Verlogen

Es gibt nur dieses eine Leben. Ohne zweite Chance
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Was in William Paul Youngs neuem Roman erklärt wird, ist theologisch nicht anfechtbar und bis auf wenige Ausnahmen auch verständlich. Und doch ist das Buch verlogen...

In Anton Tschechows Drama "Drei Schwestern" von 1900 heißt es: "Ich denke oft: Wie, wenn man das Leben von neuem anfangen könnte, dabei mit Bewusstsein? Wenn das eine Leben, das schon durchlebte, das Brouillon wäre, wie man sagt: ins Unreine, das andere aber: ins Reine!"

Wer kennt nicht den Wunsch, wenn schon nicht das ganze Leben, so doch wenigstens einiges rückgängig machen zu können, an einer bestimmten Stelle noch einmal beginnen zu dürfen?

In William Paul Youngs neuem Roman "Der Weg", bekommt Anthony Spencer, ein durch skrupellose Geschäfte reich gewordener nordamerikanischer Manager, eine solche Chance. Er lebt nach der Scheidung von seiner Frau "isoliert und einsam", fühlt sich verfolgt und wird Opfer seines Strebens nach absoluter Sicherheit: Nach einem lebensgefährlichen Sturz kommt er nicht mehr in seine durch Geheimcodes gesicherte Wohnung. Er erwacht auf der Intensivstation eines Krankenhauses, wobei "erwacht" nicht der richtige Ausdruck ist. Er bleibt im Koma, während seine Seele ins Jenseits gelangt und dort die bestürzende Wahrheit über sein Leben erfährt. Er begegnet unter anderem Jesus und, in Gestalt einer indianischen Großmutter, dem Heiligen Geist. Jesus spricht "mit fester, warmherziger, gütiger Stimme", er lacht "leise und sanft, ruhig und authentisch". Durch ihn erkennt sich Anthony als verwilderten, unfruchtbaren Garten. Er bittet um eine zweite Chance. Die wird ihm gewährt unter der Bedingung, einen Menschen auszuwählen und zu heilen. Er, in dessen Leben nur der Erfolg gezählt hatte, dringt in das Bewusstsein eines Sechzehnjährigen mit Down-Syndrom ein. Von dort wechselt er von einer Person zur anderen, wenn sie sich küssen. Im Leben "einfacher" Menschen erkennt er, dass Liebe, Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Gottesglauben wichtiger sind als Besitz und Unabhängigkeit, dass das Leben auf achtungsvollen Beziehungen beruht. Jesus erklärt ihm: "In den ersten paar Jahrhunderten nach meiner Inkarnation gab es viele, die begriffen hatten, dass Gottes ganzes Wesen beziehungsorientiert ist - drei unterscheidbare Personen, die sich so wunderbar nahestehen, dass wir eine Einheit bilden. Einssein ist etwas anderes als isoliertes unabhängiges Allein. Und der Unterschied ist die Beziehung, die Gemeinschaft."

Er heilt die Vierzehnjährige an Leukämie erkrankte Lindsay, Tochter einer alleinerziehenden Frau. Er stirbt schließlich und wird von Jesus und dem Heiligen Geist empfangen: "Jetzt kommt das Beste!"

Wir könnten das Buch unbeachtet lassen, auch wenn es streckenweise spannend, witzig und humorvoll geschrieben ist. Aber: Es wird viel gelesen. Das gibt zu denken. Was in diesem Buch über Glaube, Dreifaltigkeit und Gottes bedingungslose Liebe erklärt wird, ist theologisch nicht anfechtbar und bis auf wenige Ausnahmen auch verständlich. Und doch ist das Buch verlogen. Den Klischees vom Anfang folgen die Klischees über das sinnvolle, herzliche, solidarische Leben der "einfachen" Menschen. Hier wird suggeriert, unter aufrichtig Glaubenden gäbe es keine unlösbaren Fragen und Probleme - das macht vermutlich einen Teil der Faszination des Buches aus. Vor allem aber spricht es unserem einmaligen, verantwortbar zu führenden Leben den Ernst ab. Denn die Wahrheit ist ja: Keiner von uns bekommt hier auf Erden eine zweite Chance. Dass Gottes Liebe und Vergebungsbereitschaft größer sind als unsere Schuld, verleiht unserem Leben Trost, Hoffnung und Sinn. Aber wir dürfen nicht im Vertrauen darauf leben, uns werde ohnehin alles vergeben oder uns werde eine "zweite Chance" gewährt und aus diesem Vertrauen so leben, als ginge es nur um uns, als wären wir keine sozialen Wesen. Nein, dies Leben ist nicht das Brouillon, es ist das einzige, das wir haben.

Jürgen Israel

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