Warten auf Käpt'n Sharky

Ein Punktum
Ach Kind, so viele Fragen. Dabei wollten wir doch einfach nur Weihnachten feiern ...

Man hat es bei der Taufe fest versprochen: Das Kind im christlichen Glauben zu erziehen, also von Gott und Jesus erzählen, für das Kind zu beten und auch mit ihm. Kriegt man schon hin, dachte man noch am Taufbecken, schließlich gibt es ja Kinderbibeln und man hat auch das Beten nicht ganz verlernt. Vermeintlich gerüstet freut man sich auf kuschelige Kinderbibelabende vor dem Ein schlafen und ganz neue Erkenntnisse. Schließlich gilt es, die Welt gemeinsam neu zu entdecken und das Reich Gottes so zu empfangen wie ein Kind.

Doch die Wirklichkeit ist wie immer komplizierter - oder ist es die christliche Religion an sich? Die ist trotz aller Theologie nicht widerspruchsfrei und darauf wird man spätestens hingewiesen, wenn man in der Vorweihnachtszeit statt dem gerade im ehemaligen Osten Berlins so beliebten Weihnachtsmann dem Christkind eine Chance geben will. Sehr schnell wird klar, warum der Weihnachtsmann viel beliebter ist: Weil er einfach ein netter alter Mann ist, der Geschenke bringt und nicht irgendein Mischmasch aus weiblichem Lichter-Engel mit Goldlocken und kindlichem Jesus mit eben solchen, dessen Geburtstag wir eigentlich feiern - um dann aber von ihm beschenkt zu werden? Und wenn das Christkind aus dem Himmel zu uns kommt, muss es dann nicht vorher gestorben sein? Und folgt daraus nicht, dass Gott auch tot ist, wenn er ebenfalls im Himmel wohnt? Ach Kind, so viele Fragen. Dabei wollten wir doch einfach nur Weihnachten feiern ...

Auch bei den gemeinsamen Gebeten drohen so manche theologische Klippen. Zum Beispiel Käpt'n Sharky. Das ist zunächst nur eine Buchfigur, ein lieber Pirat, von Marketingstrategen offenbar als Gegenstück zur rosa Prinzessin Lillifee entwickelt, damit die Jungs auch was haben, womit sie ihre Eltern nerven können. Nun kann man sich freuen, dass die Tochter sowohl an dem Piraten als auch an Lillifee gefallen findet - erfolgreiches Gender Mainstreaming zumindest in diesem Punkt. Aber was macht man, wenn die Tochter den lieben Gott voller Inbrunst bittet, dass Käpt'n Sharky mal mit seinem Schiff vorbeikommt? Droht hier nicht der nächste religiöse Frust? Man könnte davon reden, dass Gott alle Wünsche hört, aber nicht jeden erfüllt. Oder sogar den Traum ganz zerstören und mit bedauerndem Blick sagen, dass es Käpt'n Sharky gar nicht gibt. Doch das bringt man nicht übers Herz. Also einfach Schweigen, wenn andere beten, und darauf vertrauen, dass Gott das alles versteht und schon die richtige Antwort schickt. Und sich gemeinsam auf Weihnachten freuen. Denn da kommt das Christkind. Oder der Weihnachtsmann. Oder am Ende doch vielleicht Käpt'n Sharky?

Stephan Kosch

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