Fensterträume

Ein Punktum
Musik ist ein tolle Sache. Aber es sollte immer ein geöffnetes Fenster in der Nähe sein...

Ich liebe den Öffentlichen Personennahverkehr, ehrlich. Was mich aber mehr und mehr beschwert ist die Belästigung durch unsichtbare Musik. Damit meine ich Popmusik jeglicher Art, die in Bussen, Straßen-, S- und U-Bahnen aus schlecht isolierten Kopfhörern schallt, aber heutzutage quillt der Lärm längst nicht mehr nur aus Kopfhörern, sondern wird "live" von mehr oder zumeist minder begabten Hobbymusikern inszeniert. Ob der überfallene Fahrgast für das Geschrammel gerade in Stimmung ist, spielt keine Rolle.

Nun gut, dies alles könnte man noch cum grano salis als Aktionskunst verstehen. Kürzlich aber marschierte ein junger Mann mit einem Leinenbeutel über der Schulter, in dem sich offensichtlich ein Bluetooth-Lautsprecher befand, durch die S-Bahn. Alle paar Meter blieb er stehen, löste mit seinem Smartphone ohrenbetäubende Rockmusik aus und hielt den nahe sitzenden Fahrgästen frech die Mütze hin. Waren seiner Ansicht nach genügend Münzen hineingefallen, stoppte er den infernalischen Leinenbeutel-Lärm, zog ein paar Meter weiter und das Spektakel begann erneut.

Ob solcher Dreistheit fiel mir ein Erlebnis ein, das mich immer wieder heimsucht. Ein Erlebnis aus den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als man in Zügen noch Fenster öffnen konnte: Ich war in großer Julihitze mit schwerem Koffer unterwegs und erreichte in Osnabrück gerade noch den Regionalzug nach Bad Bentheim. Erschöpft ließ ich mich auf den ersten freien Platz fallen, um alsbald durch einen Höllenlärm aufgeschreckt zu werden: Schräg gegenüber saß ein junges Punkpärchen mit einem riesigen Ghettoblaster, und einer der beiden hatte offenkundig auf Play gedrückt.

"Stellen Sie das bitte aus!", intervenierte ich sofort. "Ey, setz dich doch woanders hin, wenn's dich stört!", sagte der jung Gepiercte und nahm einen tiefen Schluck aus der Bierdose. Ich war perplex. Mehrere Sekunden verstrichen, vielleicht zehn. Dann hörte ich mich sagen: "Sie stellen das jetzt aus!" Beide begannen zu lachen. In mir stieg Hitze auf. Hitze, die einzig durch den Fahrtwind gekühlt wurde, der durch das geöffnete Fenster von den beiden herüberwehte. Aber dann! In drei Schritten war ich bei ihnen, nahm die Höllenmaschine, warf sie aus dem Fenster, und schon saß ich wieder auf meinem Platz. Nun dauerte es einige Sekunden, bis das Pärchen eine Reaktion zeigte: Beide fingen an zu zetern und zu fluchen, stolperten aus dem Wagen Richtung Zugspitze, und ich sah sie nicht wieder bis ich in Bad Bentheim ausstieg.

Ich weiß, was ich tat, das darf man nicht. Es war eine Straftat, die allerdings nach fast zwanzig Jahren verjährt ist. Ja, es tut mir leid. Aber ich gestehe: Neulich in der Berliner S-Bahn habe ich bedauert, dass sich dort schon lange kein Fenster mehr öffnen lässt ...

Reinhard Mawick

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