Selbstsorge und Fürsorge

Wie aus Kirchengemeinden Gemeinschaften werden
Foto: Jens Schlüter
Foto: Jens Schlüter
Der Leipziger Vikar Sebastian Schirmer (33) fragt in seiner praktisch-theologischen Doktorarbeit, wie Seelsorge und das, was Philosophen über „Anerkennung“ denken, eine gelingende christliche Gemeinschaft bewirken können.

Menschen ohne Gemeinschaft sind wohl kaum vorstellbar. Die Gemeinschaft prägt den Einzelnen - schon in ihrer kleinsten Form: der Zweisamkeit - ebenso, wie er/sie die Gemeinschaft mitprägt. Wenn wir versuchen, uns zu verständigen, dann können wir zumindest darauf hoffen, uns zu verstehen - wurde mir während einer Kurseinheit der Klinischen Seelsorgeausbildung (KSA) gesagt. Aber das ist nicht so leicht. Denn Missverständnisse prägen den kommunikativen Alltag.

In meiner Doktorarbeit möchte ich die Beziehung zwischen Seelsorge und der Entstehung einer gelingenden christlichen Gemeinschaft - konkret in der Ortsgemeinde - untersuchen. Diese Beziehung ist in der Seelsorgelehre (Poimenik) wenig in den Blick genommen worden. Seelsorge wird meist nur eindimensional gedacht als Beziehung zwischen Seelsorger/in auf der einen und Seelsorgesuchenden auf der anderen Seite. In meiner Arbeit geht es dagegen um eine Seelsorge, die räumlich und zeitlich nicht begrenzt ist, sondern vielmehr den einzelnen Menschen sowie soziale Schichten und Räume übergreift und es so ermöglicht, dass Kirchgemeinden gelingende christliche Gemeinschaften werden. Wenn Seelsorge so dazu beiträgt, dass zwischenmenschliche Beziehungen gelingen, beschränkt sie sich nicht (mehr) nur auf einen Dienst am Nächsten, sondern ermöglicht Gemeinschaft. Der Dreh- und Angelpunkt einer so verstandenen Seelsorge ist Anerkennung. Um ein Konzept, das Gemeinschaft, Anerkennung und Seelsorge miteinander vermittelt, geht es in meiner Dissertation mit dem Arbeitstitel: „Einander anerkennen - Seelsorge als transversale Sorge um gelingende Gemeinschaft“.

Dabei fließen natürlich Erfahrungen und Erkenntnisse ein, die ich vor dem Studium und in ihm gewonnen habe: In der Kirchgemeinde, in der ich aufwuchs, wurde das Gemeinschaftsgefüge vornehmlich durch die Pfarrperson geprägt, was bei ihrem Weggang problematische Folgen hatte. Als ich dann in Leipzig das Studium der Theologie begann, arbeitete ich zwei Jahre lang in einer Einrichtung für Menschen mit Suchterkrankung. Die Erfahrungen, die ich hier und bei anderen Tätigkeiten während meiner Studienzeit (auch als Pflegehelfer) sammelte, nährten mein Interesse an der Seelsorge. Und das Thema gelingender Gemeinschaft drängte sich mir auf, nachdem ich Dea Lohers Theaterstück Das letzte Feuer gesehen hatte: Es schildert eine Gemeinschaft von Menschen, die zutiefst ineinander und miteinander verstrickt, aber unfähig sind, miteinander zu kommunizieren, um dem eigentlichen Problem auf die Spur zu kommen. Stattdessen verfehlen sie sich und einander und die Aufklärung der aktuellen Vorgänge am Ort permanent.

Im meinem Studium bildeten praktisch-theologische und philosophische Fragen einen Schwerpunkt. Schon als Student besuchte ich im Rahmen der KSA einen Grundkurs, dem sich nach dem Studium ein weiterer Kurs anschloss. Bei meinen philosophischen Studien stieß ich auf die Frankfurter Schule. Dabei faszinierte mich der Ansatz von Axel Honneth, der das - durch Wissenschaftler wie Theodor Adorno, Max Horkheimer und Jürgen Habermas bekannt gewordene - Institut für Sozialforschung an der Universität Frankfurt am Main leitete. Mit den Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) und Georg Wilhelm Hegel (1770-1831) versteht Honneth Anerkennung als den Schmierstoff des menschlichen Miteinander und bezeichnet die Prozesse zwischen Menschen in einer Gesellschaft als „Kampf um Anerkennung“. Dabei sind auch Kritik oder Miss- und Verachtung Formen der Anerkennung. Es geht allerdings in den Bereichen, in denen Menschen aufeinandertreffen (die Sphären von Liebe, sozialer Wertschätzung und politischer Anerkennung, wie als Bürger/in eines Staates), um gelingende Anerkennung. Und diese zeitigt gelingende Gemeinschaft. Es handelt sich beim Anerkennungsbegriff also vor allem um ein Mittel zur Beschreibung von zwischenmenschlichen Prozessen.

In meiner praktisch-theologischen Dissertation bei Professor Peter Zimmerling an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Leipzig will ich Honneths Ansatz für christliche Gemeinschaft fruchtbar machen und zeigen, dass diese ein ihr wesentliches Instrument an der Hand hat, das zu gelingender Gemeinschaft verhelfen kann: die Seelsorge.

Honneths Annerkennungsbegriff erfährt in den aktuellen Debatten auch Kritik, vor allem im englischsprachigen Raum: Sein Anerkennungsbegriff greife zu kurz und berücksichtige die gesellschaftlichen Machtstrukturen zu wenig. Daher erscheint mir vielversprechend, Honneths Ansatz mit dem der US-Philosophin Judith Butler ins Gespräch zu bringen. Denn in jedem Miteinander existieren Abhängigkeiten. Butler bricht durch die Einbeziehung von Machtstrukturen und normativen Diskursen die quasi dyadische Form der Anerkennung auf. Das heißt, Anerkennung ist nicht nur ein Prozess zwischen den beiden Polen Anerkennen und anerkannt sein. Für Butler handelt es vielmehr um ein dreipoliges Geschehen: Zur Anerkennung kommen immer auch Konventionen oder ähnliches hinzu, also Machtgefüge.

Aus dem Gesagten geht hervor, dass meine Doktorarbeit stark theoretisch geprägt ist. Dennoch enthält sie praktische Bezüge und behält die Kirche im Blick. Meine Arbeit will für die Gestaltung von Kirchgemeinden natürlich kein Patentrezept liefern, aber ein Angebot machen.

Die Idee, wie gelingende Gemeinschaft möglich wird, ist mir unter anderem während der Seelsorgeausbildung aufgegangen: Es geht um Gruppenprozesse, um Selbstsorge und Fürsorge, mich und die/den andere/n kennenzulernen - Verständigung in der Hoffnung auf Verstehen. Eine entsprechende Haltung kann erlernt werden. Dies müsste in Gemeindegruppen geschehen, die zum Beispiel von Supervisoren und Supervisorinnen angeleitet werden.

Ich sehe Anzeichen dafür, dass die Individualisierungsgesellschaft sich wandelt und Menschen verstärkt Gemeinschaft suchen. Das zeigen empirische Studien, aber auch Erfahrungen, die ich in meiner Vikariatsgemeinde im Leipziger Süden mache. Menschen suchen Gemeinschaft in verschiedenen Gruppen, Vereinen, Wohngemeinschaften - aber weniger in Kirchgemeinden. Hier beschränkt sich Gemeinschaft nicht selten auf zeitlich begrenzte Formen, wie den Sonntagsgottesdienst - wenn überhaupt. Mit anderen Worten: Gemeinschaft ist auf Zweck- und Zeitgemeinschaft beschränkt. Was sie natürlich in anderen Zusammenhängen, zum Beispiel Vereinen, auch oft ist. Aber mir schweben Kirchgemeinden vor, die mit Hilfe der Methoden der Seelsorge(ausbildung) eine gelingende christliche Gemeinschaft verwirklichen. Dies kann auf Dauer angelegt sein, muss es aber nicht. Das ist für mich eine der Wesenskerne christlichen Lebens und Glaubens: dass Menschen es miteinander besser haben als allein.

Aufgezeichnet von Jürgen Wandel

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