Nachdenken second

Über Euphorie und Ernüchterung in Sachen Digitalisierung und Bildung
Foto: privat

Fünf Milliarden Euro will der Bund den Ländern in den kommenden Jahren für eine stärkere Digitalisierung der Schulen zu Verfügung stellen. Kürzlich schrieb Jürgen Kaube in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung , das besonders Problematische an diesem „Digitalpakt“ sei „das allseitige, gedankenlose Absingen von Zukunftsphantasien, das ihn begleitet“. Man müsse heute nur noch Digitalisierung sagen – und schon melde sich der Verstand zugunsten von Visionen ab.

Davor scheinen auch universitäre Fachleute nicht gefeit. So schwärmt etwa Axel Krommer 2018 im Magazin Sprache des Goethe-Instituts davon, dass Tablet und Internet nicht lediglich neue Werkzeuge seien. Der wahre Mehrwert digitaler Medien bestehe keineswegs darin, alte Ziele schneller zu erreichen, sondern vielmehr „völlig neue Zieldimensionen erstmals zu erschließen“. Die heraufziehende „Kultur der Digitalität“ tauche „die gesamte Gesellschaft in eine neue Denk-Nährlösung, in der auch solche Begriffe wie ‚Lernen‘ und ‚Wissen‘ neue Bedeutungen erhalten“. Hingegen sei die allenthalben aufflackernde Digitalskepsis (Motto: „Pädagogik vor Technik!“) im günstigsten Falle banal.

Das wirkt schier überwältigend. Aber dann denkt man an Peter Sloterdijks Warnung, wir lebten in einer „Sphäre des Vorhergesagten und Nachgeredeten“ – und überlegt. Stimmt das eigentlich, was so einnehmend klingt? Hellsehen kann sicher niemand – man wird beobachten müssen, wie sich die Dinge entwickeln. Aber den aktuellen Forschungsstand ganz leugnen – das muss doch auch nicht sein.

So besagt die derzeit weltgrößte Datenbasis zu Unterrichtseffekten, die xxl-Metastudie „Visible Learning“ des neuseeländischen Forschers John Hattie (2009/2017): Im Vergleich zur durchschnittlichen Lernprogression von Schülern (Effektstärke 0,4) bleiben die Lerneffekte durch Digitalisierung (mit Ausnahmen) leicht unterdurchschnittlich. Nicht die verwendeten Medien sind eben das Entscheidende, sondern der Aktivierungsgrad der Schüler – sowie die Motivation durch ihre Lehrperson und deren Anleitung zu tiefenwirksamer Auseinandersetzung mit dem Lernstoff. Ob etwa jeder Schüler ein eigenes Laptop hat, ist relativ unbedeutend (0,16); wenn jedoch interaktive Lernvideos den Unterricht ergänzen, kann dies sehr hilfreich sein (0,54). Auch im naturwissenschaftlichen Unterricht gibt es anscheinend Wichtigeres als IT-Einsatz (0,23), während sich bei besonderen Förderbedarfen digitale Hilfsmittel als förderlich erweisen (0,57).

Das lässt zumindest vermuten: Der analoge (weil anthropologisch bedingte) Flaschenhals beim Lernen lässt sich weder umgehen noch ausschalten; durch ihn muss hindurch, wer in der Welt halbwegs mündig ankommen will, auch der zunehmend digitalisierten. Deshalb titelte ja Medienwissenschaftler Ralf Lankau: „Kein Mensch lernt digital.“ Dabei ist das bereichernde Potenzial des neuen Handwerkszeugs für die Schule unbestritten. Üben und Anwenden können für Schüler reichhaltiger und individueller werden, Einsichten lassen sich vielfältiger vertiefen, es gibt mehr Möglichkeiten für Feedback.

Ein vollkommen anderes, etwa selbstgesteuertes Erarbeiten neuer Zusammenhänge aber ist bislang nicht in Sicht. Dafür stellen sich schon jetzt andere Fragen – etwa die nach der Datensicherheit bei zunehmender Digitalisierung der Schulen. Wer hat oder bekommt wann Zugriff auf die Dellen und Patzer in der Lernbiografie unserer Kinder? Sollen unsere Minderjährigen bereits BigData füttern – und wer verdient daran? Wie transparent sind die verwendeten Algorithmen – und können User eigene Daten wirklich löschen? Aber schließlich auch: Wer will eigentlich wie kontrollieren, ob Schüler mit den schönen neuen Instrumenten wirklich lernwirksam arbeiten – und sich nicht nur die Zeit vertreiben?

Nicht, dass es den Digitaleuphorikern am Ende geht wie den Verfechtern der scheinplausiblen Rechtschreibmethode „nach Gehör“. Gerierten sich diese lange als Türöffner schriftsprachlicher Emanzipation, ist mittlerweile gründlich nachgewiesen, dass strukturiertes Lernen (Schimpfwort: „Fibelunterricht“) weitaus erfolgreicher ist. Die Zeche für den Irrweg mussten wieder mal die Schwächsten zahlen – Kinder aus bildungsfernen Milieus, deren Eltern die Defizite der neuen Heilslehre nicht durch Selbst- oder Nachhilfe ausgleichen hatten können.

Menschen sollten sich nicht zu sehr daran gewöhnen, nur zu tun, was Maschinen ihnen sagen beziehungsweise ermöglichen, so Ralf Lankau. Mehr humane Skepsis also gegenüber dem medialen Sog in Richtung angebliche Moderne! Weil dieser Sog aber unheimlich gesponsert wird, darf mit Widerstand gegen diese Position gerechnet werden – nicht nur seitens der vom Driften so begeisterten Nutzer.

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Michael Felten, geboren 1951, war Gymnasiallehrer in Köln und arbeitet in der Lehreraus- und -weiterbildung.

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Michael Felten

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