Verzeihen Sie die Entschuldigung...

Ein Punktum
Kann jemand, der wem auch immer gegenüber schuldig geworden ist, diese Schuld selbst für nichtig erklären? Natürlich nicht, sagt der gestandene Protestant. Doch damit wird er nicht nur sprachlich zum Anachronismus.

Entschuldigung, aber das muss jetzt mal gesagt werden: Wer sich entschuldigt, macht einen Fehler. Das gilt für (Noch)-Bundespräsidenten ebenso wie für alle anderen. Klingt logisch, denn wer einen Fehler einräumt, macht sich angreifbar. Und das kann die eigene Position schwächen, gerade im politischen Geschäft. Da ist es besser, sich unbeeindruckt zu zeigen, höchs-tens zu bedauern, dass irgendwer irgendetwas missverstanden hat und den Schwarzen Peter demjenigen zuzuschieben, der einen Fehler Fehler nennt. Doch es geht hier um eine tiefer schürfende Frage. Kann jemand, der wem auch immer gegenüber schuldig geworden ist, diese Schuld selbst für nichtig erklären? Der gestandene Protestant weiß ja spätestens seit seiner Beschäftigung mit Luther, dass das nicht geht. Man kann sich mühen und abrackern wie man will, zerknirscht gucken, sich Asche auf das Haupt werfen, Rauchopfer bringen zur Besänftigung oder einen Blumenstrauß kaufen - es hilft alles nichts, wenn das Gegenüber diese Entschuldigungsrituale nicht akzeptiert. Das leuchtet jedem ein, der bei anderen in finanzieller Schuld steht, weil er zum Beispiel ein neues Einfamilienhaus finanzieren muss. Würde irgendjemand versuchen, bei seinem Bankberater mit einem treuherzigen Augenaufschlag und einem feierlichen "Ich entschuldige mich" den Kredit zu begleichen? Doch bei moralischer Schuld glauben viele, dass das funktioniert. Dass sie sogar ein Recht darauf haben, sich selber zu entschuldigen. So verwies zum Beispiel der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kurz vor seinem Rücktritt immer wieder zackig darauf, dass er sich ja für seine zusammenkopierte Doktorarbeit entschuldigt habe. Und auch Christian Wulff wurde nicht müde stets zu betonen, dass er sich für seinen übergriffigen Anruf entschuldigt habe. Will sagen: Die Sache ist erledigt, die Weste wieder blitzeblank, Pressefreiheit ist ein hohes Gut, keine weiteren Fragen. Tatsächlich gibt der Duden den selbstbewussten Schuldnern recht: "Sich wegen oder für etwas entschuldigen" steht dort zum Eintrag "entschuldigen". Es scheint also zumindest sprachlich nicht mehr zeitgemäß, "um Entschuldigung zu bitten" und so dem Geschädigten überhaupt noch die Möglichkeit zu geben, den Verursacher von der Schuld frei zu sprechen. Es ist wohl kein Zufall, dass wir das alte Wort "Verzeihung" immer seltener hören. Denn wer das benutzt, der braucht ein Gegenüber, den er um Verzeihung bitten kann. Sie finden das antiquiert? Dann verzeihen Sie bitte, dass ich Ihre Zeit in Anspruch genommen habe. Aber entschuldigen werde ich mich dafür nicht!

Stephan Kosch

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