Geistreich leben

Überraschende Entdeckungen zu Pfingsten
Der Maßstab der Freiheit sind die schöpferischen Möglichkeiten Gottes und nicht die engen Grenzen menschlicher Macht.

„Unglaub und Torheit brüsten / sich frecher jetzt als je“ - wer könnte die Klage aus Philipp Spittas Pfingstlied über die Geistlosigkeit der Zeit in unseren Tagen nicht mit Inbrunst als treffende Zeitdiagnose singen? Beispiele für Unglaube und Torheit fallen uns schnell ein: die programmatische Aufwertung der eigenen Vorrangstellung, die die Anderen abwertet; das rückhaltlose Vertrauen auf die Macht des Wettbewerbs, der mit dem eigenen Sieg die Niederlage der Anderen inszeniert; die Durchsetzung des Eigenen, sei es der Nation, der Kultur oder der Religion, deren Kraft vor allem im Ausschluss der Anderen wirksam ist. Alles das im Gestus stolzer Selbstbehauptung, die den Anderen alles abspricht, was man an sich selbst feiern möchte. Es wäre ein Verlust, wenn die Kritik an der Rede von der Sünde auch dazu führen würde, dass die diagnostische Kraft der Sündenlehre, die Stolz, Selbstliebe und die Begierde, mehr zu haben, um mehr zu sein, zu den wichtigsten Symptomen der Psychopathologie der Sünde zählt, auch verloren würde. So würde uns auch die Einsicht verstellt, dass die Neigung, Unglauben und Torheit stets bei Anderen zu suchen, sichere Hinweise auf ihre Wirksamkeit bei uns sind. Ist die Bereitschaft, Unglauben und Torheit in der eigenen Zeit am frechsten vertreten zu sehen, nicht auch Ausdruck der Haltung „Zuerst wir!“, die uns als besonders töricht vorkommt?

Angesichts der Geistlosigkeit der Zeit verspricht uns das Pfingstfest überraschende Entdeckungen. Das liegt in der Natur des Geistes. Im Gegensatz zum geistlosen Wechselspiel von Reiz und Reaktion, von Provokation und Gegenprovokation und im Widerspruch zur Eintönigkeit von Überlegenheitsträumen und Unterlegenheitsängsten ist mit der Ausgießung des Geistes an Pfingsten eine neue Wirklichkeit verheißen, die Freiheit anstelle von Unfreiheit, Gemeinschaft am Ort von Einsamkeit und Konkurrenz und die Erfahrung von Wahrheit angesichts der Verstrickung in Verblendung und Lüge verspricht. Nach dem Nizänischen Glaubensbekenntnis, das wir an den Feiertagen, also auch am Pfingstfest gemeinsam sprechen, wird der Geist, „der Herr ist und lebendig macht“ mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht, weil er zusammen mit dem Vater und dem Sohn die eine Wirklichkeit Gottes ist. Hier ist von einer Herrschaft die Rede, die befreit und nicht knechtet, weil sie alle weltliche Herrschaft radikal relativiert und der Herrschaft des Schöpfers unterstellt, so wie sie in Christus Mensch geworden ist. Der Maßstab der Freiheit sind die schöpferischen Möglichkeiten Gottes und nicht die engen Grenzen menschlicher Macht. Der Pfingstgeist ist der Geist, der die Botschaft der Freiheit als Geist der Verständigung versteht, die von allen in ihrer eigenen Sprache verstanden wird und in allen Sprachen verständlich wird. Pfingsten wird oft als „Geburtstag der Kirche“ gefeiert. Wird dabei der Geist gefeiert, der der Kirche die Freiheit der Wahrheit der Verheißung Gottes bringt, kann die Kirche ihr Leben geistvoll als „Institution der Freiheit“ gestalten.

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Christoph Schwöbel ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Tübingen und Herausgeber von zeitzeichen.

Christoph Schwöbel

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