Blaphemie in Blau

Ein neues Kirchenfenster zeigt Gott als alten Mann

Die evangelische Kreuzeskirche in Essen besitzt seit einem Monat die weltweit einzigen Kirchenfenster, die der Pop-Art-Star James Rizzi (1950–2011) entworfen hat. Und eigentlich müsste man Pfarrer Steffen Hunder gratulieren, dass es ihm persönlich gelungen ist, den New Yorker Künstler für das Projekt zu gewinnen. Schließlich stellen seine Fenster, kunterbunt, auf blauem Untergrund, Jesus in den Mittelpunkt. Er ist umgeben von verschmitzt lächelnden Engeln. So weit so gut. Und man ist geneigt, Pfarrer Hunder zuzustimmen, der bei der Einweihungspredigt laut WDR sagte: „Mit seinen farbenfrohen und lebendigen Bildern will uns James Rizzi für die einladende Botschaft der Bibel begeistern: Gottes Liebe gilt allen Menschen.“ Nur – hinter, über Jesus steht noch ein alter Mann mit langem grauen Haaren und Bart. Er soll Gott, den Vater, darstellen. Aber da hört der Spaß auf. Und zwar aus mehreren Gründen: Für Juden ist eine bildliche Darstellung Gottes Gotteslästerung, Blasphemie. Und bei allen sonstigen Unterschieden stimmen Christen mit ihnen darin überein, auch wenn christliche Renaissancekünstler wie Matthias Grünewald und Michelangelo Gott gemalt haben. Denn der Clou des jüdisch-christlichen Monotheismus ist: Gott will sich nicht festhalten lassen. Davon erzählt die Geschichte vom brennenden Dornbusch im Zweiten Mosebuch. Mose „verhüllte sein Angesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“. Und als er Gott nach seinem Namen fragte, antwortete der nur: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Dem entsprechend verbietet das Zweite Gebot in jüdischer und reformierter Zählung, Gott abzubilden. Wie immer man die erwähnten Bibelstellen auslegt, es geht um Gottes Freiheit und Unverfügbarkeit. Bilder, die Gott als alten Mann darstellen, muss man ablehnen, weil sie vier falsche Vorstellungen wecken, befördern und verankern: 1. Gott ist harmlos. 2. Gott ist eine Projektion des Menschen. 3. Gott ist ein Mann, keine Frau. 4. Gott hat eine weiße Hautfarbe. Essen gehört zur Rheinischen Kirche. Sie betont in ihrer Kirchenverfassung die besondere Verbundenheit von Juden und Christen und pflegt den christlich jüdischen Dialog. Wie ist es möglich, dass Gott ausgerechnet dort noch als alter Mann dargestellt wird? Zur unierten Landeskirche des Rheinlandes gehören viele reformierte Gemeinden. Sie stehen in der Tradition des Genfer Reformators Johannes Calvin. Gerade die Reformierten haben das Bilderverbot des Alten Testamentes ernst genommen. Denn ihnen ist bewusst, dass der Mensch eine „Götzenbilderfabrik“ ist, wie Calvin erkannte. Häufig beklagen die Reformierten, dass sie als Minderheit im deutschen Protestantismus nicht wahr- und ernstgenommen werden. Dabei würde ihnen das Essener Kirchenfenster die Möglichkeit geben, ihr Anliegen und Profil deutlich zu machen. Genauso erstaunt, dass weder feministische Theologinnen protestiert haben, noch pietistische evangelikale Kreise, die sich gern als „bibeltreu“ bezeichnen. Die EKD zeigt das Fenster auf ihrer Webseite – allerdings ohne den oberen Teil mit Gott, dem Vater. Aber die Überschrift „Superstar Jesus und der lachende Gott-Vater“ hätte Theologen in der EKD auf den Plan rufen müssen. Eine Abbildung Gottes müsste auch Lutheraner empören, die Bilder und Figuren in Kirchen akzeptieren.

Jürgen Wandel

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