Wuchtig

Geschichten aus dem Süden
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Heimelig oder nostalgisch sind diese Begegnungen auf dem Land im Süden nie, aber dicht an den Menschen.

Ich bin Mitglied und Predigerin jener Kirche, in der Blinde nicht sehen, Lahme nicht laufen und das, was stirbt, auch tot bleibt,“ legt Flannery O’Connor (1925-1964) in dem Roman „Wise Blood“ einer ihrer Figuren in den Mund. Sie selbst war tief gläubige, praktizierende Katholikin und lebte bis zu ihrem frühen Tod in Georgia, dem puritanisch-bibelschwarzen, alten Sklavenhaltersüden der U. Die Menschen dort, deren Abgründe, Ängste, selbstgerechte oder naive Träume, abrupte Gewaltausbrüche, religiöse und seelische Verkrümmungen bevölkern die Kurzgeschichten, mit denen Flannery O’Connor als faszinierend unbarmherzige Erzählerin vom bodenständig Unerlösten literarischen Weltruhm erlangte.

Kurzprosa, die bei uns lange nicht mehr erhältlich war. Da ist es höchst erfreulich, dass nun zehn ihrer 31 „Storys“ neu übersetzt und mit vorzüglichem Nachwort in dem Band „Keiner Menschenseele kann man noch trauen“ vorliegen. Größte Schmach, persönliche Katastrophe oder gar „jüngstes Gericht“ als zu Lebzeiten erlittene Verdammnis sind darin nie spektakulär, sondern bloß unerwartet und dabei doch triftig, oft grotesk und in schwarzen Humor getaucht. Da plant die junge Philosophiedoktorin, den Haustürbibelverkäufer zu verführen, weil der Übellaunigen gerade danach ist, doch der entpuppt sich als der wahre Nihilist. Er wollte ihr von vornherein an die Röcke und lässt vom Heuboden auch noch ihr Holzbein mitgehen: „Farm life“ der frühen Fünfzigerjahre - denkbar weit entfernt vom Sich-verfehlen-Schwulst-Südstaaten-Klischee in „Vom Winde verweht“ und treffsicher auf den wunden Punkt gebracht.

Nach einem Unfall auf staubiger Nebenstrecke trifft eine brüchige Ausflugsfamilie ausgerechnet auf einen namenlosen Outlaw und dessen Söhne Bobby Lee und Hiram als Helfer, die sie bedenkenlos meucheln. Der Schwiegermutter gelingt es noch, den Outlaw in ein Gespräch über das Beten zu verwickeln, was ja auch ihm helfen würde. Er stimmt zu, sie fasst Hoffnung, fragt, warum er da nicht bete. Er wolle keine Hilfe, komme gut allein klar. Sagt es, erschießt sie und schnauzt einen der Jungs an: „Es gibt kein echtes Vergnügen im Leben.“

In „Der Flüchtling“ wird aus Profitpragmatismus, Fremdenangst und sachter Philanthropie der Farmerin Klatschsucht und Verleumdung, eine Kette, die zum Mord aus größter Niedertracht führt, hernach die Beteiligten aber in alle Winde verstreut. Ein selbstverliebter Sozialarbeiter, der für den geschundenen jungen Delinquenten alles meint, tun zu wollen, wird von jenem vor lange hingehaltenen Polizisten entlarvend vorgeführt: „Wenn ich soweit bin, dass ich gerettet werde, dann wird Jesus mich retten, nicht dieser verlogene, stinkende Atheist.“

Weisheit spricht indes aus den Worten eines herumgeschubsten alten Schwarzen: „Der Teufel, den man kennt, ist besser als der, den man nicht kennt.“ Das ist zugleich eine Maxime, an die sich auch O’Connors Geschichten halten. Gott bleibt darin unerkennbar, der Mensch dafür um so mehr. Großartig und Genuss sind sie alle: von alttestamentlicher Wucht, dabei teils drastisch oder mit ans Übersinnliche grenzender Symbolik gewürzt, etwa wenn der lange Schatten des Verleumders „mit schnabelartiger Nase wie eine Schlange die sonnenbeschienene offene Tür hinaufglitt und auf halber Höhe innehielt“.

Heimelig oder nostalgisch sind diese Begegnungen auf dem Land im Süden nie, aber dicht an den Menschen - auch am Erschrecken. O’Connors Anteilnahme ist spürbar, enthält sich jedoch jeden Kommentars. Ihre Storys sind genau beobachtet und komponiert und nie von Sinnapologetik getrübt. Das ist mitunter brutal, allerdings auch wohltuend wahrhaftig. Kurzum, Literatur für die Insel.

Udo Feist

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