ist die Entstehung der Evangelienform sogar durch die zeitgeschichtlichen Ereignisse der Jahre 66 – 70 nach Christus konkret (mit)beeinflusst?

In Markus 13 lesen wir – im Übergang von Jesu Lehre in Jerusalem (Markus 11–12) zu seiner Verhaftung und Hinrichtung (Markus 14–15) – eine apokalyptisch anmutende Endzeitrede, in der der jüdisch-römische Krieg eine wichtige Bedeutung hat, obwohl er nur die Hintergrundfolie für die Zeitdeutung durch Markus bilden dürfte. Jesus sieht die Zerstörung des Tempels voraus. Er nennt zudem eine Reihe von Zeichen, an denen die sogenannte Endzeit – als Zeit der Bedrängnis – sichtbar werden wird. In einer Motivreihe werden folgende Zeichen genannt: „Wenn Ihr hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei … Es wird sich ein Volk gegen ein Volk und ein Königreich gegen ein Königreich erheben … Es werden Hungersnöte sein … Weh aber den Schwangeren und Stillenden in jenen Tagen! Bittet aber, dass es nicht im Winter geschehe …“ (Markus 13,7–18).

Nicht nur werden uns bei der Zerstörung der Geburtsklinik in Mariupol im März 2022 die Wehe-Worte Jesu über die Schwangeren (Markus 13,17) in den Sinn gekommen sein. Auch die russische Militärtaktik ist in Jesu Rede gespiegelt: Der Angriff wird möglichst dann begonnen (oder weitergeführt), wenn die Böden noch gefroren sind und so das Vorrücken der Panzer erlauben – also im Winter, in einer Jahreszeit, in der zudem die Zivilbevölkerung im Blick auf Kälte und Nahrung besonders gefährdet ist. All das lesen wir schon bei Markus (Markus 13,18). Nun steht ein neuer Winter bevor: Wie wird sich der Krieg in der Ukraine in den kommenden Monaten weiterentwickeln? Sind wir vorbereitet, weil wir die „Zeichen der Zeit“ erkennen?

Das Motivinventar, das die Endzeitrede in Markus 13 aufbietet, ist voll von topisch geformtem Wissen über Kriege, Hunger und Erdbeben als Katastrophenlagen. Wer diese Texte liest und studiert, wird mit jenem Teil der Realität konfrontiert, der seit jeher menschliches Leben mitbestimmt, in Europa aber in den langen Friedensjahren seit 1945 weitgehend verdrängt wurde. Menschen rund um den Globus sind nicht nur durch Naturkatastrophen ständig gefährdet, sondern zudem dem Überleben unter den willkürlich anmutenden Bedingungen menschlichen Mit-, besser: Gegeneinanders ausgesetzt. Die Ausübung von Macht und Gewalt schafft Leiden und Leid und gilt doch seit jeher als politische Doktrin: „Ihr wisst, dass diejenigen, die als Herrscher gelten, ihre Völker niederhalten und ihre Mächtigen ihnen Gewalt antun“ (Markus 10,42), wie Jesus seine Jünger an anderer Stelle im Evangelium belehrt.

Auch vor ideologischer Verführung warnt Jesus. Verführung, Lüge, Betrug gehen mit den Schrecken des Krieges als Katastrophenlage einher. Putins Krieg gegen die Ukraine wird mit einem schier grenzenlosen Ausmaß an Lüge und fake, Betrug und Desinformation geführt und medial inszeniert. Es entstehen sogar sogenannte Cyber-Instant-Gerichte. Der Aufruf Jesu zu Wachsamkeit und kritischer Scheidung der Geister (Markus 13,21–23) wird hier genauso überlebenswichtig wie die Flucht für diejenigen, die von Waffen und Munition an Leib und Leben bedroht sind: „Sie werden euch Gerichten übergeben … Und ein Bruder wird den Bruder in den Tod geben und ein Vater sein Kind … Es werden sich nämlich Pseudochristusse und Pseudopropheten erheben und Zeichen und Wunder daraufhin tun, wenn möglich, die Erwählten irrezuführen …“ (Markus 13,9 und 12 und 22). Die Jesus-Rede hält uns einen bedrückenden Spiegel realer Zeitdeutung vor Augen.

Die antiken – und mit ihnen die biblischen – Schriften bilden zugleich die Gesteinsschichten unserer Welt- und Kulturgeschichte, auf denen alle überlieferten Gedankengebäude und ererbten Lebenserfahrungen der Gegenwart aufruhen. Es mag sein, dass gerade die apokalyptische Motiv- und Sprachwelt, der die orthodoxe Theologie schon ikonografisch erkennbar nahesteht – wie sich an der gewichtigen Rezeption der Johannes-Apokalypse in den Ostkirchen zeigt –, auch in Putins viel beschworenem Kopf präsent ist. Sollten wir sie nicht besser kennen? Allein schon deswegen, um aufklären zu können, was die bedrohliche Bildersprache der biblischen Apokalyptik aussagt?

Schonungsloser Realitätssinn

Jesu Sinn für die schonungslose Beschreibung machtpolitischer Realitäten hat eine vierfache Stoßrichtung. Jesus zielt erstens darauf, seine Nachfolger und Nachfolgerinnen auf Verfolgung und Bedrohung kosmischen Ausmaßes vorzubereiten und ihnen zweitens – letztendlich – Rettung aus ebendieser Bedrängnis anzusagen (Markus 13,24–27 und 31). Im Endzeitkampf wird Gott sich auf die Seite derer stellen, die dem Beispiel Christi folgen. Menschliche Macht und Willkür werden nicht siegen. Jesus zielt drittens darauf, seine Jüngerschaft zur sachgemäßen Deutung von Zeit zu befähigen: „Vom Feigenbaum her lernt das Gleichnis…“ (Markus 13,28), damit sie wachsam seien und viertens – in der noch verbleibenden Zeit – angeleitet werden, das Ethos Jesu umsetzen: Denn so wie die Herrscher ihre Völker mit Macht und Gewalt niederhalten, „ist es unter Euch nicht, sondern wer groß sein will unter Euch, der soll Euer Diener sein … Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, sich dienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben“ (Markus 10,43–45).

Wiederkehrende Welterfahrung

Bibelwissenschaft führt in die weltpolitische Realität, und zwar in Vergangenheit und Gegenwart. Wer 2022 von einer „Zeitenwende“ in Europa spricht, scheint zu offenbaren, dass (westliche) Diplomatie und Politik weithin vergessen hatten, was kein Historiker und kein Theologe aus dem Blick verlieren kann: Diese Welt – und mit ihr Europa – war und ist kein friedlicher Ort. Je mehr und je genauer wir das verstehen und im Studium der Texte, die wiederkehrende Welt- und Lebenserfahrungen bewahren, verifizieren, desto mehr sind wir mit diesem Teil der Realität vertraut und legen sowohl die naive Ahnungslosigkeit ab, in der wir die Welt betrachten, als auch jede mögliche großsprecherische Überheblichkeit, mit der wir Papiere, Pläne, Handlungspakete entwickeln – beides hatte schon Jesus bei seinen engsten Freunden getadelt (Markus 8,31–33 und 14,28–31).

So ist nicht nur die Institution Kirche in Deutschland gefragt, ihre programmatische Friedensethik zu überdenken, oder die Orthodoxie in Russland verpflichtet, ihre verantwortungslose Verführungsgewalt aufzugeben. Überall da, wo Kirchen, Christen, Religionsgemeinschaften zusammenkommen, um Fragen der Zeit zu besprechen oder Strategien für die Zukunft zu beraten, braucht es den realitätsfördernden Blick auf die Welt, den die (biblischen) Schriften eröffnen. Mehr noch: Die Gesellschaften als Ganze – in Deutschland und in Russland (und auf lange Sicht auch in der Ukraine) so wie andernorts – benötigen zum Überleben und bei der – wenn möglich: gemeinsamen – Gestaltung ihrer Zukunft eine wachsame Theologie, die aus biblischer Quellenkunde und kritischer Textinterpretation erwächst. „Passt aber auf! Ich habe Euch alles vorhergesagt!“ (Markus 13,23) 

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Eve-Marie Becker

Dr. Eve-Marie Becker ist Professorin für Neues Testament an der Evangelisch-Theologischen Fakultät an der Universität Münster und Mitglied im Kammernetzwerk der EKD und dessen Steuerungsboard.


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