Identitäten

Wo bleibt das Gemeinschaftsstiftende?
Foto: privat
Mit der Übertragung von Souveränität an Europa könnte es so gehen wie seinerzeit mit dem Währungswechsel: Viele Fachleute werden warnend ihre Stimme erheben, aber nicht erhört werden; später werden die vorhergesagten Negativfolgen nur die verschüttete Milch sein, über die zu lamentieren nicht lohnt.

Woher nimmt eine Gesellschaft ihre Identität? Braucht sie überhaupt eine? In dieser Frage gibt es altbekannte Extrempositionen: Auf der einen Seite finden sich die Einheitsfanatiker - Stichwort "Volksgemeinschaft" -, auf der anderen Seite diejenigen, die identitätsstiftende Elemente als Ideologie und/oder verkappte Herrschaftsausübung ablehnen.

Die "deutschen Mythen", die dereinst Identität untermauerten, wurzelten zwar in tieferen Vergangenheiten, waren aber im Wesentlichen Produkte der letzten dreihundert Jahre. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden sie verschlissen, Nachkriegsrestaurierungen wiesen nur eine mittlere Haltbarkeit auf. Als Ersatz empfahlen Wohlmeinende einen Verfassungspatriotismus, aber der blieb, als Sache der linken Gehirnhälfte, eher blass.

Erfolgreicher war das Bemühen, eine Negativ-Identität in Gestalt der Erinnerung an das Holocaustverbrechen zu implantieren - was nur den erstaunt, der der Meinung ist, dass in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg Verdrängen, Leugnen, Beschönigen die ausschließliche Devise hieß (ich kann das aus eigener Erfahrung allerdings nicht bestätigen).

Aber zur Herstellung von positiven Identitätsaufschwüngen eignet sich das Thema naturgemäß nicht. Auch geht der Prozess der Historisierung des Holocaust rasch weiter: Diejenigen, die jene Zeit noch mitgemacht haben, werden immer weniger, den Enkeln und Urenkeln leuchtet es nicht mehr ein, sich in eine späte Schuldpflicht nehmen zu lassen. Eher betrachten sie die deutschen Verbrechen der Vergangenheit als graue Negativfolie für alle deutsche Geschichte - eine Art Cordon sanitaire, durch den kaum noch etwas von der älteren Geschichte dringt. Hinzu kommt, dass Deutschland schon jetzt längst nicht mehr nur das Land der Nachkommen von Tätern ist, sondern ein Einwanderungsland. Dass die Einwanderer und ihre Nachkommen sich dieser Negatividentität nicht anschließen mögen, ist verständlich.

Und der Verfassungspatriotismus? Das Grundgesetz hat heute ein höheres Renommee denn je, die Wertschätzung, die das Bundesverfassungsgericht genießt, ist Ausdruck desselben. Möglicherweise spiegelt sich darin die Hoffnung, beide könnten wenigstens einen bescheidenen Damm gegen die unberechenbaren Veränderungen unserer gewohnten Welt bilden.

Ein wenig erinnert das an die Geschichte mit der D-Mark und der Bundesbank: Kurz vor ihrem Ende war ihr Ansehen am größten. Heute befinden wir uns in einer Phase, wo die beiden großen Parteien offenbar bereit sind, große Teile staatlicher Souveränität an Europa abzugeben - auf Kosten des Grundgesetzes, vielleicht selbst der Demokratie. So könnte es mit der Übertragung von Souveränität so gehen wie seinerzeit mit dem Währungswechsel: Viele Fachleute werden warnend ihre Stimme erheben, aber nicht erhört werden; später werden die vorhergesagten Negativfolgen nur die verschüttete Milch sein, über die zu lamentieren nicht lohnt.

Nein, von einem Patriotismus, der sich an der deutschen Verfassung aufrichtet, kann keine Rede mehr sein. An deren nie ausgefüllte Stelle soll endlich "Europa" treten. Unglücklicherweise vertraut man darauf, dass das Wirtschafts- und Währungseuropa die europäische Identität schon nach sich ziehen werde. Da aber auf diesem Weg die europäische Vergemeinschaftung des deutschen Wohlstands liegt, haben gerade wir Deutschen allen Anlass, unsere europäischen Gefühle vorauseilend zu forcieren.

Helmut Kremers

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