Profil gesucht

Wie evangelisch soll die Diakonie sein?

Ich habe sie noch erlebt in der Kirchengemeinde meiner Jugend: Die betagte Dame fuhr mit einem alten VW Golf durch die Straßen, machte Krankenbesuche, kümmerte sich um die Alten der Gemeinde und saß jeden Sonntag im Gottesdienst. Und natürlich war Schwester Gudrun schon von weitem als evangelische Sozialarbeiterin zu erkennen, denn schließlich trug sie die Tracht der Diakonissen. Sozialarbeit mit evangelischem Profil, das war Schwester Gudrun in Person.

Doch schon damals war sie eine der letzten ihrer Art, die Arbeit der Diakonie war schon längst diversifiziert, professionalisiert und in unterschiedlichsten Einrichtungen untergebracht. Altenpflege im Heim, mobile Krankenpflege über die Diakoniestation, Familienberatung in den Büros in ganz anderen Stadtteilen – alles ziemlich weit entfernt vom täglichen Gemeindeleben und sonntäglichen Gottesdiensten. Hier ging es um Mission und Bibeltexte, dort um Sozialgesetzbücher und Pflegesätze. Und so mancher Mitarbeiter der Diakonie zeigte demonstrativ seine distanzierte Haltung zu den Kirchenmitgliedern, während diese darauf pochten, dass eine noch so gute Tat nicht wirklich dem Reich Gottes dient, wenn sie nicht dem rechten Glauben entspringt.

Diese Entfremdung zu überwinden, die auf vielen Ebenen und an zahlreichen Orten in Diakonie und Kirche zu beobachten ist, ist das Ziel der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilentwicklung, die jetzt in Berlin ihre Arbeit aufgenommen hat. Dahinter stehen als Gründungsinstitutionen die EKD, Diakonie Deutschland und die Arbeitsgemeinschaft missionarische Dienste, die dem „gewollten Baby dieser drei Eltern“, wie Diakoniepräsident Ulrich Lilie formulierte, einen großen Auftrag mitgeben. „Wir müssen aus der Versäulung herausfinden und stattdessen Netzwerke bauen“, so Lilie. In der Tat erreicht die Diakonie Menschen aus allen Milieus und nicht nur die bildungsbürgerlich geprägte Kerngemeinde der evangelischen Kirche. Gleichzeitig fehlt vielen Menschen, auch Mitarbeitenden der Diakonie der Zugang zu den Quellen, aus denen sich die Diakonie speist.

Doch wie kann das Profil entwickelt werden? Sicher können die klassischen Begriffe „Mission“, „Zeugnis durch Wort und Tat“, „Verkündigung des Reiches Gottes“ erste Wegmarkierungen sein. Aber gleichzeitig müssen sie mit neuem Leben und Inhalten gefüllt werden, die von der Hartz-IV-Beratung über die mobile Pflege auf dem Land bis zur Lobbyarbeit für Flüchtlinge und das Management eines Seniorenheims reichen. Ist das möglich, ohne neue Containerbegriffe zu formulieren, in denen Konturen verschwinden? Wie profiliert kann ein Profil sein, das so viel abdecken muss?

Die 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arbeitsstelle haben keine leichte Aufgabe vor sich, und es wird viel Kommunikation und Austausch mit den Menschen in Diakonie und Kirche nötig sein wird, um ein authentisches Profil zu entwickeln. Die erste Etappe auf dem langen Weg soll ein Kongress im Jahr 2020 sein, in dem möglichst viele bereits bestehende Beispiele für ein engeres Miteinander von Diakonie und Kirche vorgestellt werden. Darauf darf man gespannt sein, denn es geht ja um die wesentliche Zukunftsaufgabe der Kirche in einer immer komplizierter werdenden Welt – nämlich die Kommunikation des Evangeliums in Wort und Tat.

Stephan Kosch

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